"Death In June"

O. Pryde bittet jemanden, zufällig eine Platte aus seinem Regal zu ziehen: Death In June – Nada! (1985)

Meine Frau griff in das CD-Regal und drückte mir das dritte Album von Death In June, Nada! in die Hand. Automatisch dachte ich an die ersten beiden Songs: Honor The Silence, der Opener, welcher in einem Italo-Western bestens aufgehoben wäre. Ich mag diesen Song, genau wegen dieser rauen Western-Attitüde, die eigentlich so gar nicht zu DI6 passt, weder zum Trio im Erscheinungsjahr 1985 (Douglas P., Tony Wakeford und Patrick Leagas), noch zu den wechselnden Gastmusikern rund um Douglas Pearce in den 90ern, und schon überhaupt nicht zu Dougs aktuellen, mehr oder weniger im Alleingang aufgenommenen, Alben seines Spätwerks.

Ein Schlagzeug wie vom Hinrichtungskommando, ein summender Männerchor zur akustischen Gitarre im Hintergrund und schief, wie er eben früher sang, schmetterte Doug P. die Zeile „We stood like Jesus, he smelled like heaven, his eyes were winter“ in die Landschaft, in welcher vor dem geistigen Auge gerade der Vater eines Halbwaisen von den lokalen Banditen an einen vertrockneten Baum geknüpft wird, gerade rechtzeitig zum Einsetzen der dramatischen Trompete und der hart gezupften Stromgitarre.

Ein guter Song, den Tag zu beginnen.

Die zweite angesprochene Nummer ist The Calling (Mk II), und auch diese ist für DI6 untypisch, fällt sie doch in die frühe Phase des Wave und gilt daher bis heute als Klassiker auf einschlägigen Veranstaltungen. Ich bin mir sicher, hätte es vor 25 Jahren bereits FM4 gegeben, Calling wäre dort in heavy rotation gelaufen. Ich erinnere mich noch gut an die „Walls Of Sacrifice“-Parties, damals im „Monastery“, wo man den Electro-Sound dieses Liedes mit deutscher Pünktlichkeit immer gegen Mitternacht hören konnte; die 15 Tanzminuten der Tarnjacken einläutend (weil meist gefolgt von ähnlichen Gassenhauern wie Leben heisst Leben von Laibach und vergleichbar erhebenden Tonkunstwerken der konservativen Avantgarde).

Man hob seine Bier- oder Cidergläser, sagte „Ahhh!“, und wenn man nicht tanzen (aka „marschieren“) wollte, nickte man dezent mit dem Kopf, um den Kennern zu signalisieren „Ja, das ist Death In June und ich bin begeistert“. Einen ähnlichen Effekt erzielen bei mir die ersten Vorboten von DI6‘ aufkommendem Wechsel ins Fach des Neofolks, Fields Of Rape, Leper Lord (ganz groß: „There he stood, at the edge of the world, snatching the sun from the sky! Oh Leper Lord, my Leper Lord, make the angels cry!“) und C’est un rêve. Kurze Songs, perfekt zum mitsingen bei jeder Gelegenheit; zeitlose Klassiker.

Dass meine Frau zu Death In June greifen wird, war mir klar, ist diese Band in meinem musikalischen Leben doch die größte Konstante. Um Douglas P.s Projekt ranken sich viele Mythen und Legenden, viel Kontroverses und Zweideutiges; sie polarisieren wie nur wenige Bands und können auf 30 Jahre Geschichte zurückblicken, auf viele stilistische Ebenen (Post-Punk, Post-Industrial, New/Dark Wave, Martial, Military Pop, Neofolk, …), auf viele Gastmusiker (David Tibet, Boyd Rice oder Albin Julius, um nur drei bekannte Namen zu nennen) und sogar auf mehr Bootlegs als die meisten anderen Bands (mein Tipp: White Hands Of Death).

Nada! war ein für seine Zeit untypisches Album, es hat Ecken und Kanten, harmoniert perfekt mit seiner Schwester-EP 93 Dead Sunwheels, und man kann es getrost als „inspirierend“ bezeichnen. Man hört noch ein wenig den kantigen Sound von Pearce’ und Wakefords Zeit bei der linksextremen Punkband Crisis, aber das später für DI6 typische Feeling ist ebenfalls schon vorhanden. Im Gegensatz zu den Vorgängeralben war Nada! ein Wendepunkt in der Geschichte der Band, nicht nur musikalisch, zerfiel danach doch das Trio langsam, bis eben nur noch Douglas übrig war, welcher heute in seinem „Fort Nada“ in der australischen Einöde sitzt und gelegentlich noch den einen oder anderen Tonträger herausbringt. Wie wichtig Nada! für alle Beteiligten war, konnte man 2009 am Leipziger WGT sehen, als Leagas mit seiner Band Mother Destruction Songs von diesem Album interpretierte.

Für mich persönlich ist es nicht die wichtigste Platte der Band, aber eine, die immer wieder gerne in der unverschämpt potenten Stereoanlage landet. Und dann träume ich vom Galgen bei Morgengrauen.

Über den Autor: O. Pryde twittert und ist Herausgeber des misanthropischen Online-Magazins Der Blogger.

Death In June: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.


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