Das kleine Lästern

20140911-DSC_0328Vielen Dank für all die positiven Reaktionen auf meine letzte Geschichte. Ich habe mich sehr gefreut. Ein zauberhaftes Gefühl wenn  alte Bekannte und Freunde, von denen Du lange nichts mehr hörtest,  sich als Reaktion für einen gelungenen Artikel melden.

Ich bedanke mich für die intensiven Gespräche, langen Mails und Telefonate als Feedback auf meine Geschichte. In den Diskussionen drängte sich immer wieder die Frage in den Raum, warum Menschen im Grunde schwer konfliktscheu sind. Sie reden lieber übereinander als den Schritt zum Miteinander zu wagen. Das zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Angefangen im täglichen Leben…“hast Du gesehen wie dick der Mann da hinten im Bus ist.?” Egal ob der arme Mann krank ist oder nicht, das visuelle Bild welches er abliefert passt nicht in die Norm. Er gibt uns  Grund zum Lästern. “Oh Mann gelbe Socken sind ja wohl so was von out.” oder “Hat die niemanden zu Hause der ihr sagt wie bescheuert das Altrosa zum Neongrün ausschaut?” Getuschel und kleine Lästereien sind ein bisschen das Maggi im Alltagskessel, die Orchidee im Berufsdschungel, das beruhigende Ooooohhhhhhmmmm zum Freizeitstress. Sie gehören dazu. Sie liften das eigene Ego. Der andere hat die gelben Socken an, nicht ich. Mein BMI ist zwar nicht optimal aber so fett, wie die Tussi da, bin ich ja wohl nicht.  Sticheleien, zweideutige Andeutungen, die kleine Kopfschüttelei und ein bisschen Gerede liften das Ego.  Die Kunst des dezenten Lästerns besteht im rechtzeitigen Ausstieg aus dem Boshetenlabyrinth. Manchmal ist das überhaupt nicht einfach. Und manchmal treiben scherzhaft gemeinte Sticheleien böse Dornen.

Wer übrigens von sich behauptet er lästert und tuschelt nicht über andere Menschen, der erzählt auch das er keine Notlügen benutzt und noch nie bei Rot über die Fussgängerampel gehuscht ist. Kleine Lästereien sind Salz in unserer Alltagssuppe. Sie pushen das Selbstbewusstsein. “Hast Du gehört…die hat versucht sich den zu angeln, mit nem prallen Dekolltè und viel zu kurzem Rock. Jetzt ist ihm langweilig und was hat es ihr genutzt? Kreuzunglücklich die Arme.” Während wir die News hinter vorgehaltener Hand der Kollegin anvertrauen, fühlen wir eine Welle der Erleichterung, das wir nicht diejenige sind, welche sich die Augen ausweint. ” Vielleicht wäre ein bisschen weniger Makeup nicht verkehrt.” .. Ach ich bin heute morgen  zu spät aufgestanden und die Perfektheit der Frau da drüben kotzt mich grad bissel an- ein kleiner Gedankenaustausch über die Unsinnigkeit von Makeup lässt mich die Präsenz meiner Augenringe etwas besser ertragen. “Mensch hat die schon wieder zugenommen? Oder ist sie dieses Mal endlich schwanger?”  Lästern ist Alltag, ist Leben und  ist auf jeden Fall gesellschaftsfähig. Und es ist definitiv kein Frauending, lästern ist geschlechtsunabhängig und Chromosomenübergreifend. Jungs lästern mindestens genauso oft und intensiv wie die Damen. Vielleicht sind sie weniger subtil und direkter, bringen die Dinge eher auf den Punkt. Ich denke auch das Jungs dieses ‘sich in Lästereien verbeissen’ glücklicherweise weniger perfekt beherrschen als Frauen.  Männer verlieren schneller das Interesse an der kleinen Lästerei. “Gibt Wichtigeres zu tun, bevor ich da meine Energie verschwende geb ich dem Typen entweder eins auf’s Maul oder stoss mit ihm an oder kümmer mich einfach nicht mehr drum….” sind die meistgenannten Argumente auf die Frage, warum die Herren weniger langatmig im ÜbereinanderGeQuatsche sind.

Ein Leben ohne Lästerei? Puuuhhhh- ziehmlich grau würd ich sagen. Stellt Euch vor ,ihr wartet beim Zahnarzt und es gäbe lediglich die SZ und daraus ausschließlich den Wirtschaftsteil, zu lesen? Keine Gala, Bunte, In Touch – nix. Börsendaten und Kapitalumsätze so viel Dein Herz begehrt. Langweilig oder?! Was Du armer gestresster Manager den ganzen Tag zu lesen bekommst soll Dich ausschließlich in der Freizeit unterhalten? Neiiiiiiiiiin! Diese bunten Blätter die Dir von den Gewichtsproblemen der Promis berichten, ihre PseudoAffären aufdecken und sich damit beschäftigen wer, mit wem und wo und wann sind elementar und haben eine unumstößliche Existenzberechtigung im BlätterWald. Genau betrachtet drehen sich die Artikel, Geschichten, Neuigkeiten der YellowPress um ganz besonders unwichtige Dinge. Aber niemand will gänzlich drauf verzichten. Wir wollen wissen wie sehr sich die Prominenz daneben benimmt. “Siehste- der kann auch nix gegen die 10 Kilo zu viel auf den Rippen tun. Mann die hat sich aber auch aufgedonnert da zur Preisverleihung. Ach hast Du gesehen – die hat sich doch auch mit Botox aufhübschen lassen. Kann ja kaum noch reden geschweige denn lachen Arme. Überhaupt keinen Stil die Frau, viel zu billig mit all den Einblicken in ihren Ausschnitt. Hast Du schon gehört, der hat doch glatt die Putzfrau vernascht und sich dabei erwischen lassen.”Beim Lesen all der Promidramen denkst Du Dir- Ach! wie schön. Ich hab zwar kein Geld und so tief geschnittene Kleider kann ich mir nicht leisten und keine Sau kennt mich, aber mir darfs auch egal sein ob ich früher den Nerd ( schon wieder so eine Stichelei) von gegenüber geknutscht hab . Hervorragend! Lästereien im täglichen Leben sind so normal wie die Notlügen alá  ‘Ich hab den Bus verpasst, die UBahn, nein die Jeans ist nicht zu eng, das Blau passt wunderbar zu Deinen Augen, ich glaube an den HSV…’ Würden wir nicht mehr lästern und wären wir immer ehrlich. Oh Gott wie langweilig. Das Leben wäre sehr viel weniger bunt und lustig, all die kleinen Anekdoten fehlten, keine schnell gewisperten Plaudereien- total unbunt wär das.

Kritisch wird es , wenn die Lästereien zum Laster werden. Wenn Du Dich auf jemanden bestimmtes einschiesst und mit Deinen Sticheleien nicht mehr aufhören kannst. Das ist ein gefährliches Pflaster. Dann mutiert die kleine Lästerei schnell zu was Lästigem und Bösen. Das kennen sicherlich viele Menschen dieses leicht zwackende Gefühl, das da ein Groll gegen wen ist und derjenige benimmt sich auch noch komisch. ‘ Warum macht er dieses und jenes, wieso ist er so trottelig,Kann der nicht anders, warum ist der so und nicht so? Warum motzt der mich grundlos an, schau ihn Dir an….immer weiter und immer schraubst Du am GetuschelWurm und fabrizierst Dir einen schönen Schlamassel. Wahrscheinlich ist Dir auch bewusst, das Du besser zu dem Typen gehen solltest, mit ihm ein klares Wort reden, ihm sagen was Dich stört.Aber irgendwie, es geht nicht anders, wissend das es falsch ist, gibst Du Dich Deinem Ärger, der Lästerei hin. Für’s erste ist das einfacher als eine direkte Konfrontation. Ein Vieraugengespräch birgt immer die Gefahr einer möglichen Kritik. Manchmal fühlst Du Dich einfach nicht stark genug dafür. Du feuerst den Privatgroll immer noch ein bisschen an. Und wenn Du nicht aufpasst  dann legst Du zuviel Holz nach, so viel das Dein Groll explodiert. Dieser worst case im Fachbereich der Lästerei hat zumeist weitreichende Folgen, die ich nicht erörtern möchte. Die sind einfach grausam! Wieso erscheint es uns aber, trotz des Wissens um die schmutzigen Explosionen, einfacher übereinander Geschichten zu verbreiten als miteinander Spass zu haben? Warum streiten und dikutieren wir nicht öfter. Warum lästern wir wegen A über B und rennen dann zu C  “Hast Du gehört das D sich mit Z gerade wieder gekloppt hat?”.

Wenn kleine Lästereien zu grossen Gespenstern werden, dann wirds meistens verdammt ätzend!

In diesem Sinne- der November ist da. Mit einem trüben Oststurm, der zumindest mir keine grosse Lust zum kiten macht. Als Paul und ich heute morgen aus dem Haus traten, düngte uns gar das es bereits nach Schnee riecht. Wie wunderbar das wäre. Nach einem herausragenden Sommer eine weiße Weihnacht!