Das Gefühl nicht zu genügen.

Ich muss mir mal etwas von der Seele schreiben, das mich nun schon lange quält. Es geht um das Gefühl nicht zu genügen, die Ansprüche nicht (mehr?) erfüllen zu können. Es sind die Ansprüche an eine moderne Frau, die schwer auf mir lasten.

Ich soll eine gute Mutter sein, die möglichst viel Zeit mit ihrem Kind verbringt, viel bastelt und möglichst alles selbst macht. Ich soll auch eine gute Ehefrau sein, die nicht nur den Haushalt schmeißt, sondern auch für ihren Mann da ist. Und ich soll auch (in meinem Fall) einen sehr guten Abschluss machen und am Besten nebenbei in Form von Minijobs und Praktika erste Berufserfahrungen sammeln und die Weichen für meine spätere Karriere stellen. Eigentlich sollte ich mir sogar ein Beispiel an all den anderen Frauen nehmen, die „nebenbei" ihr eigenes Unternehmen aufziehen und zum Erfolg führen.
Irgendwie hatte ich mir das ja selbst auch so vorgestellt, schließlich sieht das bei anderen so leicht aus (ich sag nur Instagram, etc.). Und weil das eben bei anderen so leicht aussieht wurde mein schlechtes Gewissen und das Gefühl nicht zu genügen immer größer. Da nutzte es auch nichts mir vor Augen zu führen, was ich eigentlich wirklich leiste: Kind, Haushalt, Studium und zwei Jobs!

Das Gefühl, dass mir die Zeit wie Sand durch die Finger rinnt ist mein täglicher Begleiter geworden. Genauso wie das schlechte Gewissen wenn ich mich abends auf das Sofa setzte anstatt etwas für die Uni zu lernen, den Haufen Dreckwäsche in die Waschmaschine zu stopfen oder die frisch gewaschene Wäsche zu bügeln. Klar setzte ich mich auch am Abend hin und bereite Referate für die Uni vor oder räume noch die Wohnung auf. Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich abends oft geschafft und nicht mehr wirklich fähig konzentriert wissenschaftliche Texte zu lesen oder gar selbst zu schreiben. Das Schlimmste aber ist, dass mir bis vor Kurzem gar nicht bewusst war, dass das alles doch irgendwie zu viel ist. Oder besser gesagt: ich traute mich nicht, es mir einzugestehen, denn schließlich schaffen das andere mit links.

Letztendlich hat es mehrere Weckrufe gebraucht, bis ich verstanden habe, dass ich eben zu den Frauen gehöre, die das mit Karriere und Kind nicht mit links wuppen. Oder um es mit den Worten meiner Mitmenschen zu sagen: Ich bin nicht belastbar. Unter Druck werden meine Leistungen nicht besser, sondern schlechter.
Ehrlich gesagt je mehr ich darüber nachdenken, desto sicherer bin ich mir: Ich möchte das auch nicht mehr! Ich möchte nicht mehr, dass es mir schlecht wird sobald ich darüber nachdenken, was ich eigentlich alles tun muss. Ich möchte nicht mehr abends mit schlechtem Gewissen dasitzen und das Gefühl haben keinem gerecht geworden zu sein. Ich möchte nicht mehr den Ansprüchen anderer gerecht werden müssen, sondern erstmal herausfinden was eigentlich meine eigenen Ansprüche an mich sind.

Ich bin mir sicher, dass ich nicht die Einzige bin der es so geht. Die Emanzipation der Frau, das Streben, dass eine Frau alles erreichen kann, hat nicht nur Gutes gebracht, sondern auch einen enormen Druck auf meine Generation Frau aufgebaut. Aus dem Kann ist ein Muss geworden. Das ist die Erfahrung, die ich gemacht habe. Eine Frau, die es nicht schafft Kind und Karriere gleichzeitig zu händeln wird als gescheitert angesehen. Entscheidet sich eine Frau (also eigentlich ist es ja die Familie) für das „altmodische, konservative" Modell, indem sie Zuhause bleibt und sich um Haushalt und Kind kümmert und der Mann sorgt für den finanziellen Aspekt, darf sie sich Kommentare wie: „Und was machst du sonst so den ganzen Tag?", „Hast du da kein schlechtes Gewissen deinem Mann so auf der Tasche zu liegen?" und Ähnliches anhören. Und das nicht nur von Fremden, sondern auch von guten Bekannten.

Mich macht das traurig, aber auch sauer. Ich hätte gerne jemanden gehabt, der mich in den Arm nimmt und sagt, dass es nicht so schlimm ist eben nicht alles zu können. Dass es auch okay ist erstmal für das Kind da zu sein und später meinen beruflichen Werdegang zu finden. Stattdessen gab es immer wieder Gespräche in denen mir vermittelt wurde, dass ich mich jetzt zusammen nehmen müsse, dass ich daran arbeiten müsse. Kurz, dass ich nicht genüge.
Zum Glück habe ich einen Mann, der mir ohne viele Worte zu verstehen gibt, dass es okay ist, wie ich bin. Für den es nie ein Thema war, dass er der Alleinverdiener ist und durchaus sieht und würdigt, dass ich meinen Teil dazu beitrage indem ich mich um den Haushalt und das Kind kümmere. Das ist mein großes Glück und ich bin ihm sehr, sehr dankbar dafür!

Ich würde mir wünschen, dass endlich die viel gepredigte Toleranz gelebt wird und Familien in denen, aus was für Gründen auch immer, die Frau Zuhause bleibt und nicht Karriere macht genauso angesehen werden wie die, in denen beide voll Arbeiten gehen. Wir alle tragen auf die ein oder andere Weise etwas zum Familienleben bei!
Daher bitte ich euch, denkt darüber nach was ihr zu euren Freundinnen / Bekannten sagt. Vielleicht bräuchten sie statt noch einem blöden Spruch alla „und was machst du sonst so den ganzen Tag" einfach mal eine Umarmung und ein „du bist gut so wie du bist!".


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