Das Burgstallmanndl vom Seehamer See


47°50’53“ nördlicher Breite, 11°51’26“ östlicher Länge

Wie auf dem sprichwörtlichen Silbertablett präsentiert uns der Seehamer See diese dunkle Geschichte auf seiner spiegelnden Oberfläche.

Passenderweise versetzt sie uns in eine Zeit, der gerne nachgesagt wird, finster gewesen zu sein, nämlich das Mittelalter. Die Autobahn, die „Gipfelglück“-Bloggerin Stefanie Dehler Nerven kostete, gab es – o Wunder – damals noch nicht. Dafür aber eine keinesfalls weniger imposante Burg, die sich auf der größten der fünf Inseln erhob. Wer sich jetzt fragt, wie auf der 1600m großen Burgstallinsel eine Festung Platz fand: anstelle des Sees befand sich eine Seenplatte, es gab eine Landverbindung zwischen der Burg und dem Südufer. Erst nachdem man das Wasser in den Jahren 1911 bis 1913 zur Stromerzeugung für die Leitzachwerke aufstaute, bildete sich ein durchgehendes Gewässer: der See kam zu seinem heutigen Erscheinungsbild.

Die Sage vom „Burgstallmandl“ geht zurück auf die Zeit der christlichen Missionierung. Die erste Welle der iroschottischen Mission im 6. bis 8. Jahrhundert spülte auch zwei Missionare an den Irschenberg – den Bischof Marinus und seinen Neffen (vergangene Quellen schreiben tatsächlich vom „Schwesternsohn“) Anian. Nur wenige Kilometer unweit der markanten Erhebung stand der Sage nach die Burg des Ritters Sigebot an den Gestaden der Seenplatte.
Der Name „Seehamer See“ stieß bei den damaligen Zeitgenossen auf taube Ohren. Wasser ist Leben, daher nannten die Menschen die Gewässer nach der Fruchtbarkeitsgöttin Ostara „Osterseen“.

Der lebenslustige Burgherr Sigebot war ein eifriger Anhänger der Ostara. Er liebte die Jagd und Feierlichkeiten wie das Opferfest, anlässlich dessen jedes Frühjahr Gaben an die Göttin im See versenkt wurden. Das Christentum allerdings, das sich mehr und mehr ausbreitete, war ihm ein Dorn im Auge. Und so mag man verstehen, dass für ihn eine Welt zusammenbrach, als ausgerechnet seine Tochter Theodolinde sich zum Glauben an den gekreuzigten Nazarener bekannte.

Der Missionar Marinus höchstselbst hatte das Burgfräulein in den Bann der aufstrebenden Religion gezogen und sie in aller Heimlichkeit getauft. Eines Abend kam es zum Eklat: Theodolinde nutzte die „sturmfreie Bude“ – Sigebot weilte vermeintlich auf einem Jagdausflug – um ihren Mentor Marinus in der Burg zu empfangen und die Beichte abzulegen. Als der Burgherr völlig unerwartet früher zurückkehrte, eskalierte die Situation. Sigebot war beim Anblick des Missionars wie vom Donner gerührt. Das Gastrecht hinderte ihn daran, einen früheren Schwur wahr zu machen und den Christen, der sein Land betreten hatte, eigenhändig zu töten. So blieb es bei einem Platzverweis, und Marinus wurde vor die Tür gesetzt. (bzw. in diesem Fall natürlich standesgemäß vor’s Tor).

Theodolinde reagierte widerspenstig: mit ihrem trotzigen Bekenntnis zum Christentum in Gegenwart des Vaters goss sie nicht bloß Öl ins Feuer.
Sie besiegelte ihr Schicksal.
Tief versunken im religiösen Wahn verfügte Sigebot, die eigene Tochter als Menschenopfer zur Besänftigung der (vermeintlich) zornigen Göttin Ostara darzubringen, sollte sie sich nicht dem Christentum ab- und den alten Göttern zuwenden. Doch Theodoline – ganz Märtyrerin – blieb stur. So nahm die Tragödie ihren Lauf…

Am nächsten Morgen stach ein Boot ins Wasser; an Bord die an Händen und Füßen gefesselte Theodolinde und zwei Schergen ihres Vaters. Trotz den Beschwörungen seiner Gefolgsleute, das Urteil um einige Zeit aufzuschieben und seiner Tochter damit die Möglichkeit zur Besinnung zu geben, war Sigebot unerbittlich.
Ohnehin blieb Theodolinde weiterhin standhaft. Noch vor dem Ablegen bekannte sie sich erneut vor versammelter Mannschaft zu Christus. Und auch auf dem schwankenden Boot, im Angesicht des Todes, weigerte sie sich, der alten Ostara zu opfern.
Die Männer machten sich an die Vollstreckung des Todesurteils, packten das Mädchen und warfen es über Bord.
Theodolinde ertrank hilflos in den dunklen Fluten des Ostersees.

„Keiner kommt hier lebend raus“

Wer nun von einer höheren Macht Barmherzigkeit und Vergebung erwartet, wird enttäuscht. Rachsüchtig übte der Gott des Alten Testaments gnadenlose Vergeltung. Über Burg und See zogen dunkle Wolken auf. Ein Gewitter nie da gewesener Intensität ließ keinen Stein auf dem anderen und brachte der Burg, ihrem Herrn und seinem Gefolge den Untergang. In der Tradition der biblischen Plagen war sich der neue Gott mit Alleinherrschaftsanspruch treu geblieben.

Das Burgstallmanndl vom Seehamer See Das Burgstallmanndl vom Seehamer See Das Burgstallmanndl vom Seehamer See Das Burgstallmanndl vom Seehamer See Das Burgstallmanndl vom Seehamer See

Ohne die Faszination an der düsteren Legende schmälern zu wollen: historisch verbürgt ist eine „Burg Seeham“ der Grafen von Falkenstein erst in der Stauferzeit vom 11. bis ins 13. Jahrhundert. Was zum Abbruch der Wasserburg führte, darüber schweigen die Quellen. Es blieb nur ein Burgstall ohne Mauerreste übrig, bis das Areal geflutet wurde.
Heute erstreckt sich ein Neubaugebiet am Nordufer. Lediglich die Straßennamen ‚Burgstallerweg‘ und ‚Osterseestraße‘ weisen den Weg zurück von unserer schnelllebigen Moderne in eine archaische Vergangenheit.

Auch eine irrlichternde Gestalt hält alljährlich in einer Frühjahrsnacht das Gedenken an die Geschehnisse von damals aufrecht. Denn in Frieden zu ruhen blieb dem Ritter Sigebot verständlicherweise nach seiner Gräueltat verwehrt. Buchstäblich von allen guten Geistern verlassen ist er dazu verdammt, am Todestag seiner Tochter zwischen den Ruinen umherzuirren. Im Laufe der Geisterstunde schleppt sich das „Burgstallmandl“ ans Seeufer und starrt von dort auf die Stelle, an der einst Theodolinde in der Tiefe versank.


Der Seehamer See ist durch einen beschilderten Rundweg (achtet auf die „R“-Schilder) vollumfänglich erschlossen. Der geneigte Leser sollte sich allerdings auf das Südufer konzentrieren. Von den Parkbänken der „Uferpromenade“ am Westufer (Richtung Kleinseeham) hat man bei entsprechenden Sichtverhältnissen einen fantastischen Alpenblick, der sogar das sonore Hintergrundrauschen der Autobahn wettmacht.  Hinter dem Schlagbaum führt der Rundweg durch Naturschutzgebiet und geradewegs zum berühmten „Deifi ria di“. Von mitternächtlichen Uferspaziergängen sollte wegen möglicher paranormaler Aktivität Abstand genommen werden!

„Weitergehen, weitergehen. Hier gibt es nicht’s zu sehen.“

Erwähnenswert am Nordufer ist der weite Blick über den See.
Der Rundweg verläuft teilweise direkt auf der Straße. Stellenweise trennt nur ein Grünstreifen das Ufer von der Autobahn A8 und ihrem Parkplatz „Seehamer See West“, der zu allem Überfluss von einigen Reisenden als Toilette missbraucht wird. Geboten wird hier zwischen Schallschutzwand, Durchgangsstraße und Seeufer ausser Campingplatz und dazugehöriger Gaststätte, dem „Seehaus“, nichts Weltbewegendes.

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