Córdoba (I)

Montag morgen. Der Himmel ist grau, die Bäume kahl – mit jedem neuen Tag wird der nahende Winter wirklicher. Ich stehe in Dani’s Innenhof, auf schwachen Beinen, rauchend. Meine Finger sind steif – lungernd, schnorrend, wie ein Bettler nach etwas Kleingeld suchen sie nach den richtigen Worten. Die Stadt hat mich wieder. Ich glaube nicht, so schnell wieder zu gehen. Beginnen wir am Donnerstag …

Mao
Müde schlurfe ich zum Hof, zünde mir eine an und alles beginnt sich zu drehen. Wankend gehe ich zurück und setze mich zu zwei reizenden, gerade frühstückenden, Frauen – beide schauten mich zuvor an, wie Knochen einen Hund. Das anfängliche Gespräch macht meine Spanischkenntnisse zum Gespött, bevor es schließlich ernster wird und wir uns über unsere Reisen unterhalten. Gaelle aus Belgien ist wie ich gereist, mit dem Unterschied, dass sie in Venezuela begonnen hat und bis zum Herbst hier noch bleibt. Mao aus Frankreich hat goldene Locken und Augen wie ein Gletscher. Sie sitzt mit angezogenen Beinen da, und raucht. Sie hat vor wenigen Wochen begonnen und bleibt auch bis zum Herbst. Wenn sie lächelt, zeigen sich ihre Grübchen. Beide fragen, was ich heute vor hätte, ich antworte ›dasselbe wie ihr‹.

Zu Mittag gehen wir hinaus. Gaelle hat sich zurecht gemacht, sie duftet nach Handcreme. Sie hat eine Verabredung mit einem Argentinier. Sie haben sich in Venezuela kennengelernt, aber er hat eine Freundin und Gaelle sagt, es wäre nichts, was wir denken würden – aber Augen lügen nicht. Wir folgen der großen Avenue. Vor dem Postamt hat sich eine hunderte Meter lange Schlage gebildet, die Menschen halten größtenteils Formulare in den Händen. Es ist laut, die Straßen quillen über vor Leben. Der Himmel ist blau, die Sonne lacht. Wir verabschieden uns von Gaelle.

Mit Mao spaziere ich durch die Altstadt. Vor der fast 500 Jahre alten Kathedrale führen junge Leute ein Stück auf: Halbnackte, in abgerissen Lumpen gehüllte, Menschen wälzen sich stöhnend, klagend auf dem Boden. Sie sind an Seile gebunden und werden von Menschen in Anzügen und Sonnenrillen hin und her geschleift, getreten. Daneben skandiert eine Gruppe lauthals mit Transparenten. Trommler heizen die Atmosphäre auf. Wir fragen eine junge Aktivisten nach der Intention und sie erklärt, dass die Chilenische Regierung in der Region XIII immer mehr das Land privatisiert, und den Einheimischen somit ihre Existenzgrundlage nimmt, ›die Menschen dort hungern‹. Bei den Akteuren handelt es sich um Studenten des Theaters, die unter anderem aus Kolumbien, Venezuela und Chile selbst kommen – wir staunen über die Solidarität, hat schließlich jedes Land doch mit seinen eigenen ›Sorgen‹ zu tun.

Auf dem Kunstmarkt zeigt sich Mao begeistert. Wir schauen durch Kaleidoskope, die bejahrte, geistig ›behinderte‹ Menschen hergestellt haben, bewundern handgeschnitze Trinkgefäße aus Kürbis, geflochtene bunte Armbänder und Halsketten aus seltenen Steinen. Mao ist neugierig und befragt die Künstler, ihr Lächeln steckt mich an. Wir setzen uns auf einen Kaffee. Es überrascht mich nicht, was sie fühlt und erwartet. Sie ist ein junger Mensch voller Energie. Soviel jedoch, dass es ihr schwer fällt vor lauter Tatendrang sich auf nur eine Sache zu konzentrieren. Sie hat bereits einen Studiengang abgebrochen und möchte im Herbst Politikwissenschaften in Brüssel beginnen. Aber eigentlich will sie Kunst machen, am liebsten Theater, Kunst verkaufen und umherreisen. Ich denke an mich, in ihrem Alter, während ihr blauer Dunst, ihr bezauberndes Lächeln mich umarmen. Das ist das Schöne am Älter werden: Ich habe gelernt mich dem Wesentliche zu widmen, habe gefunden, für was ich bereit bin einen Preis zu zahlen … Jedoch, allein das Älter werden reicht nicht aus. Reife heißt Erfahrung, manches Kind ist weiser als mancher Greis. Ich bezweifle, dass ich heute hier sitzen würde, wäre damals mein jüngerer Bruder nicht mit all seinen Geschichten aus Australien und Asien und einem Sechserpack Pilsner zurückgekommen. Bis dahin dachte ich, ich wäre offen und würde verstehen. Danach trennen wir uns, sie ist müde und möchte ins Hostel zurück. Sie fragt, ob ich nicht mitkommen wolle – ich setze meinen Stadtspaziergang alleine fort.

Abends werde ich auf eine Runde Tischfußball und Marihuana eingeladen. Der Argentinier möchte sich an mir für das WM-Spiel revanchieren. Tut er auch: Wäre das während der WM geschehen – man hätte die Nationalmannschaft ausgebürgert.

Mao irritiert mich. Ihre Augen, ihr Lächeln gehen auf mich zu – alles andere geht von mir weg. Ich fühle das, was ich so oft in der Stadt fühle und weswegen ich immer in die Wälder, Berge oder Träume flüchte. Ich mag ihren Humor, diesen Durst nach Leben. Immer wieder greift sie einfach so zur Gitarre, singt französische Folklore oder blödelt mit wackelndem Kopf. Sie spielt miserabel. Und wenn sie versucht ›loosing my religion‹ zu spielen, bekomme ich Gänsehaut – aber nicht vor Rührung. Wir bleiben den Abend über im Essraum, verwandeln die Bude in eine Kubanische Zigarettenfabrik. Gaelle ist noch immer nicht zurück – vielleicht aber auch haben beide viel zu diskutieren. Nach langer Zeit trinke ich wieder. Mao legt im Laufe der Zeit ihre Beine auf mich – sie weiß, das sie begehrt wird, nicht nur von mir. Wir spielen ein Spiel auf Papier mit Würfeln. Sie gewinnt mit einem Punkt mehr. Wir besorgen uns unser zweites Bier. Und sprechen wieder über das Reisen. Sie sucht einen Begleiter und ein Land, wo sie bleiben will und kann, aber nicht für immer, nur so, für eine absehbare Zeit, sie möchte Theater und Gitarre lernen und Schmuck verkaufen, aber sie weiß nicht wo und wie und wann und überhaupt sei die Welt so groß und die Zeit so kurz. Und ich sage, dass sie zuerst sich selbst finden muss, aber dazu muss sie ausprobieren, riskieren und einstecken. Manchmal sind vermeintliche Umwege der direkteste Weg zu einem selbst.

Ich erinnere mich an eine großartige Nacht mit meinem Bruder in San Francisco, in Annies Social Club. Johnny Bonnel und Darius Koski traten mit ihrer Zweitband auf. Bernd sagte damals ›Gott, wie eine Hochzeitskapelle, nur besoffen‹. Am Ende des Konzertes suchte ich Johnny auf und sagte ihm lediglich, dass ich ihnen für all die Musik, die sie die Jahre über schrieben, danke, sie hätte mir geholfen. Johnny war erfreut und überrascht, erzählte mir aber, dass er unzufrieden sei: Er sei nicht da, wo er sein wollte, er wäre überarbeitet, hätte trotzdem wenig Geld, er sei glücklicher Vater aber trinke zu viel, und die beste Zeit mit den Swingin’Utters – und für mich wurden sie tatsächliche nie wieder so gut wie auf ›more scared‹ oder ›the streets of San Francisco‹ – wäre ohnehin passé. Ich war damals durcheinander, denn für mich waren diese Band, diese Liedermacher das Größte, es gab es nichts Höheres, als das was sie geschaffen haben, aber Johnny selbst sah sich so tief …

Mao setzt sich auf meinen Schoß. Es ist schön, die Wärme einer Frau wieder so nahe zu spüren.


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