Casino Melusine

Und, fragt Remus, was und, wie war die Reise, das war, ja, was war, schreit Remus schon wieder, wir hatten da ein sonderbares Erlebnis, sage ich, sonderbar, Remus runzelt die Stirn, er ist an diesem Morgen gut aufgelegt, er stürmt in die Küche, kommt mit zwei bis zum Rand gefüllten Kaffeebechern wieder, nett, sage ich, Whiskey, sagt Remus, aber doch nicht um diese Uhrzeit, ich sehe ihn entsetzt an, lockert die Stimmbänder, sagt er, ich schaue besorgt zum Käfig, denn an den Stimmbändern muss Adler Freddie etwas haben, er piepst nicht, da kommt kein Ton, die Seraphe steht direkt vor dem Adlerköpfchen, sag doch etwas, sag doch etwas, aber der Adler will einfach nicht, der schweigt sich beharrlich aus, Remus stellt den Becher vor mir ab, nein, nein, kein Whiskey, wie war es jetzt bei Melusine, Melusine ist eine Bloggerin, eine Gleisbauarbeiterin, die ihr Netz stetig ausbaut, da fahren inzwischen bereits die ersten Züge, da holte uns so ein Kerl am Bahnhof ab, ihr Kerl, fragt Remus, ja, sage ich, wie war der so, Gott und Fuck, Remus, der Typ war mindestens drei Meter groß, was soll ich über den schreiben, der schlägt mich beim nächsten Treffen tot, wenn ich jetzt das Falsche schreibe, dann, aha, sagt Remus, erwischt, was soll das heißen, erwischt, du beugst dich dem Diktat der Straße, Scheiße, sage ich, das mache ich natürlich nicht, dann erzähl weiter, ich sehe kurz zum Adler, kein Ton, der weiß, wann man die Fresse halten sollte, mich werden sie irgendwann noch mit meinen eigenen Texten ersticken, da werde ich dann am Straßenrand liegen, nackt, weiter, weiter, feuert Remus mich an, gut, sage ich, also Morel, wer ist jetzt Morel, der Kerl von der Bloggerin, erkläre ich ihm, aha, also dieser Morel war mindestens fünf Meter groß, eher größer, wenn ich es recht bedenke, er verdeckte mit seinem Kopf den Himmel, wir traten in seinen Schatten, er sagte, Guido, Seraphe, ich bringe euch zu Melusine, ja, schreit Remus, das ist ja wie in einem gottverfluchten Bond-Film, so ähnlich, sage ich, und er fuhr euch hin, ja, sage ich, war eine seltsame Fahrt, er zeigte uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt, Steinbrüche, Bordelle, den Treffpunkt von einem wirklich gefährlichen Motorradclub, ich will den Namen jetzt nicht nennen, das sind Engel der Hölle, da muss man vorsichtig sein, in den Club, erklärte Morel uns, gehen Melusine und ich hin und wieder mal auf ein Bier und einen Joint, gute Jungs, du solltest sie aber nicht erwähnen, auf keinen Fall, sagte ich zu ihm, Remus rückt ein wenig näher, und wo fuhr er euch hin, in ein Spielcasino, sage ich, ein Spielcasino, fragt Remus, die betreiben ein Spielcasino, was soll das heißen, fragt Remus, Casino Melusine, und, und, und, schreit Remus jetzt noch aufgeregter, die Worte perlen nur so aus ihm heraus, sie fallen auf meinen rechten Arm, du spuckst mich an, sage ich, sorry, sagt Remus, ja, was soll ich dir erzählen, die betreiben da ein Casino, Morel schob uns rein, Madame M, so nennt sich die Melusine im eigenen Casino begrüßte uns mit einem Lächeln und dem Hinweis, wir könnten unser Geld an der Garderobe gegen Chips eintauschen, du wirst es nicht glauben, sage ich zu Remus, auch zum Adler, der könnte sich nämlich ruhig auch mal einmischen, die gaben uns wirklich Chips, die gaben uns Chips mit Paprikageschmack, und die Dinger, ja, sage ich, die Dinger mussten wir beim Spiel setzen, was spielen die den dort, nur die ganz harten Sachen, erzähle ich Remus, Mau-Mau, Sackhüpfen, Reise nach Jerusalem, habt ihr gewonnen, ich sehe Remus wie ein Marienerscheinung an, das sind Profis, zische ich, verfluchte Profis, die sind darauf spezialisiert ahnungslose Schriftsteller anzuschreiben, um sie dann irgendwann in ihre Spielhölle zu locken, du willst sagen, ja, das ganze Blog, die Gleisbauarbeiten, das ist alles nur Tarnung, die arbeiten im ganz großen Stil, Morel nannte sich später auch nur noch Chiffre, sage ich, der kramte eine Augenklappe raus und lachte die ganze Zeit, während uns Madame M drängte, unbedingt noch ein paar Paprikachips zu setzen, habt ihr verloren, alles, sage ich, wir sind froh noch am Leben zu sein, und wirst du wieder hin fahren, fragt mich, Remus, auf jeden Fall sage ich, wir müssen das Kind auslösen, wir werden gewinnen müssen, wir können doch das Kind nicht dort lassen, sage ich, ach, sagt Remus, die hattet ihr auch dabei, ja, ja, ich greife nach dem Whiskey, trinke einen großen Schluck ab, aber wir werden sie zurück holen, ganz bestimmt sogar, wir können das Kind doch nicht dort lassen.

(Erschienen bei Getidan)