8. November 2010, STARS, 5.53 Uhr

Kaffee, Zigarette, der Vogel schläft noch, ich will es einmal hoffen, denn noch verdeckt das große schwarze Zaubertuch den Käfig, mein Kaffee steht bereit, die erste Zigarette ist bereits geraucht, draußen auf dem Balkon, es wird kälter, auch der Regen steht in den Startlöchern, das sind Arschlochtage für Arschlöcher, ich will meinen Frühling zurück, aber das interessiert weder den Wettergott noch die Wolkenbänke, die mir die Sicht zu den Sternen verdecken, zu den Sternen blicken, zu den STARS hinauf starren, so wie Chapman vor dem Dakota-Gebäude stand und zu Lennon hoch sah, auf Lennon wartete, Chapman, mit der neusten LP des Meisters in der Hand, einem „Schreiber“ und dem Roman „Fänger im Roggen“, Chapman, der an der Welt verzweifelte, so rund, so dicklich, so vom Leben enttäuscht, der die Lüge, die Verlogenheit an jeder Straßenecke stehen sah, der da stand, vor dem Dakota und hinauf sah zum Indianerkopf, zum Ex-Beatle, der sich einer Rückkehr zu den Pilzköpfen verweigerte, einer mehr, der sich in den Himmel zurück zog und auf sie dort unten spuckte, so sah es Chapman, vielleicht, vielleicht nicht, der Chapman, der durch das kalte New York stiefelte auf der Suche nach Erlösung und nach Menschen, der keine Erlösung fand, nur ein Buch, in dem er verschwinden wollte, er war Holden Caulfield, ganz sicher, flüsterte seine leise Stimme, ich bin Holden, er lief durch Nächte, die ich eben noch mit Rauch anspie, kalt und exakt in ihrer Herausbildung der Konturen, alles ist klar zu sehen, denn dort ist das Dakota, hier ist Chapman, er muss ein Zeichen setzen, also schoss er auf eine Legende, die für die Verlogenheit der Welt stand, er zog die Waffe, drückte ab, und dann war der Film am Ende, die Seraphe und ich hatten uns „Chapter 27“ angesehen, den müssen Sie sich auch ansehen, ein großartiger Film, ein verstörender Film, die Kamera frisst sich förmlich in Chapman, man wird ein Teil von ihm, und wie immer, wenn man sich zu stark mit Tätern beschäftigt, schreckt man plötzlich zurück, weil man merkt, wie viel Täter in einem selbst steckt, den hält man fest, der soll nicht raus, man steht auf dem Balkon, sucht nach den Sternen, raucht seine Zigarette, denkt an die Musik von Lennon, könnte weinen, mit den Füßen stampfen, all die ungeschriebenen Songs, man denkt an sie, man denkt an den Film mit Chapman, der nicht stark genug für die Literatur war, der vor dem Dakota stand und mit sich kämpfte, mit sich und den Sternen und dem Indianerkopf und dem Star, der seinem Leben einen Sinn und einen Unsinn gab, der ihn heraus holen sollte aus der Undeutlichkeit eines verfehlten Leben, ich werde meine Kaffee trinken, ich werde meine Zigarette rauchen und ich werde dabei an Lennon und Chapman denken, an die Sterne, die kamen und gingen, an den Himmel, dem das egal ist, denn der Himmel umfasst alle, Opfer und Täter.