Blumfeld: Universal Liebeslieder

Blumfeld: Universal LiebesliederBlumfeld
Ampere, München, 23. Mai 2018
Die Frage war nicht, ob es die Herren da oben packen würden – da waren die Zweifel eher klein, denn so alt, dass es nicht zum gepflegten Rockmuckertum reichte, sind sie nun auch wieder nicht. Nein, spannender war, ob denn die Songs nach einem knappen Vierteljahrhundert noch bestehen könnten. Die letzte offizielle Tour liegt schon ein paar Jahre zurück, einen Teil des Sets hatten Blumfeld, original besetzt, zuletzt vor einem Jahr auf einem Festival in Düsseldorf gespielt und dort so sehr Gefallen daran gefunden, dass sie das Konzept „Rücktritt vom Rücktritt“ einfach für ein paar Termine verlängerten und diese BestOf-Reise durch die Clubs antraten. Start in München, Nachfrage groß, das Ampere packed. Die Auftritte Distelmeyers dazwischen waren ja bekanntlich solistischer Natur, zunächst sein gelungenes Album „Heavy“ (das übrigens auch auf der Setlist des Abends angenehm großzügig bedacht wurde), dann das erste Buch und ein Coveralbum, dem man zwar die Verehrung, aber leider auch die Mühe allzu deutlich anhörte.
Nun also die Love Riots Revue. Schöner Name für den dargebotenen Liederzyklus, verbindet er doch die beiden gegensätzlichen Pole des Programms der Hamburger Oberschüler, den krawalligen, lauten Noise, aus dem man noch immer die Bewunderung für Sonic Youth heraushören kann. Und das fast schon schlagerhafte Liebeslied, für das sie neben aller Zuneigung auch mächtig viel Prügel haben einstecken müssen. Heute zeigt sich, daß in der Mischung aus beidem das Geheimnis ihres Erfolges liegt. Die Sprache einfach, der Duktus eindringlich, aber nicht verkopft – Stücke wie „Weil es Liebe ist“, „1000 Tränen tief“ oder „Immer wieder Liebeslieder“ behalten ihre Bedeutung über die Zeit hinaus, in der sie geschrieben wurden, sind universell. Bezeichnenderweise trifft das auch auf die politischen Songs zu, von Netztrollen und Hatebots war noch keine Rede, als Distelmeyer begann, von der „Diktatur der Angepaßten“ zu singen – als er sich fragte „Wohin mit dem Hass?“, wurde nur halbsoviel von dem ausgekübelt, was heute die Foren verstopft. Und dennoch versteht’s jeder.
Das freut auch die Band. Augenscheinlich macht es Spaß, da oben zu stehen und die Jukebox anzuwerfen, die dankenswerterweise vor allem die älteren Stücke im Programm hat. Ein jeder nimmt’s, wie’s gefällt – ausgelassene Damen werfen begeistert die Arme in die Lüfte, der Anzugträger drei Meter weiter tanzt eher inwendig, Distelmeyer selbst ruft „Servus, Minga!“ und lacht sich einen Ast dabei: „Ihr seid so süß – ich aber auch.“ Die Haare sind länger, aber auch lichter geworden, die Posen hat er trotzdem drauf. Einmal auf die Bühne gerotzt, später bei besagtem Tearjerker ganz allein mit Kippe und Mikro zum Konservenbeat, das hat Klasse. Zum Kehraus dann, wie schon vor Jahren, natürlich den „Verstärker“ in der extended version, also kreischender Klassiker plus Prefab-Sprout-Huldigung („Electric Guitars“) und Cole-Porter-FadeOut: „Everytime we say goodbye, I die a little“, hach. Einzig den versprochenen Tanz draußen im Regen gab’s nicht mehr, der Wolkenbruch war mit dem letzten Ton vorbei, es wäre auch zu schön gewesen. Dann vielleicht beim nächsten Mal…