Blind, geschichts- und alternativlos: Wirtschaftliche Wissenschaft

Angesichts der Tatsache, dass „die Wirtschaft“ vorgibt, wie das Leben in dieser Welt zu funktionieren hat, lohnt es sich, genauer hinzusehen, was für Typen und vor allem was für Ideen dahinter stehen. Die Wirtschaft sind eben nicht nur diese Typen mit Anzug, Krawatte und Schwarzgeldkoffer, und auch nicht nur die mit den aufgekrempelten Hemdsärmeln, die eben aus ihrem BWM gesprungen sind, um hier zu optimieren und dort zu dezimieren, sondern irgendwie auch „wir alle“.

Laut Wikipedia soll Wirtschaft die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen sein, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen. Zu den wirtschaftlichen Einrichtungen gehören danach Unternehmen, private und öffentliche Haushalte, zu den Handlungen des Wirtschaftens Herstellung, Verbrauch, Umlauf und Verteilung von Gütern.

Wenn man das „planvoll“ streicht, kommt das wohl ungefähr hin, nur Planwirtschaft ist ja gerade das, was hierzulande und auch sonst überhaupt nicht gewollt wird – was extrem schade ist, denn der menschliche Bedarf könnte mit ein bisschen mehr Planung gewiss sehr viel besser gedeckt werden. Auch kann man sich darüber wundern, dass die Tatsache, dass mit unserer Wirtschaft doch zu allererst einmal Geld verdient werden soll, bevor man sich einen Kopf darüber macht, ob die Leute das Zeug, mit dem Geld verdient werden soll, überhaupt brauchen, komplett unter den Tisch fällt. Aber geschenkt, Marx kommt in den modernen Wirtschaftswissenschaften ohnehin nicht vor. Damit komme ich nun auf einen interessanten Beitrag in diesem Zusammenhang, der vor ein paar Tagen in der Aula auf SWR2 gesendet wurde: Blind und geschichtslos: Das Dilemma der Wirtschaftswissenschaften

In dem Betrag beschreibt der Autor Philip Kovce, der selbst an der Privat-Universität Witten/Herdecke unter anderem Business Economics studiert, die von ihm diagnostizierten Defizite der so genannten Wirtschaftswissenschaften: Die methodologischen Monokultur, die Blindheit für die eigene Geschichte und der fehlende Bezug zur Praxis.

„Die klare Sicht auf ökonomische Studiengänge aller Couleur offenbart eine erste Malaise, an der die Wirtschaftswissenschaften leiden: sie sind keine kritischen Disziplinen, keine solchen, deren Methoden ebenso auf den Verhandlungstisch gelangen wie die daraus erwirkten Resultate. Schlimmer noch: Statt blühender intellektueller Landschaften gleichen die ökonomischen Gefilde einem öden Grau-in- Grau totalitären Effizienzdenkens, das als unverstandene Selbstverständlichkeit längst nicht mehr nur in der Wirtschaft, sondern auch im Kindergarten, in der Schule, im Krankenhaus, in der Altenpflege, ja sogar die persönliche Lebensplanung regiert.“ (zitiert nach dem Manuskript der Sendung)

Und als Zusammenfassung wie es dazu kommen konnte, zitiert Kovce den Volkswirtschafter Bernd Senf, der von 1973 bis 2009 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, war:

„Der Glaube an die ökonomische Vernunft ist längst zu einer neuen Weltreligion geworden, nachdem die alten Religionen – jedenfalls in unseren Breiten – mehr und mehr an Überzeugungskraft und Akzeptanz verloren haben. Nur wird diese neue Weltreligion nicht in den Kirchen gepredigt, sondern in den Universitäten und Fachhochschulen; und die Quintessenz ihres Glaubens ist längst eingeflossen in die Schulbücher, in die Massenmedien und in das Denken und Handeln von Politikern und Gewerkschaftlern. Und jeder weiß: wer die Gesetze des Marktes verletzt oder sich ihnen widersetzt, hat Schlimmes zu befürchten. Die Strafe folgt auf dem Fuße, und zwar nicht erst im Jenseits, sondern schon auf Erden: Das Unternehmen macht Konkurs, die politische Partei verliert die Wahlen, die Gewerkschaften verlieren ihre Mitglieder, und der einzelne Lohnabhängige oder Wissenschaftler verliert seinen Arbeitsplatz – mit Ausnahme weniger Nischen, in denen abweichendes Denken und Verhalten sozusagen als Narrenfreiheit noch geduldet wird.“ (Bernd Senf: Die blinden Flecken der Ökonomie. Wirtschaftstheorien in der Krise, München 2004)

Donnerwetter, dachte ich mir, das ist ja mal ein bemerkenswerter Ansatzpunkt. Leider entwickelt Kovce aus diesem durchaus interessanten Ansatz keine generelle Kritik an der Wirtschaftswissenschaft als solche und schon gar keine Kritik am herrschenden Wirtschaftssystem, obgleich er ja festgestellt hat, das es uns vom Kindergarten bis zur Altenpflege eben kein schönes Leben bietet, sondern alles nur noch dem Diktat der Effizienz unterordnet – was für viele das Gegenteil eines schönen Lebens bedeutet.

Zwar kommt Kovce zu dem Schluss, dass es ein „insgesamt entfesseltes Denken“ bräuchte, um aus dem Käfig der „neuen Weltreligion“ heraus zu finden, die nur wirtschaftswissenschaftliche Kopfgeburten wie den homo oeconomicus hervorbringt, aber keine praktikablen Rezepte, wie man alle Leute mit dem Notwendigen versorgt, ohne die Welt dabei zu ruinieren. Woher soll dieses entfesselte Denken aber kommen, wenn doch alles dem Diktat der herrschenden Vorstellung von Wirtschaftlichkeit untergeordnet ist? Hier tut sich ein ein Dilemma nach dem anderen auf. So belässt es Kovce dabei, auf neue Eliten zu hoffen, die trotz der geistigen Verarmung und der ideologiegesteuerten Voreingenommenheiten in der Wissenschaft genug Querdenkertum entwickeln, um den Laden samt krisengeschüttelter Weltwirtschaft irgendwie zu retten.

Hoffentlich retten die den Laden nicht.



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