Bin ich nicht hier, dann bin ich auf der Dachterasse


Eine der Sachen, wofür es sich in Istanbul zu le
ben lohnt, sind Frühlingstage auf Dachterassen. Noch besser, wenn man den Nachmittag in eine gediegene Grillparty, ein mangal, mit Raki und Fisch auslaufen lässt.
Ein Blick von der Dachterasse beinhaltet: dadaistische Häuseraufwerfungen; teppichklopfende Hausfrauen; Fassaden mit gleißenden Fensterscheiben und wehenden Wäschestücken; den Mann auf dem Nachbardach mit seinem Hahn; die Moschee; fünf Stockwerke tiefer: die Straße, die Läden und uniformierte Schüler auf dem Sportplatz. Ein Nachmittag über dem Chaos der Stadt ist Kurzurlaub mit Sonnenbrand.Bin ich nicht hier, dann bin ich auf der Dachterasse
Die Top-3 der Istanbuler Dachterassen:
1. Annis, mit Blick aufs Marmara-Meer und die Altstadt.
Bin ich nicht hier, dann bin ich auf der Dachterasse
2. die Bar des Orient-Hostel; die Hagia Sofia im Rücken und der Bosporus davor.
3. unsere.

Es gibt unzählige Bars, Restaurants und Cafés über und auf den Dächern Istanbuls. Meine Lieblingsbar ist das araf in Beyoglu mit Zigeunermusik und Panoramablick auf die Lichter der Stadt. Im Yedinci Kat beim Fischbasar um die Ecke gibt's gutes und günstiges Essen, billiges Bier und eine grandiose Aussicht. Und das Wasserpfeifen-Café Misfit in Kadiköy kann mit Annis Terasse ganz gut mithalten. Genauer gesagt: Von dort kann ich Anni beim Grillen beobachten.
Dann wird es plötzlich über Nacht Sommer, und Sonnenbaden macht keinen Spaß mehr. Die Tage in der Stadt werden anstrengend. Hitzedumme Leute stinken nach Schweiß und laufen einem vor die Füße. Jetzt sitzt man abends mit Freunden auf Balkonen oder Terassen, schwitzt und sagt: "Uff, ya, ist ganz schön heiß geworden in den letzten Tagen." Ich laufe nicht mehr zu Fuß zur Arbeit weil ich dankbar bin um die relative Kühle in der U-Bahn. Vom Fenster aus sehe ich rotgedeckte Dächer in der Hitze flirren. Und das ist erst der Frühsommer.
Im Juli und August, sagt man, entvölkert sich die Stadt. Wer es sich leisten kann, fährt in sein Sommerhaus ans Meer. Vierzig Grad im Schatten sind normal, und wegen der hohen Luftfeuchtigkeit spürt man die Hitze noch stärker. "Letztes Jahr habe ich nachts oft ein paarmal geduscht, damit ich schlafen konnte," erzählt Ozan. "Wird ganz schön krass für Dich, wahrscheinlich." Ich habe mir auch überlegt, woanders hinzugehen. Aber ich habe kein Sommerhaus. Und dann gibt es noch etwas, das ich wirklich erleben will: ein leeres Istanbul.