Ausbrechen

Studentin und Berufseinsteiger brauchten keine teuren Möbel; ein Mix aus viel Ikea und einigen aufgemöbelten Stücken aus der Brockenstube war alles, was es brauchte, um die erste Wohnung in ein Bijou mit sehr persönlicher Note zu verwandeln. Weil Studentin und Berufseinsteiger zwei halbwegs vernünftige Menschen waren, gerieten sie nicht in Versuchung, den Lattenrost als Rutschbahn zu missbrauchen, das Sofa als Trampolin, den WC-Deckel als Schlagzeug. Darum hielten auch die billigen Stücke viel länger, als man es ihnen zugetraut hatte.

Das Dilemma fing mit dem ersten Kind an und verschärfte sich mit jedem weiteren Kind. Zuerst entschied man sich für das günstige, aber coole Modell, weil das teure Kinderbett mit  Bärchenmotiv und faden Pastellfarben einfach zu bieder war. Später schaute man sich die teuren Modelle gar nicht mehr an, weil fünfmal teuer das Budget bei Weitem überschritten hätte. Bei einigen Stücken – zum Beispiel bei den Matratzen – lohnte sich teuer auch nicht, weil noch lange nicht jeder, der tagsüber trocken ist, dies auch nachts ist.

Bald war man mitten drin im schönsten Teufelskreis: Billig geht schnell kaputt, also muss alle paar Jahre Ersatz her und weil billig meist zur Unzeit den Geist aufgibt, war selten genügend Geld da, um billig durch teuer zu ersetzen. Obendrein verführt bereits leicht Beschädigtes zu Vandalismus und so wurde der Zerfall des Billigen auch mal durch fünf rücksichtslose Rabauken beschleunigt. Lattenrost als Rutschbahn und dergleichen…

Manchmal – und das war besonders ärgerlich – war zwar Geld für teuer da, aber teuer heisst leider nicht immer besser, denn auch die teuren Dinge sind gewöhnlich nur für ein Kind, notfalls auch für zwei, vorgesehen, aber ganz bestimmt nicht für fünf. Gewöhnlich jedoch wurde billig durch billig ersetzt, was am Ende ganz schön teuer wurde.

Und nun? Wie entrinnt man diesem Teufelskreis in einer von billig beherrschten Welt? In einer Welt, in der ersetzen erschwinglicher ist als reparieren? In einer Welt, in der gerne auf gute Qualität verzichtet wird, weil sie dem Konsum nicht förderlich ist? In einer Welt, in der gutes Handwerk – verständlicherweise – so teuer geworden ist, dass es sich nur noch jene leisten können, die mehr haben als die meisten anderen?  

Schon-längst-nicht-mehr-Studentin und gestandener Berufsmann zerbrechen sich in diesen Tagen den Kopf darüber, wie sie aus dem Teufelskreis, den sie durch ihre Kurzsichtigkeit mitverschuldet haben, ausbrechen können. Noch zweifeln sie daran, ob es ihnen je gelingen wird, aber es gibt Lichtblicke. Die Brockenstube, zum Beispiel. Die Dinge dort sind zwar gebraucht, aber weil sie zu einer Zeit gemacht wurden, als noch nicht alles nach spätestens fünf Jahren kaputt sein musste, kommen diese Möbel viel besser mit fünf Kindern klar als der ganze neue Kram. Und weil der gestandene Berufsmann ziemlich gut mit Farbe und Pinsel umzugehen weiss, sieht man den Möbelstücken ihre Herkunft schon bald nicht mehr an.

Kann sein, dass die Wohnungseinrichtung dereinst aus ganz viel Brockenstube und einem Hauch von Ikea bestehen wird.

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