Aufbruch

 

Nun beginnt sie also. Meine Reise in ein neues Leben. Ich steige ein 14.06 Uhr am Hauptbahnhof einer deutschen Stadt. Der Zug ist gerammelt voll. Ich quäle mich durch die Abteile, die voll sind mit Koffern und anderen Dingen, die die Menschen so mitnehmen wenn sie verreisen. Großer Trolli und eine Umhängetasche. Mehr habe ich nicht. 34. Aber alles was zu meinem Leben gehört, passt in zwei Taschen. Angekommen in der 1. Klasse, freue ich mich,dass ich nicht 2. fahre. Denn hier oben sind die Sitze viel gemütlicher und auch die Beine haben mehr Platz. Es gibt Kopfstützen und breitere, mit leder bezogene Sitzmöbel. Ich winke und spüre meine Wehmut, die sich plötzlich breit macht. Dann ertönt er, der Pfiff des Zugbegleiters und das Abteil in dem ich sitze rollt vorbei an all den alten, aber schick sanierten Wohnblocks. Noch einmal vorbei an der Gartenanlage, durch die ich oft geschlendert bin. Es berührt mich, aber ein Zurück gibt es nicht.


Es ist still in der 1. Klasse, obwohl viele hier oben sitzen. Ich mag Stille, aber jetzt, jetzt möchte ich dass jemand sich unterhält, jemand lacht oder Musik hört. Nichts, einfach still. Mittlerweile habe ich die deutsche Stadt, die einst meine war hinter mir gelassen. Pritzier, so heißt der Ort, an dem die Zeit still gestanden zu sein scheint. Hier gibt es nichts. Rein gar nichts. Das Gebäude, das den Bahnsteig ziert, könnte ebenso gut eine Hinterlassenschaft des letzten  Krieges sein. Die besten Jahre hat es hinter sich, wenn es überhaupt welche hatte. Das sind sie, die Bilder der Orte, die einfach vergessen wurden. Wenn ich sterben müsste, dann sollte es bitte nicht hier sein. Das Abteil und ich verlassen den hässlichsten Ort der Welt. Die Welt da draußen wird wieder besser und auch etwas schöner. Ich sauge sie auf, die Bilder einer Landschaft, voll mit
ihren Wiesen, Flüssen und Wäldern, die ich bisher nie wirklich wahr genommen habe.Jetzt finde ich sie schön. Ich versuche das gerade gesehene abzuspeichern in meinen Gedanken, um irgendwann einmal darauf zurück greifen zu können. Wenn mir danach ist. Nur so, der Erinnerungen wegen. Ich denke an meine Kollegen, die mir einen so schönen, herzzerreißenden Abschied bereitet haben. Mir, gerade mir, der eigentlich still und ganz leise gehen wollte. Ich mag keine Abschiede, sie haben etwas Endgültiges. Ich denke an die vielen Gespräche die ich mit ihnen hatte, an die vielen Tränen die geflossen sind. Daran, wie oft wir zusammen gelacht, aber auch geschwiegen haben.
Immer noch ist es still hier oben. Ich verfalle in Heimweh und will zurück an den Ort, an dem ich gerade eben erst losgefahren bin. Irgendwie fange ich an sie zu vermissen, die geliebte, aber oft auch gehasste Stadt, die über 10 Jahre mein Lebensinhalt gewesen ist. Ich, der noch nie an „Heimat“ gehangen hat, hat plötzlich Heimweh. Nach nur kurzer Zeit, der nächste Halt. Brahlstorf. Ich frage mich, wieso man in so einer Gottverlassenen Gegend Leben kann. Hier ist noch weniger los wie in Pritzier. Nämlich überhaupt nichts. Oder noch weniger. Aber es steigt jemand aus. Niemand ein. Ein junger Mann, der gerade tief Luft geholt hat um sie anschließend mit einem lauten. …Rrrrr… Ton auf die Straße zu spucken. Es kam von ganz weit unten, das habe ich sogar oben in der 1., immer noch gemütlichen Klasse gehört. Eigentlich hasse ich es, wenn jemand auf die Straße spuckt. Aber genau jetzt empfinde ich es als Ablenkung von meinen Gedanken. Selbst dieser „vonuntenhochholton“ stört mich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich versuche das gerade erhörte und erlebte auf Papier festzuhalten. Schön wäre es, wenn man es auch noch „hörbar“ aufschreiben könnte. So mit Ton, aber das geht nicht. Leider. Aber es lenkt mich ab. Ab von meinen Gedanken, die nicht - einmal still gestanden haben, seit der Abfahrt um 14:06 Uhr. Noch einmal schaue ich auf meinen, selbst ausgedruckten Fahrplan. 18:00 Uhr werde ich ankommen, wenn nichts dazwischen kommt. Kein Todesfall oder andere unvorhersehbare Dinge, die bei der Bahn ja einfach mal so passieren können. Dann hätte ich aber einen Titel für das ganze, denke ich. „Eine Reise und ein Todesfall“.Ich denke, was ich denke, wenn ich in Göttingen aussteige. Meine neue Heimat, mein neuer Lebensinhalt. Ich habe keinen Plan. Laufe Planlos durch mein Leben. Also, alles beim alten. Denke ich und es nervt mich, dass ich denke. Aber ich kann nicht anders, denn das bin ich. Noch gar nicht ganz zu Ende gedacht halten wir auch schon wieder. Dieses Mal ist es besser. Auch für die Augen. Auf dem Schild, welches überdimensional groß wirkt, steht Boizenburg. Elbe. Boizenburg – Elbe gegrüßt die im Zug sitzenden Passagiere mit einem roten, freundlich lächelnden Bären, der die Gummibären-Factory krönt. Gleich danach folgen Häuser, die Menschen gehören. Also ganz alleine Menschen. Eigenheime. Ich kann meine Freude gar nicht glauben. Gleich werde ich den Osten verlassen und den Westen erreichen, der so vielversprechend zu sein scheint. Ich weiß noch immer nicht, was mich erwartet aber, er ist vielversprechend und wird mich mein weiteres Leben begleiten. Oder ich ihn. Wie, dass wird sich zeigen. Ein Geräusch macht sich breit und folgt meinem Gehörgang, dringt durch das Trommelfell und erreicht die Cochlea. Ich kenne dieses *ring*,*ring* Eine SMS von meiner Kollegin. Und dann noch eine, von einer anderen. Die eine wünscht mir alles Gute in meiner neuen Heimat und meinem neuen Leben, die andere bedauert, sich nicht mehr persönlich von mir verabschiedet zu haben. Trotzdem freue ich mich und spüre sie wieder, die Wehmut und auch das Heimweh, zurück an dem Ort, der für mich keine Alternative mehr übrig hatte. Langsam fahren wir weiter.


Kiefernwald.Wir fahren durch einen Kiefernwald und zum ersten Mal seit meinem Aufbruch bin ich etwas entspannter. Ich liebe Kiefern, sie haben etwas Majestätisches. Aber das Drumherum – ohne Worte. Die Zeit scheint immer noch hinterher zu hängen. Wann kommt er, der Westen. Ich bin diese Strecke so oft gefahren, aber heute – nur „One Way“ Ticket. Endlich wird das Land etwas hügeliger und schöner. Der Herbst zeigt sich in rotgelb- orange-grünem Gewand. Vorbei an Schafen mit grünen Punkten, erreichen wir den Haltepunkt Büchen. 5 Skulpturen verschönern einem die Sicht – auf einen unschönen Bahnhof. Sie sind schön, diese Skulpturen, lenken ab von anderen Dingen. Wie viel diese Skulpturen doch ausmachen. Noch eine Station und dann ist er da. Der Westen. Der erste Ort auf der Strecke heißt Müssen und sieht genauso aus wie er heißt. Endlich bin ich in der Zivilisation angekommen. Schwarzenbek. Das kenne ich, hier kenne ich mich aus. Oft habe ich hier eine Bekannte besucht, die nicht weiß dass ich jetzt gerade, in diesem Moment, in mein neues Leben fahre. Einfach so, ganz ohne Plan. Wie immer, also, würde sie mit Sicherheit sagen. Ich hatte lange Zeit, aber nicht lange Zeit genug, mich vorzubereiten. Auf das was kommen wird, auf das was ist und auf das was war. Gleich kommt Hamburg und ich freue mich auf eine halbe Stunde Ruhe. Ruhe von meinen Gedanken, die mich nicht loszulassen scheinen, auf einen Kaffee, den man auch im gehen zu sich nehmen kann und auf eine letzte Zigarette. Ich freue mich darauf, nicht hetzen und rennen zu müssen um pünktlich die nächste Mitfahrgelegenheit zu erreichen. 
Jetzt freue ich mich auf 30 Minuten frische Luft, zwischen all diesen Punkern und „Drogenbenötigern“, Menschen die ich früher nicht beachtet habe. Aber jetzt versuche ich sie mir einzuprägen, Gesichter und deren Merkmale abzuspeichern. Hamburg, eine verrückte Stadt, in der ich mich auskenne. Weiter als bis hier bin ich nie gekommen. In 20 Minuten werde ich also in eine, mir vollkommen fremde Welt fahren. Ausgestiegen und durch das Gewühl gerannt. Ich habe mir einen Kaffee, den man auch im gehen zu sich nehmen kann gekauft und mir eine Zigarette angezündet. Endlich Rauchen, auch wenn ich dafür in die Kälte muss.Irgendwie laufe ich Orientierungslos durch die Hallen des Hauptbahnhofs, irre durch die verschlungenen Gänge, die am Ende eh an derselben Stelle enden und auch gegessen habe ich nichts, aber Möglichkeiten dies zu tun hatte ich genug. Noch 9 Minuten. Mit meinen beiden Taschen, in denen sich mein Leben befindet mache ich mich auf dem Weg zum Gleis. Jetzt muss ich nur noch warten. Ein verspäteter ICE erhält den Vorrang und nimmt eine Frau mit Zwillingswagen nicht mit, obwohl sie bezahlt hat. Dem Zugbegleiter ist das egal, er hat keinen Platz für so einen breiten Kinderwagen. Die Frau, deren Kinderwagen so breit ist, das er nicht einmal in einem schicken, aber anscheinend unpraktischen ICE passt, geht einfach wieder. Ohne ein Wort. Ich frage mich, wie ich mich verhalten hätte. Ich wäre mit Sicherheit ausgeflippt und hätte…..


Auf Gleis 9 erhält mein ICE Einfahrt. Es ist voll und viele Menschen drängen sich an die Tür. Ich habe Reserviert. Es kann also nichts schief gehen. Ich verstehe die Aufteilung der Wagenreihe nicht und renne ohne zu wissen in welche Richtung ich muss. Setze mich einfach zu einer Älteren, offenbar wohlhabenden Dame, die es sich zur Aufgabe gemacht, jedem der sich auch nur in ihre Nähe setzt, durch ihre quietschende Stimme, sofort wieder zu vertreiben. Zum Glück kommt der rechtmäßige Besitzer des Platzes und ich freue mich wieder aufstehen zu dürfen. Nach einer gefühlten halben Stunde habe ich endlich meinen Platz gefunden. Erst einmal mein Leben nach oben geworfen und dann? 


Sitzen. Ich lasse mich in den Sitz fallen und versuche meine Augen zu schließen um ein wenig zu schlafen. Eine freundliche Stimme reißt mich aus meinem Traum und bietet mir einen 2,90€ teuren Kaffee an. Gerade habe ich es geschafft an nichts zu denken, was wohl an der Geschwindigkeit des ICE lag. Da kommt man nicht viel zum denken. Als eine Stimme durch die dafür vorgesehenen Apparaturen verkündet, dass der nächste Halt Hannover ist. Langsam rollen wir in den Bahnhof ein. Ich schaue mir alles genau an, um festzustellen, dass der Westen auch nicht viel zu bieten hat. Jedenfalls nicht in diesem Moment. Neben mir und gegenüber auch, sitzen zwei Geschäftsleute, die sich in einer Mail für die tolle Zusammenarbeit der vergangenen Monate bedanken. Mehr kann ich leider nicht lesen Blasen. ;) Oh nein! Nicht das was viele jetzt von euch denken. Ich habe Blasen an meinen Fingern, von ganzen Schreiben mit der Hand. Hannover macht nichts her, wie ich finde. Das erste was mich begrüßt, ist ein überdimensional großes Volkswagen Schild und irgendwie scheint hier auch alles schmutzig zu sein. Aber groß. Auch die Ernst August Galerie findet einen Platz in meinen Augen. Aber sonst? Nichts. Plötzlich wird es voll im ICE und ich versuche aus der Ecke herauszukommen in der ich sitze. Ich rücke einen Platz weiter, auf dem gerade noch die sich per Mail bedankenden Geschäftsleute gesessen haben. Im Gang haben meine Beine wieder mehr Platz, denke ich, als eine junge Frau sich über einen Mitreisenden aufregt. Wie er denn so blöd sein kann, seine Koffer einfach in den Gang zu stellen. Aber wo soll er damit hin. Bekanntlich ist so ein ICE schick und nur für Menschen gebaut worden, die ohne Gepäck reisen. Ein anderer Reisender, männlichen Geschlechts, findet auch endlich einen Platz. Leider den falschen. Der rechtmäßige Besitzer kommt ebenfalls kurz darauf und bittet ihn darum, diesen Platz doch bitte frei zu machen. Der Mann, der weiterhin sehr nett ist macht sich auf die Suche nach einem anderen Platz. Er ist Bayer, das konnte ich heraushören. Ein Bayer in Hannover, der sich auf wen auch immer freut. Jedenfalls bekundet er das in jedem Satz, den er durch sein Telefon spricht. Er hat es noch weit. Bis Nürnberg, das dauert. Wieder einmal denke ich nichts mehr, als wieder dieses *ring**ring* ertönt. Eine SMS von dem Menschen, mit dem ich in Zukunft mein Leben ,in einer anderen Stadt teilen werde. Er wird mich vom Bahnhof abholen. Nichts anderes habe ich erwartet. Englisch. Der Zugbegleiter sagt alles, was er gerade auf Deutsch gesagt hat, noch einmal auf Englisch und ich frage mich, ob das die Fremdsprachigen Reisenden überhaupt verstehen. Er hat genuschelt, da er Englisch nicht gut kann, aber allemal besser als ich. Rauchen, ich würde gerne eine Rauchen. Aber leider sind die Züge alle ohne Aschenbecher und ohne Raucherabteil. Trotzdem würde ich gerne. Plötzlich habe ich wieder so dieses seltsame Gefühl im Bauch und ich denke, was ich denke wenn ich in Göttingen aussteige. Vielleicht denke ich nichts, aber das weiß ich nicht. Ich lasse mich überraschen, wohin mich das neue Leben so führen wird. Eines aber das weiß ich ganz genau.
Ich will gefunden werden. Von wem auch immer.

 

Autor: Gewürfelte Worte
Datum: 19.8.13 Keine Kommentare Label: Kurztexte


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