Angst und Ekel – Marquis de Sade

Angst und Ekel –

Rezeptionsphänomene des Marquis de Sade

Marquis de Sade – ein Name, der bei vielen Ekel, Abscheu und Abwehr hervorruft. Das Werk des Marquis de Sade steht für Gewalt, Abschlachtungen, Quälereien, sinnlose Morde. In einer unaufhaltsamen, gewaltsamen Steigerung exerziert der Marquis alle nur erdenklichen Horrorszenarien durch – von Sodomie, über Vergewaltigungen, Inzest, Verstümmelungen, bis zum Martertod. Und all das soll dem Lustgewinn dienen?

Sade kreiert in seinem Werk das Bild eines Menschen, dessen Lust bei der Zerstörung anderer Menschen wächst, eines Menschen, der das Leid anderer, ja, die gesamte Existenz anderer negiert. Die Protagonisten Sades kennen keine ‚Mitmenschen’, kein Mitleid und sind somit frei von den Fesseln, die die Rücksicht auferlegt. Gefeiert wird ein absoluter Egoismus, eine absolute Beschränkung auf die eigenen Leidenschaften. Alle Vernunftprinzipien, alle gesellschaftlichen Verhaltensnormen werden dabei außer Kraft gesetzt. Die Protagonisten handeln völlig unökonomisch und irrational: Kosten-Nutzen-Rechnungen, wirtschaftliche Prinzipien oder einfach menschliche Regungen spielen keine Rolle. Was zählt ist nur der Lustgewinn, der möglichst kontinuierlich gesteigert werden soll. Dieser Lustgewinn aber scheint proportional zur angerichteten Destruktion zu sein, er scheint nur durch Verbrechen erreicht werden zu können, die in ihrer Schauerlichkeit Schrecken hervorrufen. In einem solchen Bild von Erotik und Lust kann es natürlich keine Sexualpartner geben, sondern nur Opfer. Diese Opfer, meist weiblichen, aber doch auch oft männlichen Geschlechts, werden gequält, entstellt, verstümmelt und letztendlich ermordet. Die Gewalttätigkeit der Protagonisten erregt Abscheu, hat aber auch eine Kehrseite: Die völlige Entfesselung der Leidenschaft, die absolute Freiheit, die grenzenlose Hingabe an die Wollust. Sade entwirft keine konkrete Handlungsanweisung, keine Morallehre (oder Antimorallehre), er entwirft die Idee eines Menschen, der sich von den Zwängen der Vernunft befreit und sich damit über andere, gebundene Menschen erhebt. Dieses Konstrukt, bis zum äußersten Extrem getrieben und in einem Bereich (der Sexualität) durchgeführt, der einer der verletzlichsten, delikatesten Bereiche des menschlichen Seins ist, ruft Angst und Ekel hervor, aber genau diese sind auch die beabsichtigten Reaktionen: Es sind die einzig möglichen Reaktionen eines vernünftigen Menschen auf die völlige Lossagung von jeglicher Vernunft.[1] In der Überwindung dieser Regungen liegt die Herausforderung des Werkes Sades.

Geschrieben während der aufwühlenden Zeit der französischen Revolution fängt dieses Werk die entfesselte Gewalttätigkeit des Menschen ein und versprachlicht sie. Die Sprache spielt bei Sade eine sehr große Rolle: Ein Medium, das gänzlich den Regeln der Grammatik, also den Gesetzen der Vernunft, unterworfen ist, wird genutzt, um die vollständige Lossagung von denselben darzustellen. Dieser Widerspruch macht Sades Werke zu einem Paradox. Die völlige Befreiung findet innerhalb eines festen, unumstößlichen Regelwerks statt. Durch präzise Maßangaben, peinlich genaue Beschreibungen und detaillierte Angaben zwängt der Marquis das Unfassbare, Formlose in ein stählernes Gewand. Die komplizierten und strengen Regeln der Freunde in Die 120 Tage von Sodom übertragen dieses Phänomen auch auf die semantische Ebene. Der Regelbruch findet gleichzeitig mit der Aufstellung eines völlig neuen, aber ebenso strengen Regelsystems statt. Aber genau in diesem Paradox liegt ein wichtiger Aspekt: Durch die Restriktion, das Einhalten von strengen Regeln, die dann sukzessiv überschritten werden, steigert sich die Lust der Protagonisten ins Unermessliche. Erst eine streng festgelegte Sukzession garantiert den langsamen und dafür umso eindringlicheren Lustaufbau, der dann zu einer wahren Lustexplosion führt. Die Befreiung von Schranken, seien diese nun selbst auferlegt oder von außen bestimmt, setzt erotische Energien frei und ermöglicht erst die Unermesslichkeit der Lust. Trotzdem macht der Fakt, dass Sade die Umsetzung seiner Idee der völligen Befreiung nur unter Einhaltung fester Regeln möglich war, eine Tatsache deutlich: Es handelt sich um eine utopische, eine unmögliche Idee. Hier liegt ein wichtiger, zur Überwindung der natürlichen Regungen des Ekels und der Angst entscheidender Punkt: Die Idee der Entfesselung, der völligen Lossagung von jeglichen Grenzen, Regeln und ‚menschlichen Regungen’ ist nur ein Vorstellungskonstrukt, das aber einen sehr reiz- und lustvollen Hintergrund birgt: Die Affirmation der inneren, jedem Menschen innewohnenden Gewaltsamkeit der Lust.[2] Dieser triebhafte, unkontrollierbare Aspekt der menschlichen Existenz, der zu Gunsten des rationalen Denkens und Handelns immer wieder geleugnet wird, übernimmt in Sades Werk die Hauptrolle. Sade schrieb im Gefängnis, in einer Situation der Unfreiheit imaginierte er die absolute Freiheit. Aber es braucht keinen so entscheidenden äußeren Faktor, um unfrei zu sein. Die Gesellschaft selbst beruht auf der zumindest teilweisen Unfreiheit all ihrer Individuen: Die Triebe müssen in jedem Augenblick bezwungen werden, die Vernunft ist die geforderte Verhaltensmaxime. Der unterdrückte, verteufelte und verleugnete Teil des menschlichen Wesens findet nun bei Sade seinen extremsten Ausdruck. Die Lust tritt an die Stelle der Vernunft, wird zum höchsten, erstrebenswertesten Gut und bestimmt das Verhalten der Protagonisten. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden umgekehrt, statt der Vernunft übernimmt der Trieb die Führung. Der zentrale Begriff zu einem umfassenderen, sich nicht nur auf die erste Reaktion der Abscheu beschränkenden Verständnis Sades ist somit eben der der ‚Entfesselung’. Dass die Protagonisten Sades diese praktizieren, ist schon ausreichend dargelegt worden, doch lässt sich mit dieser Einsicht auch eine neue Perspektive auf die Rolle der Opfer gewinnen: Auch sie unterliegen einem Prozess der Entfesselung. Unter diesem Gesichtspunkt ist ihre Funktion ganz neu zu bewerten: Die Verstümmelung der Opfer repräsentiert die Transgression der physischen Grenzen, die Durchbrechung der menschlichen Diskontinuität, die allein schon durch die Grenzen des Körpers gegeben ist. Sades Werk propagiert nicht nur die Negation des Anderen, sondern die Negation des Individuums an sich, das durch Abgrenzung, durch Trennung identifiziert und charakterisiert wird. Alle Figuren des Sadeschen Werks überschreiten diese Grenzen, sie treten über das Dasein als einzelnes, sich abgrenzendes Individuum hinaus und erreichen eine Art höherer Existenz: Sie geben sich völlig dem Fluss der Gewalttätigkeit, des kontinuierlichen Lebenskreislaufes hin und transzendieren somit das menschliche Bewusstsein.


[1] Bataille, Georges: Der heilige Eros. Darmstadt u. Neuwied 1963, S. 177 führt aus, dass das Denken Sades mit dem eines „auf Vernunft gegründeten Wesens“ unvereinbar ist.

[2] Vgl. Bataille, Georges: Die Literatur und das Böse. München 1987, S. 109: „In der Einsamkeit des Gefängnisses verlieh Sade als erster jenen unkontrollierbaren Triebkräften durchdachten Ausdruck, auf deren Negierung das Bewußtsein das Gesellschaftsgebäude – und das Menschenbild – errichtete.“

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