Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe

„Fragmente einer Sprache der Liebe“

Roland Barthes und das Spannungsfeld Sprache-Liebe

Jeder spricht über Liebe, aber eine einheitliche Definition dieses Begriffs scheint, wie die Vielzahl der philosophischen, literarischen, künstlerischen Annäherungsversuche andeuten, nicht im Bereich des Möglichen zu liegen. Roland Barthes’ Versuch, sich in fragmentarischer und weniger wissenschaftlicher, als vielmehr affektiv-empathischer Weise diesem Gegenstand zu nähern, rechtfertigt sich aus genau diesem Umstand. Anstatt eines „Sprachgefühls“ (S.16)[1], das die Linguisten laut Barthes in einigen Bereichen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit nutzen, braucht es hierzu ein analoges „Liebesgefühl“ (S.16). Was genau macht es aber so schwierig, von Liebe zu sprechen? Die „Sprache stammelt, lallt immer dann, wenn ich [...] auszusprechen versuche“ (S. 38), was es ist, das ich an ‚dem Anderen’ liebe: „Je deutlicher ich die Besonderheit meiner Begierde erlebe, um so weniger kann ich sie benennen; der Präzision der Zielscheibe entspricht ein zitterndes Schwanken des Namens; das Eigentümliche der Begierde kann nur die Uneigentlichkeit der Aussage hervorbringen“ (S. 39). Der Liebende flüchtet sich also in die Tautologie, dahin, wo das definitorische Element der Sprache außer Kraft gesetzt ist, da es in einen immerwährenden Kreislauf gerät. Er sagt: „ich bete dich an, weil du anbetungswürdig bist, ich liebe dich, weil ich dich liebe“ (S. 40). Wenn ich liebe, fehlen mir die Worte. Doch im Grunde: Sie fehlen nicht nur mir, sie fehlen einfach. Seit Saussure wissen wir, dass Sprache ein System ist, das aus Zeichen besteht. Dies impliziert zwei Dinge, die es undenkbar machen, dass Liebe (oder irgendeine andere Emotion) in Worte gefasst werden kann: 1) In einem System geht es geordnet zu, jedes Element hat seinen festen Platz, seine feste Funktion, jedes Element ist tendenziell austauschbar durch ein anderes, das die gleiche oder eine ähnliche Funktion hat. 2) Ein Zeichen besteht aus zwei Ebenen, die, lose und arbiträr, aber immerhin, zusammengewebt sind: die eine Ebene verweist auf die andere und umgekehrt. Sprache ist also: Ordnung, Definition, Abfolge, Sprache ist aber vor allem: Konventionalisierung. Ein Wort fasst niemals die Einzigartigkeit des einen Dinges, das es beschreiben soll. Es fasst die Gemeinsamkeiten dieses Dinges mit anderen Dingen, die ähnlich, aber doch anders sind. Liebe aber ist: „das absolut Neue“, „das ganz reine Neue“ (S. 141) phantasieren. Liebe, als mein Gefühl, das ich hier und jetzt fühle, ist spezifisch, originell, anders, es ist neu. So müsste folglich jeder Liebende seine eigene Sprache haben, seine eigene Einzigartigkeit. Und schon wird klar, was eine Sprache der Liebe unmöglich macht: Eine Sprache, die nur mir gehört, ist keine Sprache.


[1] Barthes, Roland. Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt a. M. 1984. Alle in Klammern gesetzten Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.

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Fragmente einer Sprache der Liebe


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