Alle Jahre wieder: kontrolliertes Chaos

Man glaubt es kaum, wie viele Probleme sich aus dem Kauf, dem Aufstellen und dem Schmücken sowie dem Betrieb eines einzigen, gerade einmal 150 Zentimeter kleinen (und fast ebenso breiten) Weihnachtsbaumes ergeben können. Wir holen unsere Bäume im Wald. Dort werden sie frisch geschlagen, man kann sich sein künftiges Opfer von allen Seiten in voller Pracht betrachten und seine Wahl treffen. Dann geht es dem Bäumchen an den Kragen Stamm. Ein tolles Exemplar war es, das wir uns aussuchten, Liebe auf den ersten Blick! Absolut ebenmäßiger Wuchs, unten breit, sich nach oben hin gleichmäßig verjüngend. Eine Blautanne wurde es, viele schöne saftige Nadeln auch am Stamm ließen unsere Wahl sofort unser Herz erobern. Ab ins Netz, ab ins Auto, ab nach Hause. Andere Käufer bescheiden sich regelmäßig weniger und versuchen ebenso regelmäßig am Parkplatz Zweimeterbäume in Kleinwagen oder gar Cabrios zu verstauen. Wir haben einen Van. Und in dem verschwindet so ein Bäumchen fast schon auf Nimmerwiedersehen. Wir verschwanden auch, bevor kinderreiche Familien uns vertreiben konnten.

Zuhause nahm der Baum in seinem Ständer Platz, wo er plötzlich nicht mehr ganz so gerade wirkte, wurde ausgerichtet, ausgekleidet und entfaltet. Im Wohnzimmer badete er jetzt den Fuß in angenehm temperiertem Wasser, und roch still vor sich hin. Ich saß nicht weit entfernt und tippte auf meiner Tastatur herum. Irgenwann begann der Kopf zu grummeln (meiner!), die Nase zu laufen, der Hals zuzuschwellen, die Stimme zu versagen. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, wo die Ursache zu finden sein würde… Na toll! Allergisch auf den Christbaum zu sein ist ähnlich blöd, wie allergisch auf die eigene Frau zu reagieren. Somit stand mein Part beim fröhlichen Baumschmücken, das traditionell am Heiligen Abend nachmittags erfolgt, fest: Ich wurde Kritiker. Aus angemessener Entfernung. Uli kämpfte tapfer mit dem Baum und seinen Nadeln und gegen ihren Blutverlust. Dieses Grünzeug war ganz schön wehrhaft! Ich selbst beschränkte mich auf gute Ratschläge und die Vermeidung von allzu offensichtlichen Lachanfällen.

Irgendwann war auch der Baum bunt und hinter dem Päckchenberg kaum noch zu sehen. Eigentlich wollten wir uns dieses Jahr nichts schenken… Nach stundenlangem Auspacken (wofür packt man eigentlich alles mühsam ein, wenn es dann doch wieder ausgepackt wird?) blickte ich auf eine unerwartet reichhaltige Geschenkeauswahl. Vom Fachbuch über Comics (Was wohl? Genau: Snoopy!) bis über Klamotten bis zum Plattenspieler. Plattenspieler?! Genau, das ist dieses Gerät, auf dessen Teller man schwarze Vinylscheiben legt, einen Arm über die Platte bewegt, die Nadel vorsichtig auf die erste Rille setzt und dann diesem verrauschten und gänzlich unkomprimierten Klang lauscht. Back to the roots. Mensch, ich erinnere mich gerade an meine Winnetou-Plattensammlung, die ich als Kind immer und immer wieder auf einem Koffergerät abspielte, das sogar noch Schellackplatten (78er!) zum Wirbeln brachte! Gute alte… Quatsch! Nix war gut an dieser Zeit!

Essen gab´s gestern dummerweise auch. Man sieht mir an, dass an den vergangenen Tagen auch die Plätzchen schmeckten… Aber pünktlich zum Fest bedecken zwanzig Zentimeter Neuschnee den alten Modder und zwingen mich mehrmals täglich zu Fitness an der Schneeschaufel. Gestern Morgen noch erfreute mich Eisregen beim Gassiradeln – glücklicherweise habe ich die fast freie Auswahl im Bikekeller und konnte demnach mit dem Dirtbike das nehmen, das auf Glätte richtig Grip hat. Snoopy schlidderte und rutschte, ich dagegen vertraute den pappigen Slicks und meiner Fahrtechnik. Gegen mittag hatten Feuerwehren, THW, Rettungsdienste und Polizei ihre Betriebsausflüge Einsätze beendet und der Regen ging allmählich in Schnee über. Weiße Weihnacht! Wann hatten wir die zuletzt? So mancher Verkehrsteilnehmer, der nur eben mal schnell noch ein Geschenk besorgen wollte, wird die nächste Zeit ohne Auto verbringen müssen – manche auch ohne Gesundheit…

Was heute, am ersten Weihnachtstag, ansteht? Tja, ich muss arbeiten. Mein Laptop ist seit gestern wieder da und dummerweise gibt es heutzutage keine hilfreichen Geister mehr, die einem zur Hand gehen. Also setze ich mich pflichtbewusst aber leise knurrend an mein Porträt. 10.000 Zeichen fehlen noch. Auf geht´s!

 


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