Aber es ging doch demokratisch zu!

Erkennt endlich an, ihr schwäbischen Querulanten, dass es keinen Grund zum Protest gibt! Ihr habt kein Recht auf Widerstand, kein Recht dazu, euren Unmut zu bekunden. Das heißt, friedlich und ohne jemanden im Wege zu stehen, irgendwo vor den Toren Stuttgarts vielleicht, außerhalb Schwabens, weitab vom Wirbel, oder im heimische Wohnzimmer jeder für sich: das ist erlaubt! Das ist sogar erwünscht, denn das zeugt von demokratischer Lebensart. Wobei das gönnerhaft gemeint ist, denn die Demokratie hat in Sachen Stuttgart 21 schon lange gewaltet - ohne eine demokratische Legitimation gäbe es ein solches Projekt ja gar nicht. Aber man will ja nicht kleinlich sein, gönnt dem Querulanten seine demokratische Unsitte, erlaubt ihm einen Protest, der ruhig hübsch aussehen darf, aber bitteschön keine Wirkung haben soll.

Da erlaubt man euch jovial ein bisschen protestierende Unmutsbekundung, und ihr haltet es für euer gott- oder verfassungsgegebenes demokratisches Recht! Dabei hat doch die Demokratie schon gewirkt. Sie war an der Arbeit, als eure Abgeordneten, die nur ihrem Gewissen verpflichtet sind, schlaflose Nächte hatten, weil sie darüber brüteten, ob sie nun mit Ja oder Nein abstimmen sollten. Und sie fungierte, als die Wirtschaft Spendengelder an die Mandatsträger und ihre Parteien überwies - der vulgäre Volksmund nennt das Schmiergeldzahlungen, Bestechung, Korruption: dabei ist das die Demokratie, die sich entfaltet, die ihre Blüten treibt. Man ist nur konsequent, muß als öffentliche Hand auch mal die Hand offen halten - bevor man sie gefüllt verschließt. Danach Ausschüsse und Kompetenzrunden, Kommissionen und Gremien: alles demokratisch! Wirtschaftseinfluss hier, Modernisierungswahn dort, Profitfetisch ohnehin an allen Ecken und Enden: das zeugt von demokratischer Legitimität. Alle Instanzen waren durchlaufen; erst Spenden- und Entscheidungserleichterungsgelder, dann das Gewissen, hernach die wirtschaftlichen Kuratorien, gemeinsames Abendessen zwischen Mandatsträger und Mandatsbezahler - und dann pilgert ihr in Horden auf den Plan, rüttelt alles durcheinander und erkühnt euch, auch ein wenig demokratisch teilhaben zu wollen!

Wir sind das Volk! Ha! Seid doch nicht so schrecklich sentimental! Das ist eine schöne Erinnerung, ein herrliches Andenken; etwas, womit man den Bürgern Ostdeutschlands ein wenig lobenden Honig ums Maul schmieren kann. Die haben friedlich demonstriert, keine Gewalt durchzog den Verlauf. Was für ein glorreiches Verdienst! Aber das ist lange vorbei; heute sind die Menschen glücklicher, sie müssen nicht mehr protestieren. Wir sind das Volk! ist das Kennwort von gestern; nicht wiederholbar, nicht erwünscht. Damals verlief es friedlich, heute müssen selbst Rentner und Schüler verprügelt werden. Das liegt aber nicht an der Polizei - das liegt an euch! Denn damals sind es todunglückliche Leute gewesen, die marschierten. Und solche dürfen marschieren, sollen nicht zusammengeknüppelt werden - aber ihr, ihr seid Menschen einer glücklichen Gesellschaft und lamentiert trotzdem dekadent vor euch hin: einige Ohrfeigen schaden da nicht, um euch zur Besinnung zu bringen. Diese Freiheit des Polizeiknüppels und die Freiheit der darstellenden Presse, den Knüppel zu rechtfertigen, nehmen sich die Dirigenten und Funktionäre dieses Gemeinwesens doch nur, um euch einsichtig zu machen. Und seid doch mal aufrichtig, ihr Meckerer: ihr seid in nuce gewalttätig! Steht einfach auf, stellt euch in den Weg, bekundet Unzufriedenheit, beschwört friedliche Proteste, die es nur in der Legende von 1989 geben darf, als Narrativ, als Sage, als romantische Novelle - jedoch nicht als Realität. Na, wenn das nicht gewalttätig ist! Wenn das nicht provoziert! Die leitenden Angestellten dieser Gesellschaft sind so ein rebellisches Naturell nicht gewöhnt; sie kennen nur die Protestkultur der Gewerkschaften, die stets nachfragt, die Rücksprache hält: Ist Ihnen der Streik an diesem Tag recht? oder Bereiten wir Ihnen, Herr Unternehmer, nicht zu viel Unannehmlichkeiten?

Man muß fragen, ob man nicht im Weg stünde, falls man eventuell demonstrieren wolle; man muß verantwortungsvoll daneben stehen, wenn einem etwas nicht gefällt. Daneben! Denn ein guter Souverän drängt sich nicht auf. Tut man das nicht, dann ist man nicht Demonstrant, nicht Querulant, dann ist man gewalttätig und rabiat und vielleicht sogar eine besonders nervige Form von Terrorist! Dann ist man eine Gefahr für die öffentliche Ordnung! Ihr Nörgler fragt wohl nicht gerne, wollt keine Rücksprachen halten - man hätte doch darüber reden können! Und dann hätte man euch sicherlich eine Protestwiese zugewiesen, irgendwo im Stuttgarter Umland. Vielleicht sogar mit Imbisstheke und Bühne, mit Bratwurst zum Sozialpreis und einen Auftritt von Wader oder Wecker - alles bezahlt von der Bahn, von Subunternehmen, die wirtschaftliches Interesse an Stuttgart 21 haben, und von der Landesregierung natürlich - vom Steuerzahler, der seine eigene Sozialbratwurst refinanziert. Dies alles zur Förderung und Bewahrung der Demokratie, versteht sich. Als Beitrag zum Erhalt der Protestkultur. Demokratie muß gehegt und gepflegt werden, irgendwo draußen, irgendwo außerhalb. Dort wäre alles besser organisiert, mehr Platz gewesen, hättet ihr niemanden im Wege gestanden. Und ihr wäret verantwortungsbewusst mit eurer demokratischen Wichtigtuerei umgegangen. Man hätte mit den Verantwortlichen nur reden müssen, dann wäre euer Protest ein nettes Event geworden. Aber so? So ungestüm, so penetrant, so stur? So kann man mit denen, die diese Demokratie leiten, nicht umgehen.

Vergesst nicht, schwäbische Sturköpfe: ihr seid Bürger dieses Landes. Und als solche habt ihr keine Identitätskarte wie in anderen Ländern, kein identity document, kein documento de identidad, keine carte d'identité, nessuna carta d'identità; ihr habt einen Personalausweis! Ihr seid Personal dieses Landes! Personal eures Chefs und Personal eurer Nation! Der Deutschland AG! Personal muß buckeln, muß sich wegducken, darf keine Widerrede im Munde führen und soll nicht die Betriebsabläufe stören. Geschieht es dennoch, so könnte man euch kündigen. Und was tun die gütigen Herrn dieser Demokratie? Sie sind milde! Sie lassen euch nur prügeln, damit sie euch nicht entlassen müssen. Verpassen euch nur eine Abreibung, damit ihr lernt, dass Demokratie die Sache einiger feiner Kapos, Vorarbeiter, Meister ist: jedoch nicht die Sorge des unteren Personals! Ihr dürft zwar theoretische demokratische Werte in euren Alltag hinaustragen, fanatisch davon berichten, frohe Botschaften verkündigen: aber praktische Demokratie leben dürft ihr nicht - nur unter Ankündigung, auf Antrag, auf einer Wiese vor der Stätte des Geschehens! Auf Baustellen ist hierfür aber leider keine Zeit - stört die malochenden Bauarbeiter nicht mit eurem Quatsch!

Fahrt ins Grüne und seid dort demokratisch - mit dem Segen der herrschaftlichen Damen und Herren, die euch dieses Stückchen Demokratie gewähren, obwohl in Sachen Stuttgart 21 bereits alles Demokratische gesagt und verabschiedet wurde. Seid dankbar für die Genehmigung eurer illegitimen Aktion! Fordert nicht auch noch Konsequenzen - dass ihr überhaupt eine andere Meinung zur Schau stellen dürfte: das ist doch schon was! Und wenn Stuttgart 21 keinen mehr juckt, dann gleich nochmals raus ins Grüne, gegen die Praxis bei Hartz IV und gegen die sarrazinistische Ausbreitung des Rassismus protestiert! Wie meint ihr? Irgendwann müsse man es auch gut sein lassen? Soso...


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