91. Atomdichter und Kunstpoeten

Auch die Isländer haben ihre Surrealisten und Expressionisten, allen voran Halldór Laxness, den Literaturnobelpreisträger des Jahres 1955. Nach seinem Roman „Atomstation“ wurde jene Gruppe jüngerer Dichter benannt, die den Traditionalisten Paroli bot, indem sie – jenseits strenger Versmaße – nach neuen Ausdrucksformen suchten. Die in der Anthologie zahlreich vertretenen „Atomdichter“ beleben bis heute die Szene. …

Gruppierungen mit herausfordernden Namen wie „Die schlechten Kunstpoeten“ beziehen die Umgangssprache in ihre Gedichte ein und brillieren mit fantasievollen Verdichtungen. Aufschlussreich ist das Kapitel mit der 2001 gegründeten Poetengruppe „Nyhil“, für die Open Mike Sessions zum Alltag gehören. Der 1973 geborene Andri Snaer Magnason nimmt den Begriff von Poesie als Lebensmittel wörtlich. Er platzierte seine Verse in der Supermarktkette „Bonus“. Da versprühte er seinen Witz zwischen Rotwein und Erdbeeren. Für den Verfasser hat es sich gerechnet. Er verkaufte sein Buch 10 000 Mal.

Nicht minder einfallsreich zeigen sich Dichterinnen, die sich in jüngster Zeit kräftig Gehör verschaffen. Kristín Ómansdóttir lockt mit „Zitronenbrust“, Gerður Kristný tröstet mit „Nussschokolade“. Eine Schlacht am kalten Buffet?

Silja Aðalsteindóttir u.a. (Hg.): Isländische Lyrik. Insel, Berlin. 224 S., 8,95 Euro.

Die kurzen, pointierten Gedichte des 1961 in Reykjavik geborenen Meisters der Moderne Gyrðir Elíasson verlieren auch in der deutschen Übersetzung nichts von ihrem Facettenreichtum. Mal gleichen sie melancholischen Seufzern, mal einem Gedankenpuzzle über Freiheit in der Demokratie. …

Der Lyriker beschreibt die Anwesenheit morbider Dinge und den Prozess ihres Verschwindens. Dabei erfasst er blitzschnell Bewegungen. Im Gedicht hält er sie für einen Moment an: „Jemand geht / am Felsenrand / und springt / Er ist noch auf dem Weg / hinab“ („Anarstapi“).

Gyrðir Elíasson: Einige allgemeine Worte über die Erkaltung der Sonne. Aus dem Isländischen von Gert Kreutzer. Kleinheinrich, Münster. 130 S., 40 Euro.

/ Dorothea von Törne, Die Welt



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