9. November 1989

Das Jahr '89 begann für mich mit Wachdienst in der Grenzland-Kaserne in Flensburg. Ich hatte nur ein Ziel: Die Verkürzung meines Wehrdienstes um 3 Monate auf 12, so dass ich im Herbst anfangen könnte zu studieren. Und davor musste ich Praktikum in der Industrie absolvieren. Und dieses Praktikum musste ich mir erstmal besorgen. Darum kreisten meine Gedanken, wenn ich nachts an der Bauer Landstraße stand, oder am Zaun entlang patrouillierte. Den anderen Kameraden mit Abitur, die Ingenieur studieren wollten, ging es ähnlich.
Seit meiner einwöchigen Oberstufenfahrt nach Berlin im Oktober '87 wollte ich dort auch studieren. Ich hatte aber noch keinen Plan für den Herbst 89, sondern wollte erst mal das Vordiplom schaffen. Aber ein Kamerad aus Berlin hielt meine Lust auf Berlin am Laufen, in dem ich ihm Löcher in den Bauch fragte. Er studierte Jura und war mitten im Studium "gezogen" worden. Die Einberufung kam getarnt als Wasserrechnung. Wie ich stammte er aus Dortmund.
Der Frühling kam und ich schrieb immer noch Bewerbungen - erfolglos. Dann half mir der Vater eines Freundes und vermittelte uns beide in die gleiche Firma. Von da an zählte ich nur noch die Tage bis zum 30.6. runter. Ich musste mir meinen gesamten Urlaub aufsparen, der Rest wurde mir geschenkt. Ich machte einen LKW-Führerschein und schoss eine silberne Nadel auf dem Schießplatz. Beides waren die positiven Höhepunkte meines Wehrdienstes - auf alles andere hätte ich verzichten können. So sah ich es jedenfalls damals. Erst heute ist mir klar: ich war ein kleines Rädchen in der NATO-Strategie, das den Kommunisten die Stirn bot. Heute weiß ich auch, von Bekannten in Brandenburg in meinem Alter: Der Warschauer Pakt hatte sich Ende der 80er mindestens einmal komplett für einen Angriffskrieg vorbereitet. Bis hin zur Ausgabe scharfer Munition, Urlaubssperre etc.
Anfang Juni lag ich plötzlich im Bw-Krankenhaus, wegen einer Blutvergiftung. So verpasste ich den Besuch Gorbatschows im Ruhrgebiet. Und es war nicht das einzige, was ich in diesem Jahr verpasste.
Das Praktikum in einem Fertigungsbetrieb kam und ging. Ich lernte die Feile, den Lötkolben, die Abisolierzange, den Schaltschrank, den Laser Barcodescanner. Danach kamen die Vorkursen an der Uni Dortmund in Mathe und Physik. Und ich dachte: Gut, dass ich beide Fächer als Leistungskurse gehabt hatte. Sonst wäre es mir so wie einem früheren Mitschüler ergangen. Er musste bereits hier ganz schön kämpfen.
Dann begann das Studium. Alles war neu, ich war der erste in der Verwandtschaft, der studierte. Ich hatte vollauf zu tun. Kam ich abends heim fühlte ich mich wie nach einem Arbeitstag. Erschöpft aber stolz, endlich Student zu sein. Und abends schaute ich mit meinen Eltern, was sich in der DDR so abspielte. Ich erinnere mich noch an die Übertragung aus der Prager Botschaft Ende September.

Die Dichte der Ereignisse nahm immer weiter zu. Es war klar, dass hier Weltgeschichte im Gange war. Aber ich hatte kaum Zeit, außer am Wochenende, mich mehr damit zu beschäftigen. Samstags kaufte ich mir die Süddeutsche. Eine von zwei überregionalen Zeitungen, die es bei unserem Schreibwarenladen gab. Aber auch die Dortmunder Ruhr Nachrichten und WAZ konnte man damals noch lesen.
Dann kam der November und dann der 9. Ich weiß nicht mehr, ob es abends live lief oder ich es in der Tagesschau sah. Als ich hörte, dass die Mauer nun offen war, stand ich wie vom Donner gerührt. Zum einen freute ich mich sehr. Zum anderen hatte ich ein einmaliges Ereignis verpasst. Aber die richtige Intuition gehabt. Es blieb mir eine Lektion für's Leben: Höre auf deine innere Stimme - sie hat meistens recht.
9. November 1989
Nicht, dass ich den Mauerfall vorausgeahnt hätte. Aber dass Berlin irgendwie von Bedeutung war oder würde, irgendwie war mir das seit 1987 klar. Im Herbst 89 kam ich aber auch nicht auf die Idee, jetzt mal nach Berlin zu fahren. Alleine wollte ich das nicht machen und allen in meiner Umgebung war es entweder nicht wichtig genug oder sie waren ebenfalls mit ihrem 1. Semester beschäftigt. Wir hatten Angst, den versäumten Stoff nicht mehr nachholen zu können, wenn wir jetzt nach Berlin führen.
Na ja. Ich war dann 1996 das nächste mal da. Da war ich schon in meinem ersten Berufsjahr. Der Potsdamer Platz war eine Riesenbaustelle, eine Baugrube, aus der man das Grundwasser nicht abgepumpt bekam. Heute wohne ich ganz in der Nähe.
Mein, nein da schon unser Umzug, nach Berlin gelang dann erst 2001. Im Rahmen eines Projektes, das ich hier ergattert hatte. Ein möbliertes 40qm Appartement in der Mommsenstraße. Vornehm, aber zu der Zeit noch vergleichsweise günstig. Wir zogen im Februar ein. Und der neu gewählte US Präsident George W. Bush hielt eine Rede gegen China. Irgendwas mit einem Spionageflugzeug und gefangen genommenen US-Soldaten. Ich dachte intuitiv: Bush werden wir bestimmt noch öfter in Uniform sehen. Und dann kam der 11. September.

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