85. Keine Legendenbildung

Ja, die DDR war eine Diktatur, die Meinungen unterdrückte und Menschen drangsalierte und daran schließlich scheiterte. Joachim Walther hat unbestreitbare Verdienste im Sammeln und Bewahren von Informationen, die wenig bekannt waren oder drohten vergessen und verdrängt zu werden. Aber, wenn der Zeitungsbericht treu berichtet, ist sein Bericht vor bayrischen Schülern nicht frei von Legendenbildung:

Den Unterschied zwischen demokratischen und diktatorischen Verhältnissen machte Walther nach einer Begrüßung durch Schulleiter Wolfgang Klose den Schülern klar. „Stellt euch vor, die Grenzen von Bayern werden plötzlich dicht gemacht, alle angrenzenden Länder, ja sogar Bundesländer sind feindliches Ausland und es gibt einen Schießbefehl“, so Walther. Die Weltanschauung, die zur Verfügung stehende Literatur, die Musik (keine englischen Texte) werden von Beauftragten der einzigen Partei des Landes ausgesucht, das Tragen von Jeans, den „dekadenten Kleidungsstücken“, ist verboten, auch die Lektüre von Harry Potter wäre untersagt. Alle Lehrer gehören zur Partei, morgens vor der Schule ist Zählappell an der Fahne. Wer studieren darf, hängt nicht von den Noten, sondern von einer konformen Gesinnung ab und bei den Jungen von einer dreijährigen Verpflichtung zur Volksarmee. So war es damals in der DDR, berichtete der Schriftsteller. Er hat selbst erlebt, wie langhaarige Schüler zum Friseur geschleppt und Jeansträger zum Umziehen nach Hause geschickt wurden. / Mainpost

In der Musik keine englischen Texte? Ja, es gab solche Tendenzen in den 60er Jahren unter Walter Ulbrichts Herrschaft – aber selbst da erschienen doch ein paar Beatlesplatten bei der volkseigenen Schallplattenfirma und ich erinnere mich gut, wie 1966 im Waldbad in Leuna eine Gruppe namens Die Sputniks den brandneuen Song der Stones nachsang: „I can’t get no satisfaction“, ich war Schüler, ich war dabei, das Gefühl steckt mir noch in den Knochen, und „My generation“ der Who war meine Generation, mein Lied (nicht der Lehrer, klar doch). In den 70er und 80er Jahren kamen auch zunehmend neben polnischen oder ungarischen (die auch sehr gut waren) englischsprachige Rocktitel im Rundfunk.

Das Tragen von Jeans verboten? War das nicht in den 50er (Uwe Johnson schrieb darüber) und 60er Jahren? Später trug jeder, der konnte, Jeans, originale oder wer keine Quellen hatte, solche aus volkseigener Produktion, und Anfang der 70er Jahre schrieb Ulrich Plenzdorfs Edgar Wibeau seinen Jeanssong, der auch in DDR-Buchausgaben und Theateraufführungen öffentlich wurde.

Alle Lehrer gehören zur Partei? Glaube ich nicht. In allen Schulen, die ich kennenlernte, als Kind und später als Vater, waren immer nur einzelne Lehrer in „der“ Partei, vielleicht meistens eine Mehrheit, manche, auch vereinzelte Schuldirektoren waren auch Mitglied einer Blockpartei, wie CDU oder LDPD.

Morgens vor der Schule ist Zählappell an der Fahne? In meiner Schulzeit gab es Montag morgen Fahnenappell, ja. Aber kein „Zählappell“, und gewiß nicht jeden Morgen.

Die Verhältnisse waren schlimm genug, wie sie waren, kein Grund zur Dramatisierung. Keine neue Legendenbildung bitte.



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