43. Kulturmensch

Bißchen Poesie braucht Kulturmensch schon – muß ja nicht gleich ein Gedicht sein. (Die sind eh meist so abstrakt, hermetisch oder superreal…). Das produziert man doch selbst für den Eigenbedarf. Der taz-Autor macht aus dem Prosasatz von Angelika Overath glatt einen fünfhebigen Jambus, als wärs von George, und titelt: „Die blaue Tiefe Blau, das weiße Weiß“. Das ist auch ein bißchen surreal, aber überanstrengt den Kulturmenschen nicht. Und schmückt ungemein. (taz 29.1., S. 25).

Auch die FAZ von heute hat auf ihren 40 Seiten nicht gleich Platz für ein ganzes Gedicht, aber ein bißchen Poesie muß schon sein, siehe oben. Also lauten die Überschriften für die Ankündigung des Feuilletoninhalts gut rimbaldisch: A schwarz (Feldpostbriefe aus Afghanistan), E weiß (Ebenbild des Dichters), I rot (Institutionen der Wissenschaft), U grün (Unabhängige des Fernsehseriengeschäfts). Für O blau fehlte der Platz, es sind halt zu viele Vokale (das erinnert mich an ein frühes Gedicht von Sarah Kirsch, „dann / zähl ich alle meine lieben / Freunde an den Fingern ab / es sind zu viele Finger die ich hab / zu wenig Freunde sind geblieben“, zitiert aus Gedächtnis und nach Diktat verreist).

Immerhin „E weiß“ verweist auf Rimbaud, es geht um ein Foto, das ihn vielleicht zeigt. Poesie ist das nicht, aber es schmückt, und überanstrengt nicht. Und auch der gestreßte Politiker oder Journalist, der im Auto Deutschlandfunk hört, läuft ja nicht mehr Gefahr, unvermittelt mit einem Gedicht zusammenzustoßen. Es sind vielleicht zu viele Vokale, aber, wir erinnern uns, zu wenig Gedichte, um länger als fünf Jahre jeden Tag eins zu senden. Oder in der Zeitung zu drucken. Gestern keins, heute keins – wir beobachten weiter.

(Geistige Gummibärchen ist eine gelegentliche Kolumne zur Poesie des Medienspeak)



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