40. Gute Zeit für Dichtung

Das vergangene Jahrzehnt war wahrlich eine gute Zeit für Dichtung. Die Festivalisierung der Literatur hat die Lyrik als Vortragskunst wieder entdeckt, und die Öffentlichkeit schien hungrig nach der Institutionalisierung junger Dichter. Dass die sich ihre Aufmerksamkeit auch selbst geschaffen haben, das ist eine entscheidende Charakteristik des vergangenen Jahrzehnts. Mit dem Boom um Anthologien wie Lyrik von jetzt, dem Bohei um kookbooks und dem frechen Revival der Literaturzeitschrift im Stile von BELLAtriste hat sich eine ganze Generation selbst gehypt und ist gehypt worden. Selten hat man innerhalb der engen Vernetzung der Dichter, wie der Herausgeber Michael Braun in seinem Nachwort feststellt, „so sachkundig und offensiv über Lyrik gestritten“ wie im neuen Zeitalter. Doch oft genug war die interne Diskussionsfreude inzestuös und drang nicht nach außen, weil sie enigmatisch war oder auf interne Profilierung zielte. …

Jan Wagner und Franz Joseph Czernin rückerobern das Sonett, Daniela Danz die Ode und Ulrike Draesner die Terzine und Sestine; und so steht neben einer Dichtung des Vor-, Durch- und Überspulens, die Disparates auf ein­ander prallen lässt, zeitgleich die Dichtung eines Steffen Popp oder Raoul Schrott, die das Erhabene revitalisiert. …

Ob aus kritischen oder ironischen Perspek­tiven, ob als technisch angeschrägtes Naturgedicht oder als Hölderlin-Fragmentation, auch auf die Lyrikgeschichte blickt das derzeitige Gedicht mit seinen tausenderlei Augen. / Walter Fabian Schmid, Poetenladen 15.10.

Michael Braun und Hans Thill (Hg.)
Lied aus reinem Nichts
Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts
Heidelberg: Das Wunderhorn 2010
248 S., 26, 80 EUR.