38. Zuviel lyrisches Sperma

Wie groß und reflektiert der Gestaltungswille schon des jungen Autors war und wie enorm die poetische Schubkraft, die ihn antrieb, das zeigen diese Gedichte aus dem Nachlass verblüffend deutlich. Der Band enthält zwei Gedichtsammlungen, die Brinkmann in dieser Form konzipiert hat: “Don Quichotte auf dem Lande. Gedichte 1959/1961″ und “Vorstellung meiner Hände. Gedichte 1963″. Wie er seinen Sound formte, in wechselnder Absetzbewegung zu dem, was er für modisch hielt, das kann man hier fast mit Händen greifen – schmerzhafter und deutlicher als in den poetologischen Selbstaussagen, die er seinen Gedichten beifügte, wenn er sie an Zeitschriften schickte.

Die erste Sammlung hat einen völlig anderen Ton als die zweite. Aber schon in der ersten gibt es Gedichte, in denen Brinkmann poetisch reflektiert, was er in einem Brief an seinen Freund Ralf-Rainer Rygulla als seine Schwäche ansah: “zuviel Krolowsche Schönheit und zuviel an lyrischem Sperma” / Meike Feßmann, DLR

Rolf Dieter Brinkmann: “Vorstellung meiner Hände. Frühe Gedichte”, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010, 96 Seiten