128. Die Marxstrophe für Anfänger

 

Liebe Demokraten und Nichtauslacher über eigenes Unvermögen

 

Der folgende Text wurde überarbeitet für einen Performancesabend in Weimar und später ein Festival in Minden, zur allgemeinen Aufmunterung über SOZIALE GERECHTIGKEIT und TEILHABE NEU NACHZUDENKEN und WIE DURCHZUSETZEN?

 

Von Rainer Wieczorek

 

Die Marxstrophe für Anfänger

 

Stellen sie sich vor, verehrtes Publikum, eines morgens, da fährt einer zur Arbeit im Cabriolet.

 

Die Sonne scheint, die Frau ist schön, die Kinder gut genährt und werden vorzüglich behandelt in der Schule. Ein Gymnasium selbstverständlich.

 

Er freut sich auf seinen neuen Arbeitsplatz. Der erste Tag als Generaldirektor über alle Berliner Museen der Bildenden Künste und die unverschämte Gehaltsforderung wird auch gezahlt. Herrliches Berlin.

 

Er sieht sie schon die Nationalgalerie, in zwei Stunden ist der Empfang.

 

Champus mit edel belegten Schnittchen und all diese schönen Kleider, üppigst geformt, mit ihren blauen strammen Anzügen. Ahhhhch ist das schön. Na ja, die sitzen selten gut.

 

Und dann, schon vor dem Parkplatz, Leute, Pöbel, Dutzende, Hunderte.

 

Transparente.

 

Das Museum eingekesselt.

 

Megafone brüllen:

 

Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik

 

Wir Künstler streiken heute in der ganzen Stadt. Die Theater sind besetzt. Die Fernseher und Radiostationen verlesen unsere Forderungen.

 

Wir diskutieren mit bereitwilligen Politikern.

 

In allen Galerien wurden die Bilder von den Wänden gehangen, kein Mensch singt, kein Mensch tanzt, vor allen Buchläden sind Streikposten aufgestellt, alle Musik schweigt, nur Transparente werden noch gemalt, auf denen steht:

 

Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik

 

Filmriss. Einfliegende Stars und Sternchen bekommen frei und bekommen eine Stadtrundfahrt spendiert vom Streikkomitee zu allen aufregenden Orten des Streiks. Alle Videotheken haben geschlossen. Ein Mathematiker rechnete aus, das im Durchschnitt jeder Bundesbürger nach zwei Wochen seine archivierten Kulturbestände durchsichtet hat. Romansammler brauchen länger. Nur noch Wiederholung,Wiederholung, Wiederholung. Das Internet wird mit DADAviren bombardiert. Nichts geht mehr, nur noch Sport und Bilderlose Tageszeitungen ohne Feuilleton, und da steht auch nur alles über unseren:

 

Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik

 

Das Streikkomitee berät, wenn der Trust Jahrmillionen alte Gene zu seinem Eigentum erklärt und das auch noch akzeptiert wird von gewaltigen Staaten, dann können wir auch nach Ägypten fahren und die Pyramiden zuhängen, Christo hat zugesagt und auf der Folie steht:

 

Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik

 

für Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum. Für Freigabe der Städte und Landschaften zur Gestaltung. Der Erweiterte Kunstbegriff befreit den vernormten, eingepressten, das getriebene Rädchen Mensch. Auf das jeder wird ein Künstler. Künstler durch Eigenformung, im neuen Arbeitsbegriff als Arbeit – Spiel – und Müßiggang zusammengefasst. Lohnpartizipation an den Maschinenleistungen der Menschheit. Mensch sein: Autonom, Selbstbestimmt im eigenen Denken, im eigenen Handeln, im eigenen Sein. In dieser sich demokratisierenden Demokratie mit offenen Grenzen zur Anarchie. Keine Macht für Niemand über Jemand und Frauen sind immer mit gemeint. Kein Mensch ist prinzipiell ausgeschlossen. Und darum:

 

Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik

 

Rainer Wieczorek, Neubearbeitung am Morgen des 28.9.2011

 

Und die Gewerkschafter unter Euch sollten mal langsam über die Durchsetzung des Generalstreiks Nachdenken!

 

 

Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) www.rainerwieczorek.de

 



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