"127 Hours" [USA 2010]


Kritik

Knochen brechen, jeder einzelne von ihnen ein alles verschlingender Knall mitten hinein in verlassenste Einöde, Venen durchschneiden wie rote Fruchtgummispaghetti, Taschenmesserklinge rein ins nackte Fleisch, dann wieder raus, rein, raus, raus, rein, Schweiß fließt, Blut spritzt, Herz rast, Schmerz wütet, die Kamera schwenkt weg, wieder hin, wird zunehmend hysterischer. Eine Tortur. Blankes Körperkino. Total intensiv, ohne voyeuristisch, ohne effektheischend zu sein. In Ekstase, verzweifelt, halb verdurstet und halb verhungert. Das Armabschneiden als Ausdruck eines ungezähmten Überlebenswillens einer zum Sterben zurückgelassenen, vor sich hin siechenden Kreatur. Der Ruf nach Freiheit übertönt sämtliche persönlichen Schmerz- und Ekelbarrieren und führt zur anatomischen Klimax. Vor sich ein einziges Ziel: leben. Lediglich leben. Nichts anderes. Für die Liebe, die Familie und Freunde, im Prinzip für die ganz großen Dinge. Aus der Amputationsszene, wo Danny Boyles Einpersonenstück auf dem Höhepunkt seiner Entschlossenheit angelangt ist, erstrahlen Urkräfte.
Boyle und Simon Beaufoy adaptierten die wahre Geschichte des Extrembergsteigers Aaron Ralston, der 127 Stunden lang in einer Spalte von einem Felsbrocken eingeklemmt war. Durch eine selten drastische Maßnahme konnte er sich befreien, sein Körper in einem völlig dehydrierten Zustand, ausgelaugt, halbtot, mit rechtem Armstumpf. Seine autobiographische Geschichte schrieb er nieder und avancierte 2003 zur Hauptattraktion amerikanischen Presseerzeugnisses. Ralstons Schicksal war thematisch günstig für Danny Boyle, weil es des Regisseurs immer wieder kehrendes Motiv einer Gruppe Überlebender, die von der Zivilisation abgeriegelt werden, zum Individuum verdichtet. Diesmal wird ein einziger Überlebender isoliert, die ultimative Reduktion auf dramaturgischen Minimalismus. Nur er steht im Mittelpunkt. Keine klassisch geschnittenen Ortswechsel, keine weiteren Akteure, für die sich die Kameralinse länger als ein paar Augenblicke interessiert, keine narrativen Schnörkel und Schlenker und klischeehaften Hollywood-Manierismen. Dass "127 Hours" einem vergleichsweise unspektakulären Tatsachenroman entspringt, ist folgerichtig zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar.
In der ersten Hälfte des formal wie emotional stark zweigeteilten Films wühlt Boyle im Videoclip-Repertoire seiner eigenen unverwechselbaren Handschrift. Die Musik wütet durch die idyllisch-meditativen Bilder grellorangener Landschaftsaufnahmen, welche nicht selten an Boyles Überlebenstrip "The Beach" erinnern. Außerdem symbolisieren manchmal zwei-, öfters jedoch gleich dreigeteilte Split Screens das essentielle Verhältnis von der Hektik der Massen in Großstädten einerseits und der Einsamkeit eines Einzelnen in sperrigen Felsformationen andererseits. Jon Harris schneidet schnell und energiegeladen. Richtig cool wird Aaron Ralston (James Franco) eingeführt, der gleichfalls in einer Art "The-Beach"-Reminiszenz auf zwei Frauen trifft (die allerdings keinen sonderlichen Mehrheit bringen), denen er als besonders verrückter Bergsteiger den Weg durch die Schluchten zeigt. Bereits angesichts jener ungewöhnlich langen Exposition lernt man Einiges über Ralston, unter Vermeidung dessen, dass Boyle in der Kindheit seines Protagonisten gräbt. Die Kunst aus wenigen Worten viel zu erzählen. Ralston ist zu Beginn scheinbar übertrieben gelassen, die Berge sind sein zweites Zuhause, er ist furchtlos, liebt das Abenteuer, den Nervenkitzel, das Risiko. Schwer vorstellbar, dass ihm das nicht irgendwann zum Verhängnis wird.

Nach dem unglücklichen Absturz schließlich ersetzt zunächst deprimierende Hoffnungslosigkeit euphorische Lust am Klettern. Kampf gegen die Natur. Alles hat sich gegen Ralston gerichtet. Ein einseitiger Kampf, den Ralston verlieren sollte. Ralston ist gefangen. "Alles [ist] ganz nah, augapfeldicht, ein Kampfgebiet ohne Platz zum Manövrieren oder Verfeinern […]" ("Unterwelt" – Don DeLillo, S. 396). Boyle lotet körperliche, aber auch seelische Nahtoterfahrungen aus, Ängste und Panik. Ralstons allzu menschliche Triebe, die sehr bedingt befriedigt werden können, führen geradewegs in den Wahnsinn. Bemerkenswert, dass Boyle nicht per se an Hunger und Durst denkt, sondern auch an das sexuelle Verlangen Ralstons, welches in einer Szene kurz angedeutet wird. Boyle inszeniert unheimlich dynamisch, unheimlich rasant, da, wo eigentlich die Zeit eingefroren zu sein scheint, da, wo in der Realität Rasanz von Monotonie abgewürgt wird, die umfassende Palette sämtlicher Gefühlsebenen, niemals plakativ oder pathetisch, eher zurückhaltend und angenehm unaufgeregt, sodass der Zuschauer als stiller Beobachter direkt im Geschehen involviert ist.
Hochspannung beschwört hingegen nicht vordergründig die unnatürlich begrenzte Location herauf – das zwar auch –, aber vielmehr resultiert sie aus Ralstons langsam zur Neige gehenden Vorräten und der in diesem Kontext darauf aufbauenden, stetigen Information darüber, wie viel Energie der Akku seiner Kamera beinhaltet und wie viele Milliliter Wasser in seiner Trinkflasche vorhanden sind. Insgesamt nicht viel; Ralston wird letztendlich dazu gezwungen, eigene Körpersäfte zu trinken. Auch Details in Form zittriger Füße, die, sobald sie ins Sonnenlicht gehalten werden, einer Erleichterung gleichkommen, ebenso wie stumpfe Taschenmesserversuche und fortwährende Videoaufnahmen eines teils dokumentarisch konnotierten Charakters untermauern Danny Boyles hochkonzentrierte Inszenierung mit scharfem Auge. Charakterisiert wird Ralston indes mit Hilfe eindringlicher Rückblenden vergangener Kindheit und Jugend aus skurrilen Visionen (speziell die Regenepisode sei hervorzuheben), aufgrund deren, neben Ralstons lässigen Kommentaren im Angesicht des Todes, der tendenziell ernst Tenor des Werks häufig mit ironischem Humor aufgelockert wird, der manchmal sogar in zynischen umschlägt (Einleitung mit "Lovely Day" des dritten Tages).
Damit es in der schmalen Felsspalte nicht langweilig wird, kompensiert Boyle die Stille des Augenblicks mit der lauten Vibration postmoderner Bildmontagen. Aus jeder verstaubten Ritze massiver Gesteinsformationen filmt die Kamera (Anthony Dod Mantle, Enrique Chediak) extravagante Perspektiven, fliegt direkt in Trinkflaschen zu den letzten Tropfen überlebenswichtigen Wassers, die mikroskopisch wie mit Lupe vergrößert werden. Darüber hinaus beobachtet sie auf menschliche Knochen schlagende Klingen eines Taschenmessers, schwebt von der Spalte weg, hinauf zum Gesamtpanaroma der Landschaft, durch Trinkschläuche und das mechanistische Innenleben Ralstons Handkamera, zoomt entfesselt und schwenkt irrwitzig wild umher. Boyle schnipselt in einem der psychedelischsten Momente eine bunte Collage aus lauter einzelnen Werbegetränken diverser Markenhersteller zusammen. Das wirkt ungeheuer sarkastisch und böse, vor allem aber ungemein stilsicher und ästhetisch.

Natürlich ist "127 Hours" hauptsächlich bewegende One-Man-Show. Ganz auf den Hauptdarsteller zugeschnitten, mit dem man leidet, ihn begleitet, immer und überall dauerpräsent. James Franco spielt im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben, changiert gekonnt und wunderbar subtil zwischen schicksalshadernd und ehrgeizig, willig und ergeben, selbstbewusstem Witzbold und ausgemergeltem Radiomoderator. Und begeistert mit einer authentischen Wandlungsfähigkeit. Ausgerechnet seine katastrophale Lage verhilft ihm zur Katharsis: Er wird laut einigen ergreifenden Texteinblendungen, in denen der echte Aaron Ralston zu sehen ist, unmittelbar gegen Ende von nun an sowohl einen Zettel mit dem Aufenthaltsort hinterlassen als auch stets von der richtigen Ausrüstung begleitet werden. Ein echter Kämpfer. Die letzten Minuten, als er endlich aus seinem Martyrium entkommt und auf weitere Wanderer trifft, sind Gänsehaut. Franco war nie besser.
Fazit
Danny Boyle ist eine in seiner überschaubaren Ausstattung klein arrangierte, aber in ihrer Aussage umso mächtigere Hymne auf die ungebrochene Sehnsucht des Menschen nach Freiheit gelungen. James Franco trägt, während Boyles Atem so weit reicht, um der für einen Spielfilm herausfordernden Prämisse mit jeder Menge Menschlichkeit Leben einzuhauchen. Ein kleiner, großer Knüller.
8/10

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