1. Oktober 2010, Zeit, 5.48 Uhr

Kaffee, Zigarette, und wieder ein Monat hin, denke ich, wieder ein Monat, den ich unter meinen Schuhen zertreten habe, den ich mit meinem Arsch platt gesessen habe, den ich mir Tag für Tag von der Haut geduscht habe, geschrubbt habe ich, damit man den Geruch der Zeit nicht riecht, den Geruch des allmählichen Verwesens, wieder ein Monat hin, denke ich, den ich nicht mehr aufspüren kann, ich suche die Wohnung nach den Sekunden, den Minuten, den Stunden ab, ich versuche mich zu erinnern, versuche die Bilder aus den Tiefen des Hirns zu ziehen, aber die Bilder liegen unter Schutt, die lassen sich nur teilweise bergen, also bilde ich mir neue Bilder ein, ich mache mir eine Vergangenheit, mit wem saß ich hier, mit dem Schreiberling, dem kranken Dichter, nein, da muss ich vorsichtiger sein, den gab es nur in meiner Fantasie, den knetete ich mir aus Sand, Wasser und Worten, den warf ich in den Sessel hinein, sprach, du sollst mein Golem sein, er sprach nicht, also ließ ich ihn sprechen, er sprach mir direkt in den zu schreibenden Text hinein, gut so, mein Junge, sagte ich zu ihm, ich nutzte ihn aus, er war mein Sklave, mein willenloses Geschöpf, es gab ihn nur für die Atemzüge, die ich für das Schreiben aufwand, danach verschwand er, und nun sitze ich hier, denke über den letzten Monat nach und frage mich, was da im letzten Monat war, wen gab es wirklich und wen gab es nur in meiner Fantasie, die Seraphe, die gibt es, die liegt drüben im Bett, auch das Sternchen schläft, meine Prinzen und die Erbsenprinzessin besuchen uns am Wochenende, ich blicke mir auf die Finger beim Schreiben, dich gibt es doch wirklich, denke ich, du bist doch hier, du wirst doch keine Erfindung sein von einem Schreiberling, der dich für wenige Atemzüge erfand, um dich dann als Randfigur in seinem großen Roman über das Universum auftreten zu lassen, aber vielleicht bist du doch nur eine schreibende Ameise, eine Randbemerkung, Füllmaterial, ich schüttele den Kopf, ich blicke hin zum Adler, blicke wieder hin zur Tastatur, schreibe weiter, ich schreibe mich auf das Theater hin, denke ich, ich bin kein Erzähler, kein Romanautor, eher schon ein Dramatiker, einer, der die Welt als Bühne sieht, als bitteren Ort voller Tränen und Blut, der sich in seinen Spielen verfängt, während Kinder zertreten werden, Kinder verhungern, während gefoltert und gehängt wird, vergewaltigt und gemordet, ein böses Spiel mit einem Betrachter, der ich bin, ich bin der Betrachter, der sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit macht, dem der Hausmeister dieses Hauses ebenso real ist wie Marcel Proust, der mit der Geschichte am Tisch hockt, reich mir mal die Butter, Napoleon, dir ist da etwas herunter gefallen, irischer Bauer, ich sitze hier und schreibe, während die Zeit eines neuen Monats am Tisch herunter tropft, sie tropft wie Regen auf den Boden, die Natur lässt sich anregen, denn plötzlich regnet es draußen tatsächlich, wir leben in einem Stundenglas, wir rieseln nach unten, wir rieseln ins Grab, wir hoffen, bangen, lachen, weinen, die ganze Welt ist eine Bühne und alle Menschen bloße Spieler, drum lass uns nun eine Zigarette rauchen gehen, Will, der Will steht auf, zuvor einen Kaffee, sagt er, und dann, frage ich.



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