re:publica 17 - ein persönlicher Rückblick


re:publica 17 - ein persönlicher RückblickMeine letzte re:publica ist schon ein paar Jahre her, damals fand sie noch im Friedrichstadtpalast statt. Also war es längst einmal wieder Zeit - wenigstens zwei Tage war ich an der re:publica 17. Die re:publica ist erwachsen geworden, ein Bisschen jedenfalls. Nach wie vor ist die Konferenz anders als andere Konferenzen, schon die Location ist anders, und sie ist bunt, nicht nur das Logo, die das Motto Love Out Loud - als eine Antwort auf Hass im Netz - präsentiert, auch die Leute sind bunt, Anzugträger sucht man (fast) vergebens, dafür gibt’s aber Kinderwagen auf der re:publica.

re:publica 17 - ein persönlicher Rückblick

Deutsche Bahn an der re:publica 17

Aber sie ist auch kommerzieller geworden seit meiner letzten Teilnahme, irgendwie im Mainstream angekommen, zumindest teilweise; vertreten sind Firmen wie Microsoft, Google, Daimler, Deutsche Bahn, Krankenkassen, Bundesländer oder Bundesministerien; die Sponsorenwand sieht aus wie bei einem Profi-Fussballclub.
Anders waren auch die Keynotes zur Eröffnung: Anstelle von irgendwelchen, vermeintlichen High Profile Promis lassen die Veranstalter vier Personen auftreten, die ganz persönlich mit Unfreiheit konfrontiert waren und sind (Video).
Besonders bewegend und berührend fand ich Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhüriyet war. Nach einem Enthüllungsartikel über Waffenexporte der Türkei, der offenbar nie dementiert wurde, landete er im Gefängnis und war seinen Job los. Ruhig und leise berichtete er von dieser Zeit, zeigte Fotos. “Turkey is the largest prison for journalists” sagte er. Sein Beitrag Brief aus dem Gefängnis wurde Ende 2015 im Spiegel publiziert.
Márton Gergely war stellvertretender Chefredakteur der ungarischen Tageszeitung Népszabadság, die am 8. Oktober 2016 eingestellt wurde und berichtete aus Ungarn. Ramy Raoof aus Ägypten erinnert an die Freiheit der Information, die eben in Ländern wie Ägypten oder der Türkei nicht existiert. Er selbst wurde Opfer der Unfreiheit: So wurde sein Mobilfunkgerät und sein Internetzugang gekappt, um seine Aktivitäten. Katarzyna Szymielewiczs fordert uns auf diejenigen Leute versuchen zu erreichen und mit ihnen in den Dialog zu treten, die Politiker, die solche Repressionen befürworten, wählen.
Thomas Wagenknecht präsentierte in der Sesssion Blockchange – How Science Revolutionizes Democracy, Work and Nature Using Blockchain drei spannende Ansätze zur Verwendung der Blockchain, eher abseits der typischen Beispiele: das Kunstprojekt terra0,  DAO (Decentralized Autonomous Organizatins) Democracy und Liquid Holocracy. Shermin Voshmgir vertiefte anschliessend das Thema der Blockchain-basierten DAOs: Disrupting Organizations: Decentralized Autonomous Organizations on the Blockchain: Money without banks. Companies without managers. Countries without politicians. Bitnation erwähnt sie als ein Beispiel. Zur Entwicklung in diesem Bereich sagte sie: It's like 1990 for the Internet - wir stehen hier noch ganz am Anfang. Mehr zum Thema gibt's hier: The promise of the blockchain: The trust machine. Alle präsentierten Ansätze sind auf ihre Art radikal und stehen etablierten Ansätzen diametral gegenüber. Selbst wenn die Technologien (demnächst) verfügbar sind, so braucht es weitaus mehr, damit diese Ansätze sich druchsetzen. Spannende Denkanstösse sind sie aber allemal!
Die Session zum Darknet zeigte wieder einmal auf, dass es Fluch und Segen zugleich ist: Einerseits ein perfekter Rückzugsort für Kriminelle, die man dort schlichtweg nicht aufspüren könne wie der Oberstaatsanwalt Andreas May sagte. Wenn es Verhaftungen gibt, dann deswegen, weil Kriminelle in der realen Welt oft leichtsinnig werden, sich zur Übergabe von illegal erworbenen Waren, wie Wafffen, persönlich mit Käufern treffen - und wenn diese von der Polizei sind, die immer wieder entsprechende Accounts übernimmt, werden Käufer auf frischer Tat ertappt. May sagte auch klar, dass die US Behörden wesentlich weitreichendere Befugnisse hätten.
Auf der anderen Seit dient das Darknet aber auch dem Schutz von Aktivisten in nicht-demokratischen Ländern. So berichtete Ahmad Alrifaee, wie er nur mit Hilfe des Darknets in Syrien journalistisch arbeiten und Berichte ausser Landes bringen konnte.
An einem Panel mit Klaus Kleber und weiteren ZDF Mitarbeitenden gin es um das Thema Fake News (Video). Kleber & Co beschworen die wichtige Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien. Diskutiert wurde u.a. die Rolle von sog. Faktenchecks. Einerseits sind sie durchaus notwendig, eine Gegenrede sei wichtig, aber es sollte vor allem auch die Zivilgesellschaft verstärkt gegen Fake News aufbegehren und den Job nicht nur den Profis überlassen. Andererseits wurde immer wieder erwähnt, dass die Aufarbeitung von Fake News nicht nur aufwändig ist, sondern im Zweifel auch dazu beiträgt, das Fake News eine grössere Aufmerksamkeit erlangen. Ausserdem wurde deutlich, das Fake News nicht gleich Fake News sind. Neben harmlosen, eher scherzhaften Falschmeldungen sind es vor allem Fake News von (mehr oder weniger) staatlichen Stellen, welche Gewisseheiten der Bevölkerung erschüttern sollen, ja diese sogar verwirren sollen, indem unterschiedliche Wahrheiten über ein und dasselbe Ereignis verbreitet werden. So lassen sich zweifelhafte Aktivitäten der Mächtigen relativieren und eine Einordnung durch die Bevölkerung erschweren. Interessant war auch zu erfahren, dass das ZDF Social Media als eine Art Kontrollinstanz wöhrend des Heute Journals beobachtet, um ggf. auf Falschmeldungen in der Sendung direkt reagieren zu können.
Verpasst habe ich leider den Vortrag Die Macht der Sprachbilder – Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung von Elisabeth Wehling. Hier ein Interview zum Thema.

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Garry Kasparov

Zeitweise heiss her ging es in der unterhaltsamen Session "Hacking Democracy": Power and Propaganda in the Digital Age u.a. mit Garry Kasparov. Dass er Putin nicht wirklich gut leiden kann, wurde mehr als deutlich. Anhand der Freedom House Map of Press Freedom machte der deutlich, dass weniger als 30% der Weltbevolkerung in Ländern mit einer freien Presse leben. Auch er wiess auf die Strategie des Verschleinern und Verwirrens durch gezielte Falschinformationen hin, um kritisches Denken zu unterdrücken. Auch Kasparov ruft die Zivilgesellscaft auf, Fake News publik zu machen.
Claudio Guarnieri forderte - einmal mehr auf der re:publica - Medienkometenz ein: "Technology can't be trusted, it has to be understood".
Die Keynote von Gunter Dueck zum Thema Flachsinn - über gute und schlechte Aufmerksamkeit, wie man sie bekommt, wer gewinnt und wohin alles führt (Video) hat mir persönlich nicht besonders gefallen, mir fehlte der rote Faden, auch wenn ich Dueck und seine Art sonst mag. Phatische Kommunikation war einer der Begriffe, die man bei Dueck lernen konnte. Und auch er wiess zum Thema Filterblase darauf hin, dass nicht nur die anderen, über die man gerne urteilt, in ihrer Blase gefangen sind. Wahre Worte, wie ich finde.

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Miriam Meckel

Äusserst empfehlenswert ist der Vortrag von Miriam Meckel Brainhacking: Auf dem Weg zum Neurokapitalismus? (Video (noch nicht Online)) Fast druckreif präsentierte Meckel in ihrem halbstündigen Vortrag wie wir durch (nicht pharmakologisches) Neuroenhancement Gemützszustände per Knopfdruck verändern können oder wie Gedanken in Daten umgewandetl werden können, was dann die Vision von Telepathie real werden lässt. Sie berichtet von Selbstversuchen und Laborexperiementen, in denen sich die Hirme von Ratten über neuronale Netzwerke bereits heute eroglreich verbinden lassen. Stehen wir vor einer Neuro Divide? Hängt unsere zukünftige Hirnleistung davon ab, ob wir uns die entsprechende Technologie, z.B. Hirnimplantate, leisten können? Ein wirklich packender Vortrag mit der Aufforderung zum Schluss: Think - It's not illega yet. Das Magazin WIRED hat dazu einen aktuellen Artikel publiziert.
Die Session mit Andrea Nahles - Bedingungsloses Grundeinkommen – (K)eine Antwort auf den Digitalen Wandel (Video) - war zunächst sehr sachlich und eher brav, obwohl die grosse Mehrheit des Publikums einen gegenteilige Meinung zu Nahles hatte. Sie machte den Vorschlag des Erwerbstätigenkontos als Gegenentwurf zum Grundeinkommen.  Für meinen Geschmack war Nahles je länger desto mehr fast dogmatisch unterwegs, klassische sozialdemokratische Positionen wurden verteidigt, so u.a. der Glaube an die Zukunft der flächendeckenden Erwerbstätigkeitkeit und dem (unausgesprochenen) Paradigma der Vollbeschäftigung. Auch eine Entkopplung von Arbeit und Lohn wird es nicht geben. Auf Fragen zu den Folgen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und Beschäftigungsverhältnisse reagierte sind zum Teil gereizt, sie wurde zur Klassenkämpferin als sie von den digitalen Kapitalisten sprach, die ja sowieso nichts Gutes im Schilde führen würden, wenn sie sich für ein Grundeinkommen einsetzen würden, und man schon deswegen dagegen sein müsse. Ihre anfänglich vorgebrachten vier Argumente gegen das Grundeinkommen fand ich persönlich alles andere als überzeugend.
Spanned war auch der Vortrag von Christoph Kucklick: Die digitale Konterrevolution: Wie Europa seine Bürger entmündigt. Seine These: Die EU-DSGVO wird dramatische Folgen für unsere alltägliche, digitale Kommunikation haben und sie faktisch unmöglich machen, da die Verordnung jeden normalen Nutzer unter diese Verordnung stelle.
Etwas enttäuscht war ich vom Vortrag von Andreas Weigend: Data for the People (Video),so auch der Titel seines Buches. Für einen Experten bleib er mir etwas zu sehr an der Oberfläche des Themas, vermischte staatliche mit privatwirtschaftlicher Dantensammelwut und warf China und Europa in einen Topf.

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Love Out Loud!



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