Ressort Gesellschaft

De dicto

Erstellt am 8. Oktober 2012 von Robertodelapuente

 

"Vielen Sozialdemokraten ist möglicherweise nicht klar, welches Opfer Peer Steinbrück erbringt, indem er seiner Partei als Kanzlerkandidat zur Verfügung steht. Denn mit der einträglichen Tätigkeit als Vortragsreisender ist jetzt erst einmal Schluss."
- Michael Backhaus, BILD-Zeitung vom 3. Oktober 2012 -
"Die Kanzlerkandidatur wird ein teurer Spaß für Peer Steinbrück. Als Kandidat will er keine bezahlten Vorträge mehr halten, wovon er, als er noch ein freier Mensch war, offenbar sehr ordentlich leben konnte."
- Berthold Kohler, Frankfurter Allgemeine vom 3. Oktober 2012 -

Zum Gesagten sei angemerkt: Steinbrück ist der rechtsgerichteten Presse nicht unangenehm. Er mag zwar gegen die eiserne Merkel kandidieren, gewänne er die Wahl jedoch, wäre es kein Verlust für die Verfechter des Washingtoner Konsens, besser bekannt als Anhänger des Neoliberalismus. Einen solchen Mann hält man sich warm, gegen so einen schreibt man nicht an. Jemanden wie ihn schreibt man um, macht ihn besser und edler, als er ist - gerade, wenn sich Stimmen mehren, die das Gegenteil behaupten.

Neokonservative Agenda ist es, Schmierenstücke und Fadenscheinigkeiten umzuwerten. Und so sind Steinbrücks üppige Expertenhonorare, die man ihm nun aus linken Kreisen anlastet, zwar durchaus prüfenswert, schreibt man in den Blättern der rechten Mitte oder mittigen Rechten, aber man müsse auch mal sehen, was der Mann aufgibt. Weil Deutschland ruft, läßt er Unsummen Geldes links - oder doch eher rechts? - liegen. Er hätte weiterhin Honorare einstreichen können, aber Steinbrück ist ehrenwert und idealistisch genug, darauf zu verzichten. Ja, er erbringt förmlich ein Opfer, weil er nicht weiterhin ist, was er eigentlich nie war: Experte. Edel sei der Peer, hilfreich und gut.
Aus einen Makel einen Vorzug herbeischreiben: das ist der publizistische Versuch einen Volkstribunen zu formen. Dabei geht man von der fehlerhaften Prämisse aus, er hätte seinen Expertenstatus und damit sein Honorar verdient - er hat es bekommen: das ist ein gewaltiger Unterschied. Das kann man ihm nicht mal ankreiden, zumal er seine Nebenverdienste angegeben haben soll - wobei zu klären ist, ob nicht eher seine Abgeordnetendiät nebenverdienstlich anzusehen ist; und natürlich darf die Metafrage hierzu nicht fehlen: Sollen Nebenverdienste nicht Zahl für Zahl angeben werden, anstatt in seltsamen aussagelosen Stufenvarianten? Dass man ihn aber zu einen Menschen schreibt, der einen unglaublich brutalen Verzicht übt, um der Allgemeinheit einen Dienst zu tun, das ist so infam und intellektuell verlottert, dass man von publizistischer Verdunklung sprechen muss.

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