Ressort Literatur

A tribute to my hero - Kurt Tucholsky

Von Mila
Drei Helden meiner Kindheit:
Ronja Räubertochter.
Paddy Kelly.
Kurt Tucholsky.
Die ersten beiden lasse ich unkommentiert, dem Dritten möchte ich heute meinen Tribut zollen. Es ist höchste Zeit.
A tribute to my hero - Kurt Tucholsky Als ich noch klein war, so klein, dass ich noch nicht richtig lesen konnte, hat meine Mama mir immer vorgelesen. Meine Mama ist eine Weltklasse-Vorleserin und es gab nichts Besseres, als zusammen an der Heizung zu sitzen, eine Tasse Milch auf dem Schoß und ein Buch vorgelesen zu bekommen. Ich war eine ausdauernde und wahrscheinlich extrem nervige Zuhörerin, denn ich konnte nie genug kriegen. "EIN KAPITEL NOCH - BITTE MAMA, BITTTEEEEE!". Auf dem Programm standen Pippi Langstrumpf, Peter und Petra, Hanni und Nanni und - Kurt Tucholsky! Weiß der Himmel, wie Herr Tucholsky in diese Reihe gerutscht ist, ich kann es mir nicht erklären. Aber ich habe mich sofort in seine Gedichte und Schnipsel verliebt, schon lange, bevor ich überhaupt verstanden habe, was sie bedeuten.
Mein Lieblingstext von Tucholsky war damals der Einseiter 

"Zur soziologischen Psychologie der Löcher"

Meine Mama hat das so drollig vorgelesen, dass ich mich immer beömmeln konnte wie blöde. Und heute liebe ich den Text auch noch. Vor allem, wenn man sich den folgenden Teil bildlich vorstellt:
"Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht. Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.
Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem andern Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand weiß das: unser Wissen hat hier eines."
Übrigens war ich schon immer hervorragend darin, diejenigen Wörter, die ich nicht verstehe, einfach zu ignorieren. Funktioniert heute bei englischer und spanischer Literatur noch genauso gut, wie damals mit Wörtern wie "statisch" und "Materie".
Das Lottchen habe ich auch schon als Kind geliebt. Das Lottchen ist klasse! Unbedingt mal laut von eurer Mutter vorlesen lassen. Spaß vorprogrammiert. (Ich wage zu behaupten, dass dieser Satz sich eigentlich immer bewahrheiten müsste.)
Kurze Zeit später habe ich dann jedenfalls begonnen, selbst zu lesen und Tucholsky geriet in Vergessenheit. Bis ca. zur achten, neunten Klasse, in der wir mit Lyrik anfingen und mein Kinderheld tauchte wieder auf. Ich hatte Glück, dass ich zu der Zeit ein rotzfreches Gör war, sonst hätte sich mein Image in der Klasse nach dem Satz  "Boah, wie cool dass wir auch mal Tucholsky lesen, das hat mir meine Mama als Kind immer vorgelesen!" wahrscheinlich nie wieder erholt.
Neben Tucholskys fröhlicheren Texten lernte ich nun auch seine politischen Gedichte wie "Das Dritte Reich" oder "Deutschland erwache!" kennen, unglaublich mutige Widersprüche zur gängigen Volksverdummung. Tucholsky begab sich damit wissentlich in große Gefahr, in der Hoffnung, sein Land wieder zur Besinnung zu bringen. Meine Zuneigung steigerte sich zur Heldenverehrung. Und noch heute ist meine Antwort auf die Frage, ob ich ein Idol habe, ohne zu zögern "Kurt Tucholsky!". Erich Kästner hat ihn mal folgendermaßen beschrieben: "Ein kleiner, dicker Berliner, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte." Tucholsky, als überzeugter Pazifist und viel zu klug und zynisch, um auf die braune Brut hereinzufallen, wehrte sich mit scharfsinnigen Gedichten gegen das Fortschreiten des Nationalsozialismus und schenkte dabei Deutschland großartige Gedanken in irrsinnigem Umfang. Deutschland verbrannte sie.  Das muss man sich mal vorstellen. Studenten. Die BÜCHER verbrennen. Mir kommt die Galle hoch, wenn ich daran denke. Wie blind kann man sein.
Tucholskys Kampf war aussichtslos und letztendlich resignierte er. Tod im schwedischen Exil 1935, Überdosis Tabletten. "Daß unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Und daher: Werde ich erst amal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an." (Aus einem Brief an Hasenclever, 1933)
Aber seine Werke haben sich erhalten. Und dem Mann, der mal gefragt hat: „Das, worum mir manchmal so bange ist, ist die Wirkung meiner Arbeit. Hat sie eine?" antworte ich: 
Lieber Herr Tucholsky,
fast 80 Jahre nach Ihrem Tod sitzt ein Mädchen in Berlin. Zwei Straßen weiter von dort, wo Sie einmal gewohnt haben. Sie hat Ihre Gedichte in der Schule gelesen, zusammen mit jedem anderen deutschen Kind ihrer Generation. Und sollte die deutsche Geschichte jemals drohen, sich zu wiederholen, dann hofft sie, dass diese Kinder aufstehen werden mit den Worten:

Und wenn Deutschland schläft –: Wir sind wach!
Den Worten Kurt Tucholskys.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren :

Zurück zur Startseite von Logo Paperblog

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren :

  • Kurt Tucholsky - Der Beichzettel

    Peter Panter – Der Beichtzettel(aus das „Pyrenäenbuch“, erschienen 1927) Wie schon erwähnt ist dies jetzt das Pyrenäenbuch und es ist eine Art Reisetagebuch, wi... Weiter lesen

    Am 03 Juni 2011 von   Gecko
    LITERATUR
  • Kurt Tucholsky - Der Prozess

    Peter Panter - Der Prozeß (erschienen am 9.März 1926 in der Weltbühne) Tucholsky schildert hier seine eigenen Gedanken zu Kafkas Roman und schlägt dabei Töne an... Weiter lesen

    Am 17 Mai 2011 von   Gecko
    LITERATUR
  • Kurt Tucholsky und die Telefonitis

    Peter Panter: »'n Augenblick mal –!« Daß der Berliner, an welchem Ort auch immer allein gelassen, nachdenklich dasitzt, den Boden fixiert und plötzlich, wie... Weiter lesen

    Am 22 Juni 2011 von   Gecko
    LITERATUR
  • Kurt Tucholsky - Prostest gegen die Todesstrafe

    Kurt Tucholsky – An den Botschafter(erstmals veröffentlicht in der Weltbühne am 16.04.1927) Wie in politischen Kreisen bekannt ist, hat der oberste Gerichtshof... Weiter lesen

    Am 29 Juni 2011 von   Gecko
    LITERATUR
  • Kurt Tucholsky - Lieber Jakopp

    Peter Panter - Lieber Jakopp (erschienen 1927 in "Ein Pyrenäenbuch") Unter „Lieber Jakopp“ befindet sich im Pyrenäenbuch ein Brief, oder was allem Anschein... Weiter lesen

    Am 06 Juni 2011 von   Gecko
    LITERATUR
  • Kurt Tucholsky - Klabund und mein SuB

    Peter Panter – Harfenjulius Klabund (erschienen in der Weltbühne, 12 Juli 1927) Der Text von Tucholsky über den Dichter Klabund und seine Gedichte bringt mich... Weiter lesen

    Am 11 Juli 2011 von   Gecko
    LITERATUR
  • Kurt Tucholsky und die Bücherstapel

    Peter Panther - Auf dem Nachttisch (Weltbühne, 1929 26.02.1929, Nr. 9, S. 337) Auf dem Nachttisch: Bücher – eine kippelnde Säule; auf dem Bett: Bücher; auf dem... Weiter lesen

    Am 08 Februar 2013 von   Gecko
    LITERATUR

Kommentar schreiben