Zwei Leben, die bis heute nachwirken

Von Aurelia Gruber

Anita Zieher und Katrin Grumeth als Marie Jahoda und Käthe Leichter (Foto: © Reinhard Winkler)

15.

Februar 2018

Theater

Es ist ein Abend, der zeitweise sprachlos und betroffen macht. Weil die Geschichten, die darin erzählt werden, oder vielmehr die Geschichte Österreichs – so fühlt es sich im Moment zumindest an – drauf und dran ist, eine Wiederholungsschleife einzulegen.

ZZugegeben: Der Einleitungstext mag emotional ein wenig überspitzt formuliert sein. Aber tatsächlich gibt es unglaublich viele Parallelen aus der Arbeitswelt und dem politischen Umgang miteinander, welche die sozialwissenschaftlichen Pionierinnen Käthe Leichter (1895 – 1942) und Marie Jahoda (1907 – 2001) zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Österreich erlebt haben und heute.

Der Text des Stückes „Arbeit, lebensnah – Käthe Leichter und Marie Jahoda“ stammt von Anita Zieher, Erfinderin und Leiterin des Portraittheaters und Sandra Schüddekopf, die auch Regie führte. Er lässt die beiden Wissenschaftlerinnen abwechselnd von einzelnen Passagen ihres Lebens erzählen, wobei die Schauspielerinnen sogar kurzfristig in Männerrollen schlüpfen.

Anita Zieher verkörpert Käthe Leichter, jene promovierte Staatswissenschaftlerin, die, aus jüdischer Familie mit unbeschwertem, finanziellem Hintergrund, sich ganz der Idee der Sozialdemokratie verschrieb. Sie wurde die erste Leiterin des Referates für Frauenfragen an der Arbeiterkammer und gelangte, nachdem sie sich während der Nazi-Zeit im Untergrund für die Revolutionären Sozialisten engagierte, 1940 in das KZ Ravensbrück. 1942 wurde sie bei einer „Versuchsvergasung“ mit ca. 1500 Jüdinnen ermordet.

Marie Jahoda wird von Katrin Grumeth gespielt. Bekannt wurde die Sozialpsychologin, die das „Unsichtbare sichtbar machen wollte“, nicht nur durch ihre Mitwirkung an der Studie über die Arbeitslosen von Marienthal, der ersten dieser Art weltweit. Sie fand auch durch ihre Lehrtätigkeiten und Studien an Universitäten in Großbritannien und New York internationale, fachliche Anerkennung. Im November 1936 wurde sie wegen illegaler Tätigkeiten verhaftet und kam nach acht Monaten unter der Bedingung frei, Österreich zu verlassen. Von da ab lebte sie in Großbritannien und New York in der Emigration.

Es ist ein unglaublich riskantes Unternehmen, das Leben zweier Frauen auf die Bühne zu bringen, die in ihren Fächern erste, wissenschaftliche Standards setzten und keine bekannten Schauspielerinnen oder Sängerinnen waren. Denn wer erinnert sich heute noch an diese beiden streitbaren Österreicherinnen, die für eine gerechtere Gesellschaft eintraten?

Anita Ziehers Bühnenauftrag in dieser Inszenierung ist klar: Mit der Nachzeichnung der Lebenslinien von Leichter und Jahoda zeigt sie nicht nur ein Stück österreichischer Sozialgeschichte auf. Sie macht auch darauf aufmerksam, wie sehr die Errungenschaften aus den 20er Jahren, als das Rote Wien seine Hochblüte erlebte und das Parlament viele Arbeitnehmerschutzgesetze erstmalig ausformulierte oder verbesserte, im Moment im Begriff sind zu erodieren. Sie vermittelt aber auch, dass der Begriff der eigenen Blase, in der man sich befindet, der meist mit der Verwendung von sozialen Medien einher geht, von Marie Jahoda in Zusammenhang mit einer Kommunikationstheorie ausformuliert worden war.

Mit einem unaufwändigen, aber höchst flexiblen Bühnenbild (Eva Maria Schwenkel) aus unterschiedlich färbigen Kartonkisten schaffen es die beiden Schauspielerinnen, die Szenerien ständig zu verändern. Da werden rote Schachteln zum Sinnbild für den immensen Gemeindebau-Boom der 20er Jahre. Vor und hinter blauen Papp-Kisten spricht Käthe Leichter über die Machtübernahme der Nationalsozialisten. An anderer Stelle schleppt eine „Arbeiterin“, offensichtlich von Rückenschmerzen geplagt, in einer Fabrik Boxen von einer Bühnenseite zur anderen.

Käthe Leichter lag vor allem die Solidarität der Frauen untereinander sehr am Herzen und – weitblickend – die Verbreitung von Frauenthemen in den Medien. In einer wunderbar humorigen Szene zeigt Zieher auf, dass Leichter, einmal für eine Idee entbrannt, diese mit Beharrlichkeit so lange verfolgte, bis sie an ihrem erwünschten Ziel anlangte. Genervt, von der ständigen Bedrängung seiner Kollegin, gibt der Chefredakteur der Zeitschrift „Arbeit und Wirtschaft“ ihrer Bitte schließlich nach, den Frauen eine eigene Kolumne, später sogar eine eigene Frauenbeilage zuzugestehen.

Marie Jahoda befasste sich ebenfalls zeitlebens mit sozialer Ungerechtigkeit und deren Auswirkungen. In einer sehr berührenden Textstelle gibt Grumeth Jahodas Gedanken über die unterschiedliche Wahrnehmung von Misserfolg von Menschen wieder, die in unterschiedlichen Ländern wohnen. Ein Mann, der es im Leben zu nichts gebracht hat, kann in London immer noch der Labour-Party beitreten und seinen Misserfolg als Pech im Leben verbuchen. Einer in Amerika hingegen, der es nur bis zum Liftboy gebracht hat, sieht sich selbst als Versager, so ihre brillante Zusammenfassung unterschiedlicher, sozialer Gegebenheiten und deren Auswirkungen auf die Menschen.

Zwei Leben, die bis heute nachwirken Zwei Leben, die bis heute nachwirken

Anita Zieher und Katrin Grumeth als Marie Jahoda und Käthe Leichter (Fotos: © Reinhard Winkler)

Besonders emotional aufgeladen war der Premierenabend im Theater Akzent durch die Anwesenheit von Franz S. Leichter, einem Sohn von Käthe Leichter, der als Senator in New York politisch tätig war. Als 8-Jähriger erlebte er die Inhaftierung seiner Mutter, hatte aber das Glück, 2 Jahre später mit seinem Vater und seinem Bruder in die USA emigrieren zu können. In ihrer Abschlussszene, die im KZ Ravensbrück spielt, lässt Leichter das Publikum wissen, dass es gerade die letzten vier Jahre in Wien waren, an die sich der nun 88 Jahre alte Herr wohl noch erinnert. An die Spaziergänge in Mauer, wo er damals mit seiner Familie lebte, an das gemeinsame Musizieren seiner Mutter am Klavier mit seinem Vater an der Geige.

„Arbeit, lebensnah – Käthe Leichter und Marie Jahoda“ ist beinahe ein Lehrstück darüber, wie Frauen, die von ihrer Idee vollkommen überzeugt sind, es schaffen, die Gesellschaft ein Stück weit gerechter zu machen. Es ist aber auch eine Mahnung, wachsam zu sein und Strömungen entgegenzutreten, die sich in einem vergifteten, politischen Umfeld so auswachsen können, dass letztlich die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Weitere Termine im Theater Drachengasse.

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