Zuerst war ich bei die Nazis

"Also, wie sie mir hier sehen, bin ick aus Fenster jefallen. Det kann leicht vorkomm' wir wohnen nämlich Hochparterr'. Dit is wejen dit Gleichgewicht. Haben se einen Augenblick Zeit, ja? Es handelt sich nämlich bezüglich der Wahlen.
Ick bin sozusagen ein Opfer von unsere Parteizerrissenheit. Deutschland kann ja jarnich' unterjehen! Ick jlobe, ick muß wat komischet jejessen haben. Jetrunken natürlich ooch, aber mit Maßen.
Also, det war so. Jestern morjen sach ick zu meine Jattin: Elfriede, sach ick, heut is Sonntach, ick werd mal 'n biskjen rumhör'n wat de Leute so wählen tun.
Man muß sich ja auf dem laufenden halten, det is eine pathologische Pflicht. Ick hab nämlich einen selbständijen Jemüseladen! Also, se packt mir ein paar Stullen ein und ick zoddel los.
Zuerst war ick bei de Nazis.
Es jab Brauseliminade mit Schnaps. Und denn ham se jeübt, Uffstehn, hinsetzen, uffstehn, hinsetzen, weil se nämlich Märsche jespielt ham. Und denn sind de janzen Führers in den Saal jekomm, Jöbbels ooch, und denn ham se jebrüllt: "Freiheit und Brot!" De Freiheit konnten wa gleich mitnehm, det Brot hatten se noch nich da. Aber - aber: schöne Lieder ham se jesung': "Als die liebe Morjensonne, zack, schien auf Mutters Jänseklein, zwo, drei, vier, zog ein Regiment von Hitler...
Wat denn, watt denn - man wird doch wohl noch singen dürfen! Also, wie ick aus det Lokal rauskomme, hab ick mir jesacht "Anton - Anton, du wählst nationalsozialistisch!"
Und denn war ick bei de Demokratens.
Also det heißt, ick hab se jesucht."Jibs denn hier keene Demokratens?" frach ick den Eenen. "Mensch," sagt der, "hier hats noch nie welche jejeben, und nu jibts se überhaupt nich mehr!" Je mal hier rin, da tagt die deutsche Staatspartei!" Sie, det war großartig: lauter Programme, und jeder konnt sich eens aussuchen. Jem se mir, sach ick zu det Freulein, jem se mir ein Projramm für einen selbständigen Jemüseladen und für die Aufrechterhaltung der wohlerworbenen Steuerfreibeträge. Bitte sehr, sacht det Freulein, nehm se Projramm siemunpfirsich und wenns ihnen nich jefällt, könn set ja umtauschen, wir sind ja nich so! Also, ick hab da vier Asbach jetrunken. Die Leute werd ick wahrscheinlich wählen, det heißt, wenns die bei de nächste Wahl noch jibt!
Und denn war ick - ne, denn war ick bei de Sozis.
Ick bin nämlich bei Lichte besehn ein jeübter Sozialdemokrat. Mein Vater war Unteroffizier, da liegt de Disziplin so inne Familie! hä, hä, hä! Also - also, wie ick in den Saal komme, da hat ooch jrade eener so scheen jeredet. Und während de Leute schliefen, da sach ick zu den Een, der neben mir saß: "Jenosse" sach ick "Jenosse! Sa' ma, wieso wählst du'n eiijentlich SPD?" Ick dacht', der Mann kippt mir von Stuhl. "Donnerwetter" sagt er," Donnerwetter! Nu wähle ick schon 22 Jahre diese Partei, aber warum ick det tue, det hat mir noch keener jefracht!" "Kieck mal, ick bin in meinem Bezirk zweeter Schriftführer, uff unsere Saalabende is et imma so jemietlich, wir kennen die Kneipe, det Bier is ooch jut, am ersten Mai machen wa imma unsern Ausfluch und aben's is Fackelzuch, et hat sich allet so scheen einjeschaukelt! Wat brauchste Grundsätze, wenn de een Apparat hast!"
Und da hat der Mann recht! Wahrscheinlich werd ick diese Partei wähln, denn dit is so ein beruhijendet Jefühl: Man tut wat for de Revolution und weeß janz jenau, mit diese Partei kommt se janz bestimmt nich! Det is sehr wichtich für een selbständijen Jemüseladen!
Und denn hab ick erst mal een Kümmel jetrunken.
Danach war ick noch bei de kleenen Parteien:
bei dem deutschen Mieterbund, da jabs hellet Bier,
beim Tannenberchbund jabs Schwedenpunsch,
bei de Häuserpartei jabs wieder Kümmel,
bei de Wirtschaftspartei ... hä, hä, hä - und dann war ick blöh!
Ick wollt ja noch bei de Kommunisten jehn, aber ick konnt nur noch von eene Laterne zur andern.
Und so bin ick denn nach Hause jekomm: "Mutterken, Mutterken sach ick, ick habe det deutsche Volk bei seine Wahlvorbereitungen studiert!" "Besoffen biste!", sacht se, "besoffen!" Det ooch, sach ick, det ooch, aber det nur nebenbei! "Na wat willste nu wähln, du Suffkopp?" sacht se. "Momang," sach ick, "momang!" "Ick wähle eine Partei, die uns einen starken Mann jibt anne Spitze wie unsan jeliebten Kaiser Wilhelm, sowie bei aller Aufrechterhaltung unserer verfassungsmäßigen Rechten einen Diktator wie Maxe Schmeling" sach ick.
"Nieder mit Militär und hoch die Reichswehr! Der Reichstag muß uffjelöst wern damit det Volk regieren kann, denn alle Rechte jehn vom Volke aus!... Wir brauchen eine Sowjetrepublik mit einem unumschränkten Offizier anne Spitze..."
Und denn bin ick aus Fenster jefalln.
"Nehm wa noch ne kleene Molle, wa? Na Mensch, sie müssen ja ooch zu Hause! Auf alle Fälle wünsch ick sie eine verjnüchte Wahl. Halten se de Fahne hoch!
Denn sehn se mal: Alle vier Jahre tun wa so als ob wa täten - aber regiert wern wa doch!
"Jute Nacht!"


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