Zeugnis geben

Landauf landab wird zu Schuljahresende das Thema der Zeugnisse wieder diskutiert. Und das ist auch gut so: „Du sollst kein falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten“, mahnt uns das alte Testament schon im achten Gebot Mose (5. Buch Mose, 5.20). Und wenn auch,  ich gebe es ja zu, der gute alte Moses weniger die Zeugniskonferenz der Schule an der Ecke im Sinn hatte, so beruft sich ja der moderne Gebrauch des Wortes „Zeugnis“ schon darauf, grundehrlich eine Aussage über jemanden anderen, den Schüler, treffen zu wollen.

Das das nicht immer gelingt, das hätte schon Moses sagen können. Sonst hätte er ja sein Gebot nicht mit der Warnung des falschen Zeugnisses aussprechen müssen.

Aber was mich ein klein wenig an dem ein oder anderen Diskussionsbeitrag stört, ist dieser moralische Habitus, dass es doch ohne Schulzeugnisse in dieser Welt viel, VIEL besser aussehen würde. Das ist natürlich moralisch das hohe Ross, aber – Wieher – leider nicht das Leben, seitdem die Menschen von jenem abgestiegen und aus dem Paradies vertrieben worden sind.

Ein alter Personaler meines Unternehmens sagte mir mal, als im Betrieb die LOB-Bewertung (Leistungsorientierte Arbeitsbewertung – ein Akronym, das dann doch zum Schmunzeln einlädt) eingeführt wurde: „Wissen Sie, es ist doch besser die Leute reden miteinander als übereinander.“ Und meiner Meinung steckt in diesem Satz viel Wahres. Eine Bewertung nimmt jeder gegenüber jedem automatisch, unbewusst und sofort vor, schon beim ersten Treffen, der vielbesagte erste Eindruck zählt. Subjektiv, unfundiert, Bauchgefühl, einfach so. Bewertungen sind Grundlage der menschlichen Interaktion und gerade die sozialen Medien haben diese Bewertungen besonders sicht- und zählbar gemacht.

Vielleicht auch ad absurdum getrieben. Die Zahl der Klicks, der Likes nimmt eine psychologische, aber auch monetisierbare Wichtigkeit ein. Bewertungen können gekauft werden. Waren es früher die gekaufgten Claqueure im Publikum, sind es heute die Follower, die säckeweise zum Kauf angeboten werden. Absurd dann diese Facebook-Gruppen, die sich ‚like for like‘ nennen, und Du doch gefälligst dem Teppichhändler in Kurdistan dein Like gibst, sofern er Dir, sprachmächtig oder auch nicht, deinen Papablog ein Smiley angedeihen lässt.

Als Gedankenexpermient würde ich allen Bloggern, die in aktuellen Posts die Zeugnisnoten in Bausch und Bogen ablehnen, mal die Frage stellen, ob sie auch ohne bewertende Klicks und Likes für ihr eigenes Treiben auskommen wollen?

Tja, den Einwand höre ich schon. Es geht ja bei den Zeugnissen um Kinder. Um die solle doch bitte ein großer Schutzzaun gezogen werden. Recht so, durchaus. Kein Kindergartenkind, kein Erst- oder Zweitklässler wird in aller Regel mit einer SECHS – DURCHGEFALLEN nach Hause kommen. Scharen von Pädagogen, Soziologen und Psychologen und wer auch immer bemühen sich darum, Bewertungen für die Kinder in einem Art und Weise einzukleiden, die für die Kinder im Ansatz dann eher Er- als Entmutigung sein sollen, und den Eltern dann doch Hinweis geben, wo ihr Kind Potenzial hat – und wo vielleicht (noch) nicht.

Wie diese Bewertungen ausgestaltet sein können, diese Diskussionen, sind, so denke ich, fortlaufend zu führen. Die Moralapostel aber, die von einer bewertungsfreien Welt träumen, sollten sich erst einmal an der eigenen Nase packen und überlegen, ob ihr eigenes Tun und Handeln so ganz ohne subtile Notenskala auskommt.

Allen, die sich dieser Tage als freuen oder bibbern, wenn ihre Kids in diesen Tagen mit ihren Zeugnissen nach Hause kommen, wünsche ich ein gutes Händchen, dieses Papier gemeinsam mit dem Kind zu besprechen, einzuordnen und die vielleicht notwendigen Lehren für das weitere Schulleben zu ziehen.

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