Wynetta, Cindy, Schantall und der neue Snobismus

Wynetta, Cindy, Schantall und der neue SnobismusHeidemarie Brosche fand es vor einiger Zeit »ungehörig und empörend«, wie sich die Mittelschicht über das Prekariat lustig mache. Und es stimmt, der Klassismus dominiert das Weltbild von Leuten, die scheinbar immer jemanden brauchen, auf den sie herabschauen können. Erst am Montag saß da zum Beispiel wieder so eine seltsame Professoren-Type bei »Plasberg«, die Hartz-IV-Empfängern die Fähigkeit der Zubereitung von Speisen aberkannte. Einfach so. Ohne große Erklärung. Sie hätten diese Fertigkeit nicht. Weiß man doch, oder nicht? Wie kommt der Mann nur auf diesen generalisierenden Unsinn?
Brosche schrieb damals, dass dieser neue Snobismus gewissermaßen auch der Erfolg des Proll-TV sei. Dort lassen unter anderem Schreihälse nach Drehbuch erkennen, dass die Unterschicht ein ganz mieser Haufen zu sein scheint. Wer dort einschaltet, der fühlt sich gleich besser, weil er sich sagen kann: »Hey, um diese Leute steht es viel schlimmer als um uns. Die haben keinen Funken Würde im Leib. Die habe ich mir wenigstens noch bewahrt.«

Ich möchte ergänzen: Das ist nur die halbe Wahrheit. Das andere Schaufenster in die Lebensart der Unterschicht basiert auf den Stand-Up von etwaigen Kunstfiguren. Sie machten die Verachtung gegenüber dem Prekariat auch salonfähig. Die neueren »Schantall-Schakkeline-Kevin-Büchern«, die Brosche erwähnt, eine Form von Erbauungsliteratur für den besseren Teil der Gesellschaft, die in leichter Sprache geschrieben ist, damit der Konsument von Scripted-Reality-Shows sie auch lesen kann, runden das Angebot an inszenierter Gosse bestenfalls nur noch ab.
Die Urmutter der gemimten Unterschichtenschlampen, die zur allgemeinen Belustigung der Mittelschicht dienen, hieß Waynetta Slob. Owen Jones schreibt in seinem Buch »Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse«, dass man diese Figur erstmals 1990 sah. An ihrer Seite hat sie einen Gatten, der ganz zu ihr passte. Wayne und Waynetta seien die »Proto-Prolls«, denn sie seien »nichtsnutzig, vulgär, sozialleistungsabhängig und verkommen«. Waynetta sei zu einem Synonym für faule, kinderreiche, ungebildete und schmarotzende Frauen aus dem Prekariat geworden. »Immer mehr Waynettas! Dreimal so viel Krankengeld für Frauen wie für Männer unter New Labour«, titelte zum Beispiel die »Daily Mail«. Die Kunstfigur hatte es geschafft. Ihr Vorname war plötzlich Allgemeinbegriff.
Owen berichtet unter anderem auch, dass die Nutzer der Internetseite »ChavScum«, was übersetzt so viel wie Proll-Abschaum heißt, von dieser »komödiantischen Aufbereitung der Unterschicht« beeinflusst seien. Dort liest man dann kurze Statements wie »Scheiß-Sozialabschaum« oder »soziologische Analysen« wie jene, dass »eine Prolette [...] in ihrer Gruppe als unfruchtbarer Freak [gelte], wenn sie mit 17 noch keine Kinder habe«. Jemima Lewis vom »Telegraph« verteidigte diesen neuen Snobismus allerdings, denn er habe »edle Ziele im Blick: Bildung, Zielstrebigkeit, Höflichkeit.« Owen fasst zusammen, was sie in ihrer snobistischen Verteidigungsschrift meint: »Wer die unteren Schichten hasst, tue ihnen einen Gefallen: Er ermutige sie, ihren bedauerlichen Verhältnissen zu entfliehen und sich endlich zu benehmen.«
Die deutsche Waynetta nennt sich indes Cindy und kommt aus einem östlichen Berliner Bezirk. Sie tritt gewaschener auf als das britische Vorbild, kommt aber über einen Jogginganzug nicht hinaus. Außerdem ist sie Single. Arbeitsscheu ist sie jedoch wie Waynetta. Und wie die Britin bestreitet sie ihren Lebensunterhalt von Sozialhilfe und denkt gar nicht daran, das jemals ändern zu wollen. Kochen ist für sie das Aufbacken von TK-Gerichten. Aha, da haben wir es ja: Daher hat dieser Professor bei »Plasberg« seine Erkenntnisse. Er hat Cindy aus Marzahn gesehen. Ilka Bessin, die Erfinderin dieser Cindy, muss Waynetta Slob vorher nicht unbedingt gekannt haben, denn ihre Figur ist durchaus anders gelagert. Sie bedient aber letztlich dasselbe Publikum, das mit Klischees und Ressentiments durchs Leben geht und sich dort bestätigt fühlt.
Demgemäß ist diese Frau aus Marzahn nicht für wenige Zuschauer ihres Stammsenders RTL zum Synonym für Hartz-IV-Empfänger geworden. Cindy trat als wandelnder Gemeinplatz auf. Sie rekrutierte Vorurteile, um ihre Kunstfigur zu untermauern und machte damit die Kunstfigur in den Augen ihres Publikums zu einer Art Abklatsch realer Arbeitsloser. Die Leute, die diese Form des Humors mögen, sitzen da, prusten los, schlagen sich auf die Schenkel und sagen: »Genau so ist es! Genau so ist es!« Indem sie eine Arbeitslose so spielt, wie sich ihr Publikum Arbeitslose denkt, erhebt sie sich zur Anklage gegen erwerbslose Lebensentwürfe. Diese sind letztlich nicht als gescheitert anzusehen, weil etwa die Gesellschaft und der Arbeitsmarkt keine Chancen mehr für diese Leute hergeben, sondern weil sich diese Leute alle Chancen durch ihre Art selbst verbauen.
Die Proll-Karikatur greift nicht die Sorgen eines Sozialhilfebeziehers auf. Nicht der Irrsinn der Bürokratie, die Lächerlichkeit der Armut innerhalb einer reichen Gesellschaft, die auch zum Lachen zwingen könnten. Nein, dergleichen birgt kein Potenzial für Lacher bei einer Klientel, die Armut für einen persönlichen Makel hält. Nur indem man dem Armen eine gewiefte Dreistigkeit, eine geschäftstüchtige Ausgebufftheit und einen materiellen Hedonismus auf Kosten der Allgemeinheit unterstellt, regt man Gelächter an, das hernach dazu dient, die Realität der Armut mit dieser »Drehbucharmut« zu verwechseln. Schauspiel, das die Realität gedanklich ersetzt oder anreichert, ist ja nicht selten. Sie kommt bei uns allen vor. Pontius Pilatus war wohl kein milder Präfekt, wie er in so vielen Stücken dargestellt wurde. Und wenn ich mir Napoleon vorstelle, hat er die Gesichtszüge von Christian Clavier, der den Korsen vor vielen Jahren mal so stilsicher spielte. Man verwechselt ganz leicht mal Schauspieler mit realen Figuren, Cindys mit wirklichen Arbeitslosen.
Diese Proll-Stereotype haben im wesentlichen ihren Teil dazu beigetragen, die allgemeine Stimmung gegen Menschen zu wenden, die im unteren Segment der Gesellschaft darben. Die gesellschaftliche Solidarität und der Partizipationsgedanken wurden zu guten Stücken auch von solcherlei Mittelschicht-Comedians ausgehöhlt, die sich die Schwächsten der Gesellschaft aussuchten, um auf ihrem Rücken Lacher und Gagen einzustreichen. Sie sind so gesehen die belustigende Speerspitze eines snobistischen Weltbildes, in dem die Eigenverantwortung als ein heiliges Wort hochgehalten wird, auf das man bloß schwören müsste, damit alles wieder gut wird, um aus den Niederungen der Gesellschaft wieder herauszukommen.
New Labour kam als Agenda 2010 nach Deutschland, Waynetta gewissermaßen als Cindy. Ein politisches Konzept, das darauf ausgelegt ist, ganze Bevölkerungsteile zu stigmatisieren, schafft nebenher wohl ganz automatisch Kunstfiguren, die das Stigma aufgreifen, um es zur unterhaltsam präsentierten Verachtung der Opfer einen solchen Politik zu machen. Diese »Künstler« spielen zwar Outlaws, nehmen aber eine staatstragende Rolle ein. Die allgemeine Ignoranz gegenüber Armut, die zu einer Art Sozialstaatsdoktrin wurde, findet in ihrem Wirken Ausdruck. So gesehen haben sie die von den Eliten an die Mittelschicht weitergereichte Armutsverachtung ebenso verursacht. Und im Falle Cindy von Marzahns kann man attestieren, dass sie dafür belohnt wurde. Heute turnt sie völlig witzlos auch im ZDF herum. Das kann man als gesellschaftliche Anerkennung werten.
Auch wegen dieser lustigen Unterhaltung mit verlotterten Arbeitslosen kann man heute ohne Widerworte Hartz-IV-Empfänger pauschalisierend als Leute hinstellen, die dies oder das nicht können. Oder eine privat finanzierte Schule für Kinder aus Hartz-IV-Familien gründen. Denn dass man alles Machbare tun müsse, um den Kindern Wege aus der Sozialhilfe-Karriere der Eltern zu weisen, ist uns doch allen mittlerweile klar. Cindy hat uns doch mehrfach erklärt, wie das geht: Wer einmal die Segnungen des Regelsatzes erfahren hat, der rät auch seinen Kindern, dass sie zum Jobcenter gehen sollen. Das Leben ist gut am Boden der Gesellschaft, nicht wahr.
Mindestens die Hälfte unseres gesellschaftlichen Kollektivwissens über Hartz-IV-Bezieher haben wir sicherlich von den Cindys und Schantalls, die man uns unter die Nase reibt. Die Briten wissen es von Waynetta und wer weiß von welcher Figur noch. Die andere Hälfte steht bei uns in den Presseerzeugnissen - vor allem von Springer. Und ob die dortigen Journalisten ihre Eindrücke nicht auch von Wynetta, Cindy oder Schantall hatten, werden wir nie erfahren. Aber annehmen können wir es.
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