Woyzeck – und danach springe ich aus dem Fenster

Woyzeck – und danach springe ich aus dem Fenster

Woyzeck unter der Regie von David Bösch (c) Thomas Aurin


In einer schrillen Kombination von Raumfahreranzug, Mumienoutfit und mit Lämpchen umwickelter Schaufensterpuppe betritt der Marktschreier (Martin Vischer) androgyn geschminkt die Bühne. In seinem Epilog und auch später in seinem Abgesang legt er das Viehische im Menschen offen und – sowohl während der Vorstellung als auch danach – bleibt alles von dieser aussichtslosen Prädisposition bestimmt – wäre da nicht Woyzeck, Marie, der Tambourmajor, Andres und, und, und.

Was der jung verstorbene Georg Büchner 1836 zu Papier brachte, hat die Qualität eines griechischen Dramas und bleibt gerade deswegen für alle Theaterzeiten zeitgenössisch spiel- und interpretierbar. Von David Bösch, dem jungen deutschen Regiestar erstmals 2007 auf die Bühne des Esseners Schauspielhauses gestellt, übernahm nun das Le-Maillon in Straßburg diese gefeierte Produktion. Die Aussichtslosigkeit eines armseligen, fremdbestimmten Lebens, das Woyzeck, dargestellt von Sierk Radzei als beleibter junger Mann mit langen Haaren und dunkel geschminkten Augen, schlussendlich zum Mörder werden lässt, ist nichts, was heute in weiter Ferne liegen würde. Der tag-tägliche Gang, egal durch welche unserer Städte, belegt die Aktualität für all jene, die offenen Auges durchs Leben wandeln. Ausgenützt werden, betrogen werden, zum Mörder werden und dennoch liebenswert und auch bemitleidenswert bleiben – diese Kombination schafft allerdings meist doch nur das Theater.

Mit den Experimenten, die der Arzt (Roland Riebeling) gleich zu Beginn des Stückes an Woyzeck durchführt – er hat ihn mit einem Helm versehen, von denen vier Kabel abgehen, die er unter Strom setzt, gelang Bösch ein Bild, das von der Aktualität perverser Menschenversuche vor wenigen Wochen erst wieder eingeholt wurde. Die Nachstellung des Milgram-Experimentes, die in Frankreich für viel Aufsehen erregte, da die Probanden brutaler agierten als vor mehr als 60 Jahren, holt hier auf erbarmungslose Art und Weise das Bühnengeschehen ein und zeigt noch deutlicher als die künstlerische Aufarbeitung, wie es um den geistigen Fortschritt der Menschheit tatsächlich bestellt ist. Diese Hinzufügung der Interpretation, die bei den Aufführungen im deutschsprachigen Raum noch nicht gegeben war zeigt, wie aktuell David Bösch seinen Woyzeck angelegt hat. Woyzeck, der zartbesaitete, der in Marie (Nadja Robiné) sein Lebensglück gefunden hat und für sie und den gemeinsamen Säugling fast Übermenschliches erträgt, verliert die Besinnung und taucht ab ins Viehische, als er von ihr betrogen wird. Und dennoch bleibt unser Mitleid bei ihm.

Der Tambourmajor (Nicola Mastroberardino), der Marie zum Verhängnis wird, mutiert in der Regie von David Bösch zu einem testosteronbesessenen, glatzköpfigen, fliegerstiefeltragenden, aschfahl geschminkten Möchtegern-Bösewicht. Durch Maries Zuneigung jedoch verwandelt er sich in ein verliebtes Männchen , das sogar bereit ist, dem Baby im Kinderwagen zur Beruhigung sein Plüschtier vorzuführen. Auch in dieser Person kippt unversehens das Schwarze ins Weiße und vermischt sich ins Grau – in jene Farbe, die unseren Alltag bestimmt.

Zeitgeistig dargestellt wird in dieser Inszenierung auch der Hauptmann, dem Woyzeck jedoch ganz und gar nicht als Adjutant zugeteilt ist, um Stiefel zu putzen und seinen Bart zu scheren. Vielmehr leert er dem beinahe schon Scheintoten im Rollstuhl (Holger Kunkel) seinen Urinbeutel und reicht ihm immer wieder einen kleinen Knautschball als Beschäftigungstherapie. Als er jedoch kurz danach Anstalten macht, Woyzecks Sohn im Kinderwagen zu erschießen, greift sein Diener zum Kübel und gießt dem alten Mann seinen Urin einfach über den Kopf. Der wehrlose Hauptmann weiß, warum Woyzeck dies tut, sowie auch Marie weiß, dass ihre Leidenschaft zum Tambourmajor moralisch verwerflich ist. Dennoch gibt sie ihren Gefühlen nach und verhilft ihrem Geliebten, der eine Punkband im Schlepptau nach sich zieht, zu einem Orgasmus. Ein Orgasmus, den er erst nach intensiver Bearbeitung seines Gliedes durch Marie zustande bringt, und dem er weinend entflieht, nachdem er dabei erkannt hat, wie weit sein Gefühlsleben zusammengeschrumpft ist, und wie brutal er gegen sich selbst vorgehen muss, um noch ein kleines Stückchen Befriedigung zu erlangen.

In dem bunkerförmigen Bühnenbild wird alles Geschehen eingeschlossen. Innerhalb dieser grauen, glatten Wände, die auch nicht den geringsten Touch von Heimeligkeit aufkommen lassen, sondern vielmehr Endzeitstimmung verbreiten, wird klar, dass der Mensch ein Gefangener seiner Zeit und seiner Gedanken, seiner Handlungen wie auch seiner Verabsäumnisse ist. Einzig der nach oben offene, kreisrunde Ausschnitt, durch den der sternenbestückte Himmel sichtbar wird, oder das leichte Schneegestöber auf die Bühne fällt, lässt ein kleines Fünkchen Gefühl von Freiheit und Hoffnung aufkommen. Szene um Szene verdichtet sich innerhalb dieses Raumes, bis hin zum blutrünstigen Höhepunkt, in welchem Woyzeck Marie ersticht. Als er sie danach leblos hochhebt und mit ihr in den Kinderwagen, und danch in den Himmel blicken will, zeigt sich, dass er nicht weiß, was er getan hat. Totschlag und kein Mord, würde jeder Richter das Geschehen in Deutschland beurteilen und dadurch die Schuld von Woyzeck auch teilweise wegschieben. Die Frage bleibt jedoch: weg zu wem?

Andres (Raiko Küster), den Bösch als einkaufswagenschiebenden Penner auf- und abtreten lässt, verkündet Einfaches mit einer philosophischen Tiefe, die unauslotbar bleibt. Er stellt sich Fragen nach dem Immerwährenden, der Zeit und der Ewigkeit genauso, wie nach der unmöglichen Unterscheidung zwischen Ja und Nein und dem, was dazwischen liegt. Gerade seine Figur, die allen irdischen Tuns am weitesten entrückt erscheint und doch die größte irdische Last zu tragen hat, ist es, die zu Tränen rührt. Er begleitet Woyzeck von Anfang bis zum Ende und versucht sogar einmal, in ihm den Homo ludens zu wecken, den Menschen, der sich als Spielender definiert und dadurch sein Schicksal leichter erträgt. Doch Woyzeck teilt das Ballspiel mit ihm nur für drei Fänge, dann kehrt er zurück zu seinen Vorbereitungen der Bluttat.

Die lyrischsten Figuren, die Großmutter (Jutta Wachowiak) und Käthe (Sarah Viktoria Frick)sind beide außerhalb jenes Geschehens angesiedelt, das die Handlung vorantreibt. Der berührende Auftritt der ärmlich gekleideten Großmutter, in der sie die Geschichte des verlassenen Kindes erzählt, das alleine zwischen Erde und Himmel wandeln muss und die zwischen Erde und Himmel als Engel agierende Käthe, die Woyzeck einerseits in seinen Mordabsichten bestärkt um andererseits dann völlig emotionslos seine eigene Verantwortung zu bestärken, loten sichtbar die psychologischen Untiefen, ja sogar Woyzecks Unbewusstes aus.

Die Inszenierung liegt trotz allem Zeitgeist und einer sprachlichen Neubearbeitung so nah an Büchners pessimistischer Grundaussage, dass es der aufsteigenden Hoffnungslosigkeit, die ins Publikum hin überschwappt, kein Entrinnen gibt. Nur zwei Exit-Strategien sind denkbar: 1. Woyzeck von David Bösch sehen und sich danach aus dem Fenster stürzen, oder 2. – und das empfehle ich: Woyzeck von David Bösch sehen, um ein Stück seiner Verletzlichkeit selbst anzunehmen – in der Hoffnung, dadurch jene Schuld zu verkleinern, die uns allen gehört, auch wenn wir nicht gemordet haben.


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