Willi, der Schrecken aller Notärzte (Teil 2) – Rock Bottom

Das Fax der Leitstelle war nicht sehr aufschlussreich: “bewusstlos” stand dort. Willi freute sich.
“Darf ich intubieren?” fragte er mit quietschender Stimme.
“Lass mich nachdenken…nein!” gab ich zurück, ohne mich zu ihm umzudrehen.
“Darf ich den Einsatz leiten? So, als wäre ich der Notarzt?”
Jetzt drehte ich mich um: “Bist du jetzt völlig durchgeknallt, oder was?”
“Aber ich muss doch was lernen!” Willi schon beleidigt die Unterlippe vor, woraufhin ich ihn noch widerlicher fand.
“Da geht es um einen Menschen, verstehst du. Das ist keine… Katze oder so, die man einfach mal so intubiert.” und leise nuschelnd fügte ich noch hinzu: “…und selbst das sollte man lieber lassen…” Phillip bekam einen Lachanfall, so dass wir fast in der Leitplanke gelandet wären.
“Pass doch auf!” herrschte ich ihn an.
“Tschuldigung!” er lachte noch immer, fuhr jetzt aber wieder geradeaus. Den Rest der Fahrt legten wir schweigend zurück, Willi beleidigt auf der Rückbank und Phillip mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Wir hielten vor einem schmucken Einfamilienhaus, der RTW parkte schon in der Einfahrt. Ein First Responder stand in der Eingangstür und zeigte, als wir uns näherten, wortlos den Gang hinter der Tür hinunter, an dessen Ende ich im letzten Zimmer zumindest akustisch ein geschäftiges Treiben ausmachen konnte. Das Zimmer stellte sich als Wohnzimmer heraus. Auf einer Couch lag die Patientin, eine Frau, die ich auf etwa Ende 70 schätzte, und die gerade von der Rettungsmannschaft auf den Boden des großen Raumes gehoben wurde, was aufgrund der Fülle der Patientin eine reife Leistung war. Sie war offensichtlich tief bewusstlos, um sie herum waren angetrocknete Speisereste verteilt. Ich hörte schon von der Tür leise Rasselgeräusche. Ein Rettungsassistent, von dem ich mich vage erinnerte, dass er Marek hieß, gab Auskunft. “78jährige Patientin, die heute den ganzen Tag nicht ans Telefon gegangen ist. Tochter…” er nickte in Richtung einer zierlichen Frau, die auf einem Sessel lag und ihren Kopf in die Hände stützte. “…hat sich Sorgen gemacht und ist hierher gefahren, hat sie so gefunden. Vorerkrankungen: hatte mal einen Herzinfarkt und hat Diabetes. Reagiert nicht auf Ansprache.” In diesem Moment rannte Willi an mir vorbei und schob Marek, der gerade einen Zugang legen wollte, zur Seite.”
“Ich sollte das besser machen!” sagte er großzügig. Marek sah ihn irritiert an. Dann sah er Phillip und mich an.
“Willi, geh sofort von der Patientin weg und lass Marek den Zugang legen.” sagte Phillip bestimmt. Willi schob wieder die Unterlippe vor, ließ Marek aber Platz.
“Also, Herzinfarkt hat sie?”  fragte Willi schließlich, während ich mich gerade der Tochter der Patientin zuwenden wollte.
Marek sah wieder Phillip und mich an, jetzt mit wachsender Irritation. “Wer ist dieser Kerl?” fragte er schließlich.
“Ich bin Willi, der Chefstudent.”
“Chefstudent?” Marek vergaß, die Infusion an den zwischenzeitlich von ihm gelegten Zugang anzuschließen und das Blut tropfte auf den Teppich.
“Nun…” Willi genoss seine Ausführungen zusehends.  ”…ich bin Student der Medizin, und da momentan kein anderer da ist, bin ich wohl der Chefstudent!” Willi fand sich unglaublich witzig und kugelte sich fast. Die übrigen lachten nicht. Marek sah wieder uns an. Ich sah Phillip an, Phillip sah mich an.
“Not-Student trifft es doch viel besser.” sagte der First Responder hinter uns trocken. Willi hörte sofort auf zu lachen. Ich nutzte die Stille, um mich der Tochter der Patientin zuzuwenden.
“Wann haben Sie Ihre Mutter denn zuletzt gesprochen?” Die Frau schluchzte und sah mich dann an. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet. “Gestern Abend. Sie ruft sonst jeden Tag um 12 Uhr an, das haben wir so vereinbart. Als sie nicht anrief, habe ich mir erst noch nicht viel dabei gedacht, ich hatte ja auch viel zu tun… aber als ich um 14 Uhr noch nichts von ihr gehört hatte, habe ich versucht, sie anzurufen. Den ganzen Nachmittag über. Ich wohne zwei Stunden von hier, ich bin dann gegen 16 Uhr losgefahren und habe sie hier so gefunden!” Sie weinte wieder. Ich rechnete nach, das Ereignis war wahrscheinlich schon am Vormittag eingetreten und die Dame hatte den ganzen Tag in diesem Zustand in ihrer Wohnung verbracht. Eine Welle von Mitleid überkam mich. Keine schöne Art zu gehen. Ich untersuchte sie kurz, wobei ich mehrfach Willi aus dem Weg räumen musste. Eine Pupille war geweitet, das Pulsoxymeter zeigte auch unter Sauerstoffzufuhr nur eine Sättigung von 80% an. Es brodelte über der Lunge. Ich vermutete ein cerebrales Ereignis mit Aspiration. Das teilte ich auch meinen Mitstreitern mit. Willi fragte sofort aufgeregt: “Sie hat also eine Lungenentzündung und deshalb geht es ihr schlecht?” Phillip und Marek schüttelten beiden den Kopf. Ich glaube, ich sah sogar den First Responder und die Tochter der Patientin den Kopf schütteln. Ich fasste mir an denselbigen und sagte: “Willi, ich krieg echt Migräne von dir. Ich schlage vor, du hältst jetzt einfach mal die Klappe und disqualifizierst dich nicht weiter durch solche Kommentare.” Willi schien diesmal ganz unbeeindruckt und hörte die Lunge der Patientin ab. “Sie brodelt.” stellte er zufrieden fest.
“No shit, Sherlock.” sagte ich. “Und dafür hast du ein Stethoskop gebraucht?” Phillip tätschelte mir beruhigend den Arm.
“Intubation?” fragte er. Ich zögerte einen Moment. Ich fragte mich, ob ich der Frau nicht einen Gefallen täte, wenn ich ihr die Intubation ersparte. Eigentlich war ich sogar davon überzeugt. Nach einem Blick durch den Raum entschied ich mich aber für ein leitlinienkonformes Vorgehen, nicht zuletzt wegen Willi, den ich langsam als eine ernstzunehmende Gefahr für uns alle wahrnahm. Ich nickte Phillip kurz zu und wir besprachen, welche Medikamente wir einzusetzen gedachten.

“Kann man doch ohne Medikamente intubieren, ist doch eh bewusstlos.” sagte Willi. Ich wünschte erneut, er würde endlich schweigen. In Gedanken stellte ich mir vor, wie ich IHN nur nach Gabe eines Muskelrelaxanz intubierte (Pancuronium). Dieser Gedanke bereitete mir eine große Freunde. Dann wäre er nämlich für längere Zeit still. Mit einem Tubus zwischen den Stimmbändern spricht es sich ja bekanntlich nicht so gut, auch wenn man das im Fernsehen immer mal wieder sieht. Ich stellte mir auch vor, wie Willi dann neben mir im RTW sitzen würde, mit Tubus im Hals, endlich handzahm. Und wie wir dann gnädigerweise beim Pizzaessen ihm noch schnell eine (rote) Magensonde legen würden, damit er auch ein paar Stücken Pizza zu sich nehmen könnte. Diese Gedanken zauberten ein böses Grinsen auf mein Gesicht, und meine Tagträume wurden nur durch Phillip gestört, der mir nachdrücklich ein Laryngoskop in die Hand drückte. Dies wurde mir sofort von Willi entwendet.
“Ich mach das!” rief er. Schade, war doch nur ein Traum. In seinem Mund steckte kein Tubus und er brabbelte unentwegt weiter.  ”Ich habe das schon mal gesehen.”
“Super, ich auch.” sagte ich und nahm ihm das Laryngoskop wieder weg.
“Ach, komm schon Anna, das kann ja nicht so schwer sein, wenn selbst ihr Anästhesisten das könnt.” Mindestens drei Leute im Raum sogen jetzt scharf die Luft ein und hielten den Atem an. Ich gehörte nicht dazu. Wortlos bedeutete ich Phillip, die Medikamente zu spritzen. Als die Atmung der Patientin aussetzte, zeigte ich auf das Pulsoxymeter. “Guck hin.” sagte ich zu Willi. Die Sättigung fiel erwartungsgemäß, noch bevor ich die Maske vom Gesicht der Patientin genommen hatte. Schnell führte ich das Laryngoskop ein. “Und jetzt guck hier. Und zwar schnell.” sagte ich zu Willi und positioniert den Spatel so, dass er in den Mund der Patientin sehen konnte, während Phillip schon mit dem Sauger zur Hand war. Die Patientin stand erwartungsgemäß bis Oberkante Unterlippe voll mit den Resten des Frühstücks. Willi wurde blass. Ich intubierte schnell, bevor der Sättigungston rock bottom erreichte.

Willi hockte noch immer halb hinter mir. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. “Mir ist nicht so gut…” sagt er, während er sich auf den Boden fallen ließ. Marek war schnell zur Stelle und versuchte, ihn aufzufangen. Mit einem lauten Gurgeln schließlich entleerte Willi seinen Mageninhalt, der nach dem, was ich sehen konnte, beträchtliche Mengen aufnehmen konnte. Er entleerte seinen Mageninhalt vornehmlich auf der Patientin, dem Teppich und auf Phillip, der nicht schnell genug zur Seite gesprungen war.
“Scheiße!” schrie Phillip. Die Tochter der Patientin schrie auf, ebenso der First Responder. Marek war zu verblüfft, etwas zu sagen, er hielt noch immer Willi fest, der wie ein nasser Sacke über seine Arme hing und langsam zu Boden glitt. Ich hielt mich überrascht am Ambubeutel fest, und nur der erneut tiefer werdende Sättigungston erinnerten mich daran, dass ich vielleicht mal wieder beatmen sollte.

Ich sah Willi an, der irgendwie nicht viel von sich gab. Dann sah ich Phillip an, der hektisch seine Klamotten säuberte. Dann sah ich Marek an, der Willi hilflos etwas Luft zufächerte. In diese absurde Situation hinein sagte ich: “Wir brauchen einen zweiten Notarzt.”

Ihr denkt, es kann nicht mehr viel schlimmer kommen? Nun, das war leider erst der Anfang. Ihr werdet nicht glauben, wen die Leitstelle uns zu meinem Leidwesen schickte…


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