Wilder Kerl

Frühlingserwachen wohin das Auge nur reicht. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Bäume und Blumen sprießen, die Welt riecht nach Frühling. Ich möchte nur eines: Draußen sein, das Wetter genießen, die Frühlingsluft atmen, die Vögel beobachten und der Natur dabei zusehen, wie sie sich in ihr Frühlingsgewand hüllt. Was für ein Segen, dass ich noch ein paar Resturlaubs-Tage aus dem vergangenen Jahr habe, die ich bis Ende März verbummeln muss. Damit ich meinen ersten Urlaubstag bedingungslos mit unserem Sohn genießen konnte, schmissen der Vater und ich am Abend zuvor den Haushalt, damit ich wirklich nichts zu tun habe. Denn es war höchste Zeit für einen Sohn-Mama-Tag. Ich freute mich auf einen Frühlingsspaziergang, auf unsere erste gemeinsame Sandburg, auf den ersten Gänseblümchenstrauß mit unserem Sohn. 

Der wilde Kerl brüllt sein fürchterlichstes Brüllen

Meine Laune war kaum zu übertreffen als wir erwachten. Der Vater fuhr ziemlich mies gelaunt zur Arbeit, ist ja auch blöd, wenn Frau und Sohn sich einen schönen Frühlingstag machen und man selbst allein im stickigen Büro sitzt und sich mit nervenden Projekten rumschlagen muss. Doch schon kurz nach Anbruch des Tages kam alles anders. Ich hatte die Rechnung ohne unseren Sohn gemacht. Alles fing an mit meinem Vorhaben, ihn von einem mächtigen Stinker befreien zu wollen. Mit all seiner Kraft schlug, trat und biss er mich. Er kratzte mich, wo er nur konnte, wand sich von der Wickelkommode oder schlug seinen Kopf gegen sämtliche Ecken und Kanten, die er finden konnte. Da stand ich nun mit einem tobenden, wütenden Kind. Hilflos, ratlos und gar nicht mehr so gut gelaunt. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, wollte ihn auf den Arm nehmen, aber nichts half. Er wollte schreiend durch sein Zimmer rennen, sich auf den Boden schmeißen, seinen Kopf mit aller Wucht gegen den Boden, gegen die Wände, gegen sein Bett oder die Türe hämmern. Jeder Versuch, ihn zu unterbrechen, ihn auf den Arm zu nehmen, ihm nahe zu kommen, bewirkte nicht, dass er sich beruhigte, ganz im Gegenteil: Er wurde noch wütender, noch rasender, schrie noch lauter.

Und dann konnte ich nicht mehr. Ich habe versucht, mich zu beherrschen, ruhig zu bleiben, seiner Wut nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Aber dann brach es einfach so aus mir raus: Ich habe mit ihm geschrien, dass er aufhören soll, dass ich dieses Kopfschlagen nicht ertragen kann, dass ich es nicht ansehen kann, wenn er sich selber Schmerzen zufügt. Doch erst als ich das Zimmer verließ, kehrte ein wenig Ruhe ein und nach zehn Minuten wollte er dann komplett zerbeult, verrotzt und verheult in meinen Arm. Völlig erschöpft und kraftlos von seinem Wutanfall schlief er ein. Und ich, ich saß da und war so verzweifelt, dass ich einfach nur weinen konnte. So ist das Eltern-Sein, so aufwühlend, so nervenaufreibend. Das Gute ist, dass ich unserem Sohnemann nicht böse sein kann. Vielmehr bin ich voller Sorge, will ihm ganz nahe sein, Geborgenheit und Nähe schenken.

Er zeigt seine fürchterlichsten Krallen

Diese Wutanfälle haben uns schon vor ein paar Wochen das Leben schwer gemacht. Damals riefen wir die Helmpflicht aus. Immer wenn der Kleine anfing, seinen Kopf gegen Gegenstände zu hämmern, zogen wir ihm seinen Helm an und konnten das ganze Szenario ein wenig besser ertragen. So hatten wir zumindest keine Angst, dass er sich selbst wirklich schwerwiegend verletzen würde. Irgendwann legten sich diese Wutanfälle, wir glaubten schon, wir hätten die Phase überstanden. Aber dann kamen die Anfälle doppelt und dreifach zurück. Der Helmtrick funktioniert mittlerweile nicht mehr, denn er bekommt den Helm selber auf. Wir müssen da nun irgendwie durch. Das fällt uns furchtbar schwer, denn diese Wutanfälle kommen aus dem Nichts. Die kleinste Kleinigkeit lässt seine Stimmung kippen und dann geht es los.

So auch heute wieder. Einen gut gelaunten Knirps habe ich aus der Kita abgeholt. Gemeinsam sind wir losgestiefelt bis zur Straße. Da muss er an der Hand gehen, ansonsten heißt es ab in den Kinderwagen. An der Hand wollte er nicht laufen, in den Kinderwagen aber schon gar nicht. Eine geschlagene Stunde schrie, tobte und wütete unser Sohn und das mitten auf der Straße. Ich war hilflos, bemühte mich, ruhig zu bleiben, die Tipps und Tricks aus Elternratgebern anzuwenden, ihm zu erklären, dass es ok ist, wenn er wütend ist, aber dass er nicht alleine an der Straße laufen kann. Dass es mir weh tut, wenn er mich schlägt. Nichts half. Also blieb mir nichts anders übrig als die Situation durchzustehen.

Ich hatte dabei einige Zuschauer, ist ja auch klar, ich würde da auch hinschauen. Aber schön ist das Gefühl nicht: Was macht die Frau da? Warum lässt sie das Kind so schreien? Warum hilft sie ihm nicht? Weil ich nicht weiß wie. Weil unser Sohn lernen muss, dass bestimmte Sachen einfach nicht funktionieren. Weil unser Sohn gerade eine ausgewachsene Wut- und Trotzphase hat. So lange wie heute hat es noch nie gedauert bis er sich beruhigt hat. Genauso plötzlich, wie er ausrastet, kommt er zur Ruhe, für mich Zeit, durchzuatmen, zu merken, dass ich keine Kraft mehr habe, dass mir diese Stunde alles geraubt hat, dass ich Angst habe, dass die Leute schlecht über mich denken. Dabei will ich nichts sehnlicher als unserem Sohn helfen. Ich kann es nicht ertragen, wenn er so schreit, ich kann ihn nicht leiden sehen. 

Wir haben dich so gern – hör bitte damit auf

Es ist eine Phase, das sagen wir uns immer wieder. Eine Phase, die hoffentlich schnell vorbei geht. Eine Phase, in der wir als Eltern zusammen halten und uns gegenseitig unterstützen und Kraft geben müssen. Zum Glück hat unser Sohn auch viele gute Phasen, wenn er nicht gerade wütend ist. Er verteilt Küsse, er lacht viel, er baut Duplotüme und wirft Kastanien durch den Park. Diese Momente fangen uns auf, geben uns Kraft und Zuversicht und lassen uns wieder glauben, dass wir doch gute Eltern sind. Auch wenn die Blicke der Passanten oft eine andere Sprache sprechen. 


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