Wiedergefundener Zauber

Gehört_225

The Decemberists “The King Is Dead” (Rough Trade)
Wahrscheinlich kommt im Leben eines jeden Mannes, wenn es sich der runden 40 nähert, der Moment, in dem er sich ausführlicher mit der Natur und all ihren Erscheinungsformen beschäftigt – im Regelfall wird aber nur der engste Umkreis damit konfrontiert. Wenn der angehende Bergfestler allerdings seinen Lebensunterhalt hauptsächlich als Sänger einer Musikband verdient, dann kann es schon passieren, dass die Schar der Mitwisser (siehe auch Facebook: “Freunde”) etwas umfangreicher wird. Exemplarisches Beispiel hierfür ist Jochen Distelmeyer, ehemaliger Frontmann von Blumfeld, der vor einigen Jahren auf dem Album “Verbotene Früchte” den “Schnee” im Speziellen und den “April” im Allgemeinen pries und sich desweiteren ungeniert als Obstliebhaber outete.
Nun steht nicht zu befürchten, dass Colin Meloy, Stimme und Gründer der amerikanischen Folkrocker The Decemberists, in diesem Jahr zum “Apfelmann” mutiert. Und doch nährt sich aus dem Bandnamen an sich, dem Umstand, dass Meloy vor der jetzigen mit einer Gruppierung namens Happy Cactus (hahaha) unterwegs war und der Tatsache, dass sich auf dem neuen, vierten Album gleich zwei Hymnen an jahreszeitliche Gefühlswelten befinden (January/June Hymn) die Vermutung, dass er eben genau jetzt die oben genannte Phase durchläuft. Wie sonst käme man zu solchen Zeilen: “Hail the winter days after dark, wandering the gray memorial park, a fleeting beating of hearts, ... sing oh january oh!“ oder auch: „Hear the hymn to welcome in the day, heralding a summer's early sway, and all the bulbs all coming in, to begin, ...“ Diese Zeilen und so manche mehr auf “The King Is Dead” gelingen ihm auf wiedergewonnene, unvergleichlich charmante Weise und so lässt auch der Titel der Platte Platz für Interpretationen wie etwa „Die Decemberists sind tot, es leben die Decemberists!“
Denn obschon auch die letzte Platte „The Hazards Of Love“ gewiss keine schlechte war, ist den sanftmütigen Fünf im Laufe der Zeit ein wenig das Liedhafte verlorengegangen und damit auch ein Stück vom Zauber der Einfachheit ihrer Songs. Diese haben sie nun wiedergefunden – „Don’t Carry It All“, „Rox In The Box“ und „Down By The Water“ sind allesamt im Stile ihres Erstlings als Schnittmenge aus Folk, Country und zartem Blues gestrickt, die gute alte Mundharmonika wird gar nicht mehr weggepackt und all die Stücke glänzen so in alter und vertrauter Stärke. Für „This Is Why We Fight“ wird Meloy, zuvor schon stimmlich und musikalisch, nun auch thematisch zum amerikanischen Billy Bragg: „Come the war, come the avarice, come the war, come hell, come attrition, come the reek of bones, come attrition, come hell. This is why, why we fight, why we lie awake, and this is why, this is why we fight. When we die, we will die with our arms unbound.” Auch hier muß man wohl keine Angst haben, dass Meloy nun den furchtlosen Klassenkämpfer in sich entdeckt – vielmehr scheinen die Themen der Songs wohl wieder etwas diesseitiger, alltäglicher geraten und zusammen mit der musikalischen Rückbesinnung macht es so durchaus Sinn, den Decemberists ein herzliches „Welcome back!“ zuzurufen.


http://www.decemberists.com/


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