Wer Oskar Schindler wirklich war

Filmausschnitt Schindlers Liste

Szene aus Spielbergs “Schindlers Liste” (1993

Steven Spielberg hat ihm vor 21 Jahren mit seinem Holocaust-Epos “Schindlers Liste” ein filmisches Denkmal gesetzt. Einem lebensfrohen Hallodri, der laut Aussage seiner Frau nur “reden und lügen” konnte. Eigenschaften, die ihn zum hundertfachen Judenretter machte in einer Zeit, als alle Maßstäbe der Zivilisation verloren gingen. Ein Kurzporträt.
In normalen Zeiten wäre Schindler wohl nie unter Heldenverdacht geraten. Idealistische Ziele waren dem ausgebildeten Ingenieur aus Mähren völlig wesensfremd. Schindler war immer ein Genussmensch, der Spaß am Leben hatte und vor allem seinen eigenen Vorteil suchte. Er liebte Geld, schnelle Autos, Alkohol und schöne Frauen und war dafür auch bereit, wenn nötig, die Angelegenheiten in seinem Sinn zurechtzubiegen. Er fälschte bei Bedarf Zeugnisse und die Mitgift seines Schwiegervaters verprasste er nach eigenen Angaben „für ein Luxusauto und andere Dinge“.  Auch ließ er nach seiner frühen Hochzeit nicht von seinem Boéhme-Leben ab und hatte immer wieder Liebschaften. „Der Schindler konnte doch nichts. Reden und lügen vielleicht“, klagte seine Ehefrau Emile 1994 rückblickend in einem Interview. Aber in einer Zeit, als nationalsozialistische Truppen auf der Suche nach Juden und anderen Minderheiten massenmordend  durch Polen zogen, als alle Maßstäben der Zivilisation verlorengingen, halfen Schindler genau diese Fähigkeiten, über sich hinauszuwachsen. Mit Lügen, Täuschungen und ganz viel eigenem Geld gelang es Schindler, über Tausende unschuldige Menschen vor dem sicheren Tod zu retten. In einer Zeit, als Mord und Amoralität zum Staatsgesetz erhoben wurden, blieb der frivole Lebensmensch mitfühlender Mensch, inmitten von Unmenschen ein Mensch mit Sinn für Anstand und Sitte. Weil er für die Rettung von Juden sein Leben aufs Spiel setzte, ist er Held geworden. Die Geretteten nannten ihn „Vater Courage“.


Die “Schindler-Juden” heute – die bewegende Schlussszene aus Spielbergs “Schindlers Liste” (1993)

NSDAP-Mitglied und Judenretter

Dabei profitierte Schindler anfangs von der Arisierungspolitik der Nationalsozialisten im besetzten Polen. Auf dem Gebiet der heutigen Tschechei lebend, war Schindler wohl bereits seit Mitte der 1930er-Jahre Mitarbeiter des deutschen militärischen Geheimdienst gewesen und auch an dem inszenierten Angriff auf den deutschen Sender Gleiwitz als Vorwand für den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 beteiligt. Im Windschatten der deutschen Truppen erwarb das NSDAP-Mitglied Schindler in Krakau eine kleine Firma, die er auch dank seiner guten Kontakte zu einem blühenden Unternehmen für Emaillewaren ausbaute. Den Kern seiner Belegschaft bildeten Juden, da diese billiger waren als polnische Arbeiter. Die brutale Räumung des Krakauer Ghettos im März 1943 gilt als Schlüsselerlebnis für den Wandlungsprozess Schindlers vom Kriegsprofiteur zum selbstlosen Retter der Juden. Schindler setzte von nun an alles in die Bewegung, um bei den Machthabern möglichst  viele Juden in seinen Betrieb zu holen und  sie dadurch vor Verfolgung zu schützen. Mit frisierten Statistiken und Geldgeschenken jeder Art setzte Schindler jüdische Arbeitskräfte als „unabkömmlich“ für seine Fabrik durch, die inzwischen vordergründig  auf „sieg entscheidende“ Produkte umgestellt hatte.

Grab Oskar Schindlers in Jerusalem

Das Grab Oskar Schindlers in Jerusalem/ Colman Lerner Gerardo Shutterstock.com

Verloren in der Nachkriegszeit

Im Nachkriegsdeutschland kam Schindler nie wieder richtig auf die Füße. Nach einem fast achtjährigen Aufenthalt in Argentinien versuchte er sich ab 1957 in Frankfurt in unterschiedlichen Bereichen als Unternehmer zu etablieren – und scheiterte immer wieder grandios. In der freien Marktwirtschaft fand er sich nicht zurecht; von Grund auf ein Unternehmen mit langem Atem planvoll aufzubauen, war Schindlers Sache nicht. Nach einer Herzattacke 1961 auch gesundheitlich geschwächt,  war er zunehmend von den finanziellen Zuwendungen „seiner“ Juden abhängig. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er abwechselnd in Frankfurt und Israel. Begraben wurde er wunschgemäß auf dem römisch-katholischen Friedhof in Jerusalem.

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Der Münchner Christoph Marx ist freier Publizist, Lektor und Redakteur und lebt und arbeitet in Berlin. Er veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.

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