Wer bezahlt die Spesen?

»Wer baute das siebentorige Theben? / In den Büchern stehen die Namen von Königen«, schrieb Brecht mal (»Fragen eines lesenden Arbeiters«). Und heute? Wer baut Fußballstadien in die Wüste? Wer setzt Stein auf Stein für Olympische Spiele? Und wer malocht an Protzbauten hierzulande?
Wer bezahlt die Spesen?In Katar riskieren Sklaventreiber das Leben ihrer menschlichen Ware. Das System Putin rieb Arbeitskräfte und Umland von Sotschi auf. Auf hiesigen Großbaustellen wie Stuttgart 21 oder BER dumpen sich polnische und bulgarische Ich-AGs und deutsche Niedriglöhner in Grund und Boden. Die globale Protzerei des Kapital reibt Heere von Arbeitskräften auf. Mal physisch und mal eher psychisch, aber immer auf Kosten derer, die schwitzen und sich plagen. »Wer bezahlte die Spesen?«, fragte Brecht zum Ende seines Gedichtes. Wer? Es sind die Sklaven und Tagelöhner, die Wettbewerbsschufter und Scheinselbständigen.

Ich habe sie schon so oft unken gehört: Aber sei doch realistisch, haben sie gesagt, die polnischen Maurer, die auf Deutschlands Baustellen als Subunternehmer schuften, denen geht es doch nicht übel. Und vor allem leiden sie doch nicht wie die Sklaven auf Katars Baustellen. Wir geben den Osteuropäern bloß gute Chancen und Perspektiven. Das sind dieselben Stimmen, die Kinderarbeit in Indien oder Bangladesch als Chance bezeichnen, weil so diese Kinder auch etwas zur Haushaltskasse beitragen dürfen. Immer noch besser als zu hungern, nicht wahr? Und fleißiger als die verweichlichten Deutschen seien sie ja auch, diese slawischen Arbeitstiere. Sie hadern nicht, nur weil man sie nicht wie kleine Prinzen über das Baugerüst trägt. Und wer als Subunternehmer schuftet, dem steht auch kein Mindestlohn zu. Ich kann mir vorstellen, dass mancher Katarer ganz ähnlich argumentiert und erklärt, dass die Arbeiter aus Nepal hier eine Chance hätten und dass es den Nepalesen in Nepal ja noch viel schlechter ergehe.
Materiell gesehen mögen die hiesigen Wettbewerbsverhältnisse auf Baustellen und die Arbeit in der Wüste nicht vergleichbar sein. Aber ideell gesehen eben schon. Hier wie da schuften arme Schlucker für die Geltungssucht von prahlerischen Eliten. Für einen aufgeblasenen Monumentalismus einer mittelmäßigen Schickeria. Für Entscheidungen von Männern und Frauen, die nur zu lächeln brauchen, wo andere schwer schufteten und bluteten und teilweise sogar starben. Über die redet aber keiner. Man gedenkt ihrer nicht. Aber an die Antlitze der politischen Führer, die Stadien eröffnet oder sogar finanziell in die Wege geleitet haben, wird man noch in Jahren belobigend denken.
Wir leben in einer Welt, in der Sklaven und Hungerleider, Knechte und Kulis, Tagelöhner und Prekarier, Working Poor und Gelegenheitsarbeiter, Leibeigene und Fronarbeiter, Fassaden in die Höhe ziehen, an denen dann die feisten Gesichter hoher Damen und Herren prangen. Für diese Fassaden lassen sich letztere feiern und gehen in die Geschichte als Bauherren und Visionäre, als Konstrukteure und architektonisch aufgeschlossene Mäzene ein. »In den Büchern stehen« nicht mehr »die Namen von Königen« - für Brecht sah es noch so aus. Doch Könige haben wir mittlerweile nachhaltig abgeschafft. Aber an den Verhältnissen, in denen die leben und arbeiten, die die Spesen bezahlen, hat sich nichts geändert.
Es gibt noch viel zu tun. Und viel zu fragen. Aber lesende Arbeiter stellen heute ungefähr so wenig Fragen wie lesende Eliten. Das tun Arbeiter nur in Gedichten von Brecht. Die Arbeiter, die mir so begegneten in letzter Zeit, stellen keine Fragen, sondern gaben Antworten. Zum Beispiel: Die Weltmeisterschaft in Katar ist ein Fehler, weil dort die Fußballer schlimmster Hitze ausgesetzt werden. Nur die? Wenn Werktätige von Werktätigen lesen, so gab Brecht zum Ausdruck, dann würden sie sich darin erkennen und die Gesellschaft anders wahrnehmen. Dass das Klassenbewusstsein völlig aberzogen wurde, sieht man gut daran, dass sie von Ihresgleichen lesen und sich von ihnen abgrenzen, indem sie sie ignorieren.
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