Weil die Medien schweigen? ThyssenKrupp – Keine Entschädigung für vergiftete Brasilianer.

Durch den Bau seines Werks in Brasilien vor den Toren Rio de Janeiros hat der Deutsche Stahl- und Rüstungskonzern dem aufstrebenden Land am Amzonas ein Desaster beschert. Eine einzige Katastrophe in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht. (1) Aber die Medien schweigen darüber, was der deutsche Stahlriese in der Bucht von Sepetiba anrichtet, meint Christian Russau von der FDCL, der auch als “kritischer Aktionär” aktiv ist, im Gespräch mit uns. Für die Massenmedien sei das Thema durch, glaubt er.  Die deutschen Journalisten interessieren sich nicht mehr für die Betroffenen in Brasilien und der Deutsche “Stahlriese” unternimmt von sich aus nichts. Nur durch Information und öffentlichen Druck sehe man noch eine Chance. Neuste Untersuchungen belegen: Der Stahlwerkstaub, der auf die Bewohner der Region niederrieselt ist toxisch.

Christian Russau sagt uns gegenüber : “Seit 2010 waren wir mittlerweile zum 5. Mal auf der Jahreshauptversammlung der ThyssenKrupp-Aktionäre. (Die letzte fand am 17. Januar 2014 statt) Wir haben jahrelang mit Medien gesprochen und auf das Thema der Umweltverschmutzung durch ThyssenKrupp an der Bucht von Sepetiba und die Gesundheitsprobleme der Anwohner durch den Stahlwerkstaub aufmerksam gemacht. Was für uns als Gradmesser zählt, ist, ob ThyssenKrupp sich bewegt und die Fischer für ihre Fangeinbußen endlich entschädigt und die Gesundheit der Anwohner effektiv geschützt wird. Da hat sich bislang nichts getan.

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Stahlwerkgelände (2008) – hier Brückenstrasse durch den geschützten Mangrovenwald zum Pier für Überseeschiffe. – Foto: © Bundesstaatsanwaltschaft für Arbeitsfragen

Ehrgeizige Pläne

Brasiliens Reichtum an Bodenschätzen ist enorm. Laut Schätzungen sollen alleine die Vorräte an Eisenerz den Bedarf des Weltmarktes mehr als 500 Jahre decken können. (2) Was lag bei solchen Voraussetzungen für einen internationalen Konzern näher, als direkt im Land Stahl zu produzieren. Vermutlich würden Umweltauflagen weniger strikt sein und die Arbeitskräfte im Verhältnis zu deutschen Löhnen sehr billig, der Transport der Rohstoffe zum Verarbeitungsoirt weniger aufwändig. Relevante Standortfaktoren. So baute der deutsche Konzern ThyssenKrupp in eine Bucht vor Rio de Janeiro vor einigen Jahren das Werk “TKCSA”. Der laut Zahlen aus dem Jahr 2005 weltweit an Platz 11 rangierende Stahlproduzent unter Leitung des damaligen ThyssenKrupp-Chefs Ekkehard Schulz wollte durch das Engagement in Amerika  zu den Top Stahlkonzernen der Welt aufschliessen. Ein ehrgeiziger Plan, der sich zu einem Fiasko entwickeln sollte.

Fehleinschätzungen und finanzielle Katastrophe

Die Kosten für die Errichtung des Werks liefen aus dem Ruder. Missmanagement, Pfusch und Behebung von Mängeln beim Bau liessen die geplanten Ausgaben um das Dreifache ansteigen. Der hart umkämpfte Markt, die Wirtschaftskrise und die niedrigen Preise auf dem Nord- und Südamerikanischen Kontinent kamen hinzu, machten aus dem Projekt eine Kapitalverbrennungsanlage. ThyssenKrupp gerät mit seinem Engagement in den USA und Brasilien finanziell ins Schlingern (3) Abenteuerliche 6 Milliarden Schulden soll der Konzern dadurch aufgetürmt haben. Die heutige Strategie des Unternehmens setzt auf eine verstärkte Hinwendung zu den “Technologiebereichen”.  Den Aktionären will man endlich wieder Dividende verschaffen.

Die Hütte in Brasilien ist zu einem Reiz-Thema für den Konzern-Vorstand geworden. Dem neuen Vorstand unter Chef Hiesinger geht es vorangig darum, aus der Verlustzone zu kommen – aber Menschen scheinen den Konzern bis jetzt nur am Rande zur interessieren.

Der Begriff “Wirtschaft” -so ist als Definition zu lesen- bezeichnet im ursprünglichen Sinne die Summe aller personeller und materieller Aufwendungen und Erträge, die dazu dienen, den Unterhalt des Menschen zu sichern. Diese sind: Jagd und Fischfang, Ackerbau und Viehzucht, Handel und Gewerbe.

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Die Anwohner wollen es sich nicht mehr gefallen lassen “Täglich rieselt der giftige Staub auf sie nieder” – Foto: © Christian Russau

Die Fischer in der vorgelagerten Bucht samt ihrer Familien, ihre Existenzprobleme und Gesundheit sind seit Jahren ganz offensichtlich nur  ein  lästiges und untergeordnetes Thema. Sie haben mit dem Begriff der “Wirtschaft” von heute nichts mehr zu tun, der die Entscheidungsgrundlage für international tätige Großunternehmen bildet. Dieser orientiert sich längst nicht mehr an obiger Definition als eine primäre Angelegenheit menschlicher Unterhaltssicherung, sondern bekannterweise ausschliesslich an Kapitalinteressen, in die sich soziale oder umweltpolitische Interessen kaum inkludieren lassen. Bisher hat die Konzernleitung die Gesundheits-Schädigung der Bevölkerung bestritten und vorgelegten Gutachten wenig oder keine Beachtung geschenkt.

Christian Russau dazu: “Dass Landesumweltministerium Secretaria de Estado do Ambiente (SEA) selbst hat 2012 die Datenanalyse des Stahlwerkstaubs vorgenommen. Die SEA bestätigte, dass das ausgestoßene Pulver toxisch ist und neben Kohlenstoff und Eisen auch chemische Stoffe aufweist wie Zink, Silizium, Natrium, Mangan, Potassium, Kalzium, Aluminium, Vanadium, Titan, Schwefel, Phosphor, Nickel, Magnesium, Kupfer, Chrom, Kadmium, Blei. Das SEA erkannte auch, dass das Pulver Asthma, Lungenkrebs, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Missbildungen und vorzeitiges Versterben bewirken könnte.  Der SEA- Bericht fährt fort und deutet an, dass im Umfeld der Firma „ein Anstieg zu verzeichnen ist – an Beschwerden in Bezug auf  Atemwegserkrankungen (Asthma, Bronchitis, Lungenerkrankungen), in Bezug auf Hauterkrankungen (Ekzeme, Dermatitis und Dermatosen), auf Augenerkrankungen (Bindehautentzündungen) sowie auf Erschöpfungszustände, Stress sowie Verschärfung >bei Fällen von Bluthochdruck oder auch Diabetes infolge des Ausgesetztseins des Staubpartikelmaterials<.”

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In der Bucht von Rio: – Gesundheit und Existenz bedroht – Fischer und ihre Familien -  Foto: © Christian Russau

Christian Russau dazu weiter: “Die international renommierte Frankfurter Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international hat eine Gesundheitsstudie im Umfeld des TKCSA-Stahlwerks erstellen lassen. Diese enthält einen Überblick über die ökonomische, soziale und gesundheitliche Lage der Bevölkerung. Die Studie weist die direkt im Fallout-Gebiet des Stahlwerkstaubs lebende Bevölkerung als extrem vulnerabel aus. Alle im Rahmen dieses Gesundheitsmappings Befragten identifizierten als Ursache ihrer Krankheiten und Gesundheitsprobleme eine Quelle: das Stahlwerk TKCSA.” (4)

Die Studie von Medico hat Herr Hiesinger, der Vorstandsvorsitzende des ThyssenKrupp-Konzerns auf der Jahreshauptversammlung von Herrn Russau entgegen genommen. Haarsträubend, aber wahr: Bis heute gibt es noch nicht einmal eine endgültige Betriebsgenehmigung für das Werk, das insgesamt 134 Umweltauflagen erfüllen soll. März 2014 sei die “Deadline” hierfür. Ob diese Auflagen jemals tatsächlich vollständig erfüllt und eingehalten werden, steht in den Sternen.

Weil die Medien schweigen? ThyssenKrupp – Keine Entschädigung für vergiftete Brasilianer.

Geste des Misstrauens: Der kranke Fischer Luis Carlos Ekkehrad Schuld verweigerte den Handschlag (Aktionärsversammlung 2010) – Foto: © Dachverband der kritischen Aktionäre

Das Vertrauen in den deutschen Konzern haben die Anwohner und Fischer vollständig verloren. Sie fordern die Schliessung. Es ist kein gutes Bild, das einer der größten deutschen Konzerne hier abgibt und bestimmt auch kein gutes Image für unser Land.

Herrn Russau, abschließend möchten wir Sie fragen, was soll ein Land wie Brasilien nach Ihrer Meinung tun und was sind geeignete Schritte, Mensch und Natur zu schützen, damit Global Player nicht alle noch zur Verfügung stehenden Ressourcen binnen weniger Jahrzehnte ruinieren?

Das, was wir alle tun müssten: Die Ökologiefrage gemeinsam mit der Frage sozialer Menschenrechte in Gesellschaft, Staat und Ökonomie verankern. Jedoch aus zivilgesellschaftlicher Sicht betrachtet bergen die geplanten Freihandelsabkommen die Gefahr, dass Umwelt- und soziale Rechte,  ja, die Bedingungen und Möglichkeiten demokratischer Entscheidungen schlechthin dem Primat der Rentabilität, des neoliberal zugerichteten Marktes und der Wertschöpfung einiger Weniger untergeordnet wird.

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von Hans-Udo Sattler

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Quellen – weiterführende Links

(1) Brasilien: Stahlkocher Thyssen-Krupp erneut in der Kritik
(2) Brasiliens Bodenschätze / Eisenvorkommen
(3) Der Spiegel: ThyssenKrupp Milliardenverluste durch Stahlwerke
(4) Medico: Gesundheitsstudie Brasilien
dazu auch: Dunkle Seiten der Globalisierung, Dokumentation der Gesundheitsfolgen des ThyssenKrupp-Stahlwerks


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