Weiße Nächte oder: Keine Angst vor tausend Seiten

b_300v0_300v0_16777215_0___images_dostojewski.pngDostojewski gehört zu den Größen innerhalb der russischen Klassik. Mit seinem Namen ist in der Öffentlichkeit sofort das Werk „Schuld und Sühne“ verknüpft, das viele zwar vom Titel her kennen, es wegen seines beträchtlichen Umfangs leider nie wirklich in Angriff genommen haben. Der aufgeschlossene, doch an Zeitmangel leidende Leser ist auch schnell enttäuscht, wenn er sich andere Eckpfeiler Dostojewskis Oeuvre nähern möchte: „Die Brüder Karamasow“ oder „Der Idiot“ sind Bücher, die ebenfalls nicht ohne ihre ca. 1000 Seiten auskommen. Robert Klopitzke will mit der Erzählung „Weiße Nächte“ den Leser neugierig machen auf das Werk des russischen Autoren.

Am 22. Dezember 1849 wurde auf dem St. Petersburger Semenowskplatz im allerletzten Moment ein Verbrechen verhindert, dass der Menschheit einen seiner wertvollsten Künstler beraubt hätte. Unmittelbar vor der Hinrichtung erreicht die Begnadigung des Zar Nikolaj I. den Richtplatz und lässt somit mehrere Männer am Leben; unter ihnen befindet sich der zu diesem Zeitpunkt 28-jährige Dostojewski, dem durch diese Gnade eine Frist von weiteren 42 Lebensjahren geschenkt, welche er nutzt, um der Welt ein literarisches Werk zu hinterlassen, das seines gleichen sucht. Dieser vereitelte Mord war es Stefan Zweig wert, ein Kapitel in seinen „Sternstunden der Menschheit“ zu widmen. In lyrischer Form beschreibt er den dramatischen Hergang und endet mit der Strophe:

„Soldaten reißen ihn weg vom Pfahl.
Fahl
Und wie verloschen ist sein Gesicht.
Schroff
Stoßen sie ihn in den Zug zurück.
Sein Blick
Ist fremd und ganz nach innen gesenkt,
Und um seine zuckenden Lippen hängt
Das gelbe Lachen der Karamasow.“

Dostojewski gehört zu den Größen innerhalb der russischen Klassik. Mit seinem Namen ist in der Öffentlichkeit sofort das Werk „Schuld und Sühne“ verknüpft, das viele zwar vom Titel her kennen, es wegen seines beträchtlichen Umfangs leider nie wirklich in Angriff genommen haben. Der aufgeschlossene, doch an Zeitmangel leidende Leser ist auch schnell enttäuscht, wenn er sich andere Eckpfeiler Dostojewskis Oeuvre nähern möchte: „Die Brüder Karamasow“ oder „Der Idiot“ sind Bücher, die ebenfalls nicht ohne ihre ca. 1000 Seiten auskommen. Natürlich würden die Werke ihre Geltung und Wert durch Streichungen einbüßen, da der von Dostojewski eröffnete Erzählkosmos eben genau diese Anzahl an Seiten benötigt.

Bei einem Besuch der Klassiker-Ecke in Buchhandlungen findet man oft seine Erzählung „Der Großinquisitor“, welche zwar eine in sich geschlossene Erzählung darstellt, jedoch lediglich das herausgegriffene fünfte Kapitel aus dem fünften Buch der „Brüder Karamasow“ ist – eine Geschichte, die Iwan seinem Bruder Aljoscha erzählt. Die Erzählung ist wunderbar komponiert und kann für sich alleine stehen, gewinnt an voller Kraft aber nur dann, wenn man ihre kontextuelle Einbettung (damit den ganzen umfangreichen Roman) kennt.

Eine andere kleine Erzählung, die nirgends einem übergeordneten Werk entnommen wurde, soll hier kurz vorgestellt werden und dem aufgeschlossenen, sich aber unter Zeitbedrängnis befindenden Leser die Möglichkeit bieten, sich von Dostojewskis Erzählweise inspirieren zu lassen und sich hoffentlich anschließend nicht mehr an Umfang und Gewicht der großen Romane zu stören.
Es ist die Geschichte eines Träumers, die Dostojewski ein Jahr vor den Ereignissen auf dem Semenowskplatz (also 1848) niederschrieb und trägt den Titel: „Weiße Nächte“. Er ist eine Anspielung auf das Phänomen, das sich im Sommer in allen Regionen, die zwischen dem Nordpol und dem 57° nördlicher Breite liegen, beobachten lässt: es wird nie ganz dunkel.

In einem solchen Sommer streift der namenlose Protagonist durch die Stadt und meidet jeden Kontakt zu seinen Mitmenschen; seine Träumereien und die Pseudobekanntschaft mit einigen Häusern scheinen ihm zu genügen, bis er eines Nachts die junge Nastjenka kennen lernt. In einer Eigencharakteristik stellt er sich als ein Träumer vor: „Was soll ihm noch unser wirkliches Leben!...da er selber der Künstler seines Lebens ist und es zu jeder Stunde nach neuer Laune sich erschaffen kann. Wie leicht und wie selbstverständlich wird diese märchenhafte, phantastische Welt erschaffen!... Man könnte in mancher Minute fast glauben, dass dieses Leben nicht etwa nur eine Erregung der Gefühle sei, kein Gaukelspiel, kein Trug der Einbildung, sondern dass es geradezu das wirkliche wahrhaftige und rechte Leben ist!“ In nur vier Nächten wird der Träumer durch eine zufällige Bekanntschaft zu einem existenten Menschen in die wirkliche Welt gerissen, die auch keine vollständig echte ist. Wie denn auch, wenn selbst die Nächte nicht mal richtig dunkel sind? Und wer diese vier kurzen Nächte ( plus den letzten darauf folgenden Morgen) durchgelesen hat und damit kurz in den wunderbaren Erzählkosmos Dostojewskis eintreten durfte, wird auch die großen Romane nicht mehr scheuen. „Mein Gott! Ein voller Augenblick der Seligkeit! Ist das etwa zuwenig für ein ganzes Menschenleben?“ – wie es im letzten Satz der Erzählung schließlich heißt.


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Der Schnäderfräss