Was wäre wenn?

Die letzte Premiere im Jahr 2013 fand im Schauspielhaus in Wien am Silvesterabend statt. Bei ausverkauftem Haus erlebte das Publikum die deutschsprachige Erstaufführung des Stückes „Konstellationen“ von Nick Payne. Der 29jährige hat mit diesem Werk einen fulminanten dramatischen Start hingelegt – wurde es doch 2012 zum besten Theaterstück des Jahres vom Evening Standard, einer kostenlosen Tageszeitung mit hoher Verbreitung in London, preisgekrönt.

Was wäre wenn?

Der junge Autor ließ in dieses Stück zwei gänzlich unterschiedliche Lebensentwürfe einfließen und stellt der Kosmologin Marianne ihren Freund Roland gegenüber, der Imker ist. Die Sicht auf die Welt von außen und jene, welche die biologischen Zusammenhänge als Kausalketten versteht, prallen permanent aufeinander. Liest man den Text im Programmheft, könnte in Nicht-Naturwissenschaftlern das blanke Entsetzen hochsteigen ob einer etwaigen Unverständlichkeit des Bühnengeschehens. Diesbezüglich kann aber absolut Entwarnung gegeben werden. Zwar versucht Marianne Roland die Existenz eines Quanten-Universums zu verdeutlichen, es bleibt aber bei einem Eingangsstatement, das der Naturbursch genauso wie das Gros des Publikums mehr oder weniger verständnislos aber dennoch freundlich zur Kenntnis nimmt. Von wirklichem Verstehen keine Spur. Gerade diese Gemeinsamkeit und die überaus charmante Interpretation der Figur des jungen, verliebten Mannes durch Thiemo Strutzenberger zieht das Publikum von Beginn an auf seine Seite. Marianne, in all ihren Facetten überzeugend und sympathisch von Nicola Kirsch gespielt, darf in den rund 70 Minuten jene komplette Gefühlspalette durchleben, der junge Frauen von heute ausgesetzt sind. Karriere und Liebe, eine Partnerschaft neben den eigenen Bedürfnissen auszuloten, ist kein Leichtes. Dass ein Schicksalsschlag das Leben vollends aus der Bahn wirft, macht die Sache auch nicht einfacher.

Ganz so easy wie sich das Geschehen hier anhört ist es dann aber doch nicht. Und das dank der Idee des Autors, sprachlich und dramaturgisch die Idee von Paralleluniversen auf die Bühne zu bringen. Das schafft er, indem er einzelne Szenen mit verschiedenen Abwandlungen hintereinander spielen lässt. Eine Riesenherausforderung für die Schauspielenden, liegt ihnen zwar meistens ein sehr identischer Text vor. Diesen müssen sie jedoch mit anderen Bedeutungen, Gefühlsstimmungen  und auch charakterlichen Abweichungen dementsprechend abwandeln. Und das geschieht durch Lichtwechsel von einer Minute auf die andere. Kirsch und Strutzenberger schaffen das aber mit links. Bühnenbild ist keines vorhanden, die gold gefärbelte Wand des Schauspielhauses reicht neben den schon beschriebenen Lichtwechseln. Ramin Gray fokussiert in seiner Regie auf die Sprache und lässt nichts Ablenkendes aufkommen. Die faszinierende Idee, dass das, was wir in unserer Realität erleben auch in anderen gelebt worden ist und vielleicht auch noch gelebt werden wird, ist bei Nick Payne in ein dramaturgisches Rondell gegossen. Und so erschließen sich die ganz zu Beginn gesagten Sätze in ihrem wahren Ausmaß und ihrer wahren Bedeutung erst am Ende des Stückes.

Wunderbar fügt sich in all der vermeintlichen Kompliziertheit der Heiratsantrag von Roland ein, für den er sich Vergleiche aus dem Leben der Bienen zurecht gelegt hat. Das Publikum dankt mit vielen spontanen Lachern, die erst aufgrund der Melancholie des Schlusses verebben. Wie Payne es schafft eine todbringende Krankheit oder das Gegenteil – eine befreiende Diagnose – als pure Zufälle des Lebens aufzuzeigen, ist für all jene befreiend, denen permanent eingeredet wird, dass jeder und jede seines Glückes Schmied sei und man gegen sein Karma nicht ankämpfen könne. Das Gedankenexperiment, mehrere Möglichkeiten in seinem eigenen Leben zu haben, nur eine davon jedoch leben zu können, macht nicht nur Spaß, sondern hat sicherlich auch Langzeiteffekt.

Eine sehenswerte Produktion, in der sich aktuelle wissenschaftliche Forschungsaufgaben perfektest mit einer künstlerischen Aufarbeitung dieses Wissens verschränken.

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Schauspielhaus Wien


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