Was nochmals gesagt werden muss

Die Debatte über den »neuen Judenhass« ist natürlich notwendig und richtig. Wer auch immer »Ab ins Gas!« oder solcherlei Parolen skandiert, der gehört juristisch verfolgt. Die Sorge um die Formierung dieses »neuen Antisemitismus« darf aber nicht dazu führen, Kritik an der Außen-, Siedlungs- und Kriegspolitik Israels im Keime zu ersticken.
Was nochmals gesagt werden mussGleich mal eines vorweg: Dieser Antisemitismus wird nicht nur von Palästinensern und Arabern auf deutsche Straßen getragen. Auf einem »höheren Niveau« ist er seit Monaten auch das Thema einer Splittergruppe, die die Mahnwachen für den Frieden für sich vereinnahmt. Die Rädelsführer empfehlen nicht Gas, geben aber zu bedenken, dass die Welt ein von den Rothschilds und ihrer Federal Reserve geführter Laden ist. So gestaltet man Antisemitismus, der nicht nur den Pöbel ansprechen, sondern auch einen »gewissen intellektuellen Anspruch« haben soll. Das ist die Avantgarde dieses Milieus, die das »Gerücht über die Juden« (Adorno) bedächtig unter die Leute bringen.

Wenn man jetzt jedoch allerlei Kommentare liest, die vorm »neuen Judenhass« warnen, dann entnimmt man diesen Warnungen, dass es sich um Moslems handle, die ihn nach Deutschland brächten. Das ist wie gesagt Unsinn! Sie sind nicht die einzigen Gruppe, die antisemitische Positionen vertritt. Zur oben genannten Gruppe kommen die üblichen Verdächtigen aus dem rechten Parteienspektrum. O-Ton Mahler, damit wir nicht vergessen, dass es diese Leute auch noch gibt: »Der Jude trachtet danach, sich zum Fürsten seiner Herren zu machen. Trachtet danach, die Weltherrschaft zu erlangen.« Und dann denken wir kurz an dessen Kameraden Voigt, der von einem Wahlplakat lächelte, über ihm Slogan »Gas geben!«. Und ja, ganz klar, dann gibt es da leider auch noch einige Linke, die Kritik an israelischer Politik mit Hetze verwechseln oder zumindest affirmativ mitmarschieren wo Hetzer zugange sind. Doch nicht alles was aus dem linken Spektrum zu dieser Sache kommt ist auch gleich antisemitisch. Da gibt es qualitative Unterschiede. Ich komme gleich darauf zurück.
Eine sachliche Kritik an Israel ist dringend notwendig. Sie darf sich nicht von der allgemeinen Hysterie mundtot machen, darf sich gleichfalls nicht zu abstrusen »Grundsätzlichkeiten zum Juden« hinreißen lassen. »Was gesagt werden muss« nannte Grass so eine in Prosa gepackte Kritik. Israelische Politik nicht kritisieren zu können, »[empfand er] als belastende Lüge / und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt / sobald er mißachtet wird / das Verdikt ›Antisemitismus‹ ist geläufig.«
Was man jetzt alles so hört und liest! Ausgewogen ist davon wenig. Die einen sagen, Israel sei der Faschismus von heute. Und andere winken ganz im Gegenteil ab und finden, dass sich Israel wohl selbst schützen dürfe. Ist das alles so einfach? Verdammt nein, Israel ist kein Land, das dem Deutschland der Nationalsozialisten gleichkomme. Und Leute nein: Israel übt auch nicht einfach nur Selbstverteidigung. Auf allen Seiten lediglich diese simplifizierende Einseitigkeit. Man kann doch wohl sagen, dass diese Vergeltung der israelischen Armee Ansätze eines Völkermordes zeigt, ohne gleich feststellen zu müssen, dass das ganz genauso wie damals bei Hitler ist. Neulich las ich einen beispielhaften Kommentar. Da schrieb jemand, dass dieser neue Hass einen neuen Holocaust denkbar mache. Man kann auch übertreiben. Diese Geschichte wird sich nicht mehr so wiederholen. Das heißt aber freilich nicht, dass der Antisemitismus überwunden ist.
Und was soll bitte diese Aussage, die man gelegentlich hört und die mir letztens wieder begegnet ist? Da sagte mir einer, dass die Juden doch eigentlich gelernt haben müssten, wie es sei, unterdrückt zu werden? Wieviel Selbstgefälligkeit steckt denn bitte in dieser These? »Jude, haben wir dich nicht ordentlich erzogen?« Das klingt ja, als sei die Shoa nur eine Erziehungsmaßnahme gewesen. Man könnte auch gleich fragen: »Seid ihr denn immer noch nicht geläutert? Was muss denn noch mit euch angestellt werden, damit ihr bessere Menschen werdet?« Was für eine sagenhafte Dummheit, solche »moralischen Geschütze« aufzufahren. Israelis sind doch theoretisch keine besseren Menschen und Israel ist nicht eigentlich eine bessere Gesellschaft, weil man im kollektiven Gedächtnis die leidvollen Erfahrungen des Holocaust mit sich führt. So wie die Deutschen nicht automatisch frei von Antisemitismen sind, weil sie dieselbe Erfahrung von der anderen Seite gemacht haben.
Gleichwohl ist ein Wink auf die Moral aber natürlich notwendig. Sie darf nur nicht als gönnerhafter Onkel oder enttäuschter Erzieher daherkommen. Trotzdem: Das was den Menschen im Gazastreifen widerfährt, ist das Resultat einer politischen Entscheidung, die bar jeglicher Moral exekutiert wurde und noch wird. Welcher Ethik folgt es denn bitte genau, wenn man einer Mutter drei Kinder nimmt, wenn man ein Krankenhaus unter einen Bombenteppich legt und Ehemänner und -frauen in die Witwenschaft bombt? Weichen so die verhärteten Fronten auf? Man muss verstehen, dass man inmitten von Staaten, die man mit gewisser Berechtigung als Feinde wahrnimmt, leichter unter Zugzwang gerät, möglicherweise auch überreagiert. Dieses Israel hat wahrlich kein leichtes Los. Und nur selbstverantwortlich ist man für diese Situation nun auch wieder nicht. Es gehören immer zwei dazu. Aber all das kann unter den Gesichtspunkten von Menschenrechten keine Ausrede sein. Das kann es erklären, nicht aber entschuldigen.
Noch so eine Sache, die wahnsinnig stört dieser Tage: Wieso zum Henker geht es eigentlich jetzt ständig um Juden? Warum nicht um Israelis? Wenn das Statistische Bundesamt den Stromverbrauch pro Kopf errechnet, dann liest man in den Zeitungen doch auch, dass »jeder Deutsche« so und so viel Strom im Jahr verbrauche. Hat man schon mal gelesen: »Katholiken und Protestanten verbrauchen fast 1800 KWh im Jahr«?
Aber nicht alles ist wirklich Antisemitismus. Der Begriff ist zu einer Keule geworden, die Linke wie Rechte gleichermaßen schwingen. Manchmal berechtigt. Manchmal auch nicht. Dann machen sie trotzdem auf ungeheuer empört. Denn es geht nicht um Erkenntnis, sondern um Instrumentalisierung. Beispiel: Vor einigen Jahren gab es einen Boykottaufruf gegen israelische Früchte. Denn bei israelischen Früchten handele es sich um Blutobst. So wollte man eine neue Siedlungspolitik in Israel erzwingen. Einige linke Ortsgruppen schlossen sich dieser Aktion an. Prompt hagelte es Kritik und Vergleiche: Dieser Boykott sei so wie damals, schimpften einige, als es hieß: »Kauft nicht beim Juden!« Geht es vielleicht mal eine Spur weniger reißerisch? Man musste ja nicht für diese Maßnahme sein. Aber antisemitisch war sie sicherlich nicht. Nicht alles was von der politischen Linken an Kritik an Israel kommt, ist eben auch Antisemitismus. Aber wenn man ehrlich ist, dann gibt es auch Linke, die nur mit eindimensionaler Sehfähigkeit ausgestatten sind, die die palästinensische Seite glorifizieren und die jüdische diabolisieren und so einem Antisemitismus frönen, der zwar nicht rassistisch bedingt, wohl aber erzieherisch motiviert ist.
Man sollte dieser Tage nicht so viel von Juden, wohl aber von Israel sprechen. Ohne falsche Hinwendungen. Ohne falsche Schlussfolgerungen und Pathologisierungen. Aber auch ohne falsche Scham. Die Angriffe, die Israel fährt, sie dürfen nicht im Orkus der Empörung über den »neuen Antisemitismus« verschwinden. Da werden Kriegsverbrechen begangen. Nicht von Juden. Von Menschen. Mit israelischem Pass. Man hat die westlichen Armeen in Afghanistan und Irak ja auch nicht als christliche Streitkräfte bezeichnet. Zufällig waren sie trotzdem vornehmlich Christen. Die israelische Siedlungspolitik indes ist das Vorspiel dieser Kriegsverbrechen mit Baggern und Abrissbirnen. Man ist kein Antisemit, wenn man da auf Menschenrechte verweist. Man ist es aber, wenn man hämisch abwinkt und sagt: »Das ist die jüdische Art.« Ich befürchte nur, die Empörung der Stunde wird jegliche Kritik an Israel gleichstellen. Alles Antisemiten! Und nein, verdammt, das ist kein Plan von den Rothschilds, um die israelische Politik für sakrosankt zu erklären.
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