Warum wir anklagen

Berger, Erdmann und Sasse, diese ganzen linken und angelinkselten Konsorten, freilich auch dieser De Lapuente, die sollten froh sein, in einem Land wie diesem zu leben, in dem man schreiben darf, was man will, ohne am nächsten Morgen von Freischärlern der Regierung aus dem Schlaf gerissen zu werden. Dieser Einspruch ist häufig zu vernehmen, ebenso der Zusatz, man sollte mal nach Nordafrika, in die Sahelzone oder nach Nordkorea blicken. Denn die Menschen dort, die hätten Grund zur Anklage. Das J'accuse! westlicher Schreiber, Blogger, Publizisten ist nur ein Sport vornehmer Leute, denen es ausreichend zu gut gehe - und denen, denen es schlecht geht auf der Welt, die haben erst gar keine Möglichkeit, in diesen "weißen Sport" einzusteigen.

Jammere nicht Berger, Erdmann, Sasse, De Lapuente oder wie du auch heißen magst! Klage nicht im langatmigen Wortschwall an, als würde der gesellschaftliche Ruin quasi schon ante portas stehen. Sei froh, dass du hier leben darfst und erweise dich dankbar. Sei froh Deutscher, dass du in Deutschland leben darfst! Natürlich, Kritik muß sein, entkräften diese Beschwichtigungsmoralisten dann - aber erst überlegen, bevor man auf den Putz haut. Muß man denn jede Kleinigkeit aufgreifen? Kann man es manchmal nicht einfach gut sein lassen? Im Hinblick auf die Segnungen in diesem Lande als Gegenleistung auch mal die Schweinereien vergessen? Daran denken, in welchem wundervollen Land, mit vielen Rechten wenig Pflichten, man lebt und den Griffel, wenn schon nicht weglegen, so doch wenigstens abstumpfen, auf dass er nicht gar so spitze Spitzen zu Papier bringt? Einfach mal überlegen, bevor man "Empört Euch!" ruft...

Denn wir leben in einem Land, in dem wir ein Grundgesetz haben - nicht immer ist alles optimal, aber nie ist es eigentlich so ganz jämmerlich. Wie Berger, Erdmann oder Sasse denken, kann hier nicht eindeutig belegt werden - doch wie De Lapuente das sieht schon. Er weigert sich denen zuzustimmen, die stets mit dem Ausruf "Das ist ja Faschismus!" hantieren; er mag es nicht, dass gleich immer alles faschistisch gekennzeichnet wird, auch wenn es aus der Denkschule der Neoliberalen stammt. Hartz IV ist beispielsweise nicht faschistisch, es ist vielmehr dem Totalitarismus der Verwertbarkeit und Verwurstbarkeit unterworfen - das ja! Diktatorisch auf die Interessen des Kapitals zugeschnitten - jawohl! Einzig auf Profit ausgerichtet, total auf Profit ausgerichtet, totalitär auf Profit ausgerichtet - ja, ja und ja! Da stimmt er zu. Es ist nicht alles schlecht in diesem Lande, auch diese Einsicht teilt er - aber vieles wird gezielt schlecht gemacht. Der hier angewandte Mechanismus ist dann immer derselbe: erst macht man etwas propagandistisch madig, sodass die Menschen es für schlecht erachten und verwerfen wollen - und dann verschlimmbessert man durch die gezielte Tat, weil die Menschen ja meinten, dies oder jenes sei des Überlebens nicht mehr wert. So war es beispielsweise bei der Umlagefinanzierung der staatlichen Rente.

Und wir arbeiten als Gesellschaft darauf hin, dass wir in einen Totalitarismus der Konzerne abdriften - teilweise sind wir schon dort gelandet. Dort herrscht absolute Transparenz, der gläserne Arbeitnehmer ist der gläserne Staatsbürger ist der gläserne Patient ist letztlich der gläserne Mensch an sich. Und nicht nur durchsichtig hat er zu sein: gefügig auch. Gefügig voralledem! Er hat überdies zu sein: flexibel, mobil, kommunikativ und gut ausgebildet - der Präfix aus- darf hierbei nicht unterschlagen werden! Denn gut gebildet - ohne Präfix -aus! -, das heißt im Rahmen einer Allgemeinbildung, die auch Wissen vermittelt, das nicht unmittelbar einen Mehrwert für Konzerne darstellt, ist kein Kriterium mehr. Wenn ein Konzern sich einen jungen Menschen engagiert, dann soll er das können, was er im Beruf braucht - alles andere: Tand! Weg damit, erst gar nicht das junge Gehirn damit zumüllen! Die Fachidiotie bedroht uns, sie ist eine von vielen Fangarmen dieses Totalitarismus, der uns im Nacken sitzt.

So gesagt, dass es weniger kraftmeierisch klingt: diese Gesellschaft verabschiedet sich immer mehr von Mitmenschlichkeit, sie ächtet Kreativität und kategorisiert bereits Kinder dergestalt, wie es der Wirtschaft genehm und funktionell ist. Gesellschaftliche Teilhabe für alle - für alle! Wirklich alle! - wird konsequent umgedeutet: von einem Recht zu einer gesellschaftlichen Kann-Option. Rentabilitätsrechnungen entscheiden darüber, wie die Gesellschaft beschaffen sein soll - Hüftgelenke nur für Rentner unterhalb der Achtzig! Stürbe ein Alter kurz nach einer solchen Operation: schade um das schöne Geld! Missfelders damalige Äußerung ist beispielhaft, denn so tickt der Zeitgeist, der ein totalitärer ist, der als Absolutum nur das Kapital und dessen Profit kennt. Insofern ist der häufig gehörte Empörungsschrei, das alles sei schon Faschismus, eigentlich falsch - lax gesagt: die Faschisten ließen sich die Beseitigung von Gesellschaftsgruppen etwas kosten, da waren sie nicht knauserig. Die heutigen Herrn, diese Totalitaristen ihrer Bankkonten, wollen aber gerade sparen - sie unterlassen einfach Hilfe, sie sparen Rentner, Schüler, Arbeitslose, Behinderte einfach tot, sie investieren nicht in Güterwaggons. Sie sparen Menschen nicht etwa zu Tode, weil sie Teufel wären; sie machen es, weil ihre fixe und totale Weltsicht es ihnen leiderleider (sie würden gerne anders handeln, wenn das System sie ließe, sagen sie ja oft!) auferlegt.

Es ist ja noch nicht alles totalitär untermalt - aber danach ausgerichtet ist es. Ist das kein Motiv, laut sein J'accuse! erschallen zu lassen? Muß man warten, bis wir Zustände haben wie in Nordafrika? Wie in den USA, dem reichsten und doch vielleicht ärmsten Land der westlichen Hemisphäre? Berger, Erdmann, Sasse oder De Lapuente betreiben vielleicht "weißen Sport", das kann schon sein... keiner von denen landete in Gewahrsam, nur weil er seine freie Meinung kundtat - jedenfalls ist nichts davon bekannt. Und keiner von denen sieht den Faschismus hochdämmern, aber die Unterwerfung des savoir vivre unter rein fiskalische Attribute, die sehen sie täglich und das klagen sie an. Sie klagen an, bevor das Anklagen strafbar wird - ob es was hilft, steht auf einem anderen Blatt. Obwohl sie wissen, dass sie nicht im Faschismus leben, erdreisten sie sich, in dieser "besten aller möglichen Gesellschaften" (man beäuge diese kursive Stelle durch die zynische Brille) zu protestieren, denn es gibt Gründe, es gibt einen Abgrund, auf dem wir zukriechen. Hessel fordert in seinem kleinen Pamphlet einen "wirklichen, friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum, die Verachtung der Schwächsten und der Kultur, den allgemeinen Gedächtnisschwund und die maßlose Konkurrenz aller gegen alle." De Lapuente unterstreicht das - Berger, Erdmann und Sasse tun dies vermutlich auch.
Seien Sie froh in der Bundesrepublik sein zu dürfen, denn dort geht es uns noch gut - eben: noch! Das Paradies Bundesrepublik ist kein Idyll und kein Hort glücklicher Schuhplattler, es stinkt hier gewaltig und man rückt täglich einen Millimeter an den feuchten Traum der Wirtschaftsbarone heran: an den totalen Staat nach ihren Interessen - das ist nicht Faschismus, könnte aber irgendwann, mit vorzüglichen Grüßen von Orwell und Huxley, nicht minder bitter enden.

In einem Land zu leben, in dem man noch - Betonung auf noch! - sagen, schreiben und denken darf, was man möchte, kann doch nicht ernsthaft als Grund herangezogen werden, lieber besonnen die Klappe zu halten - dies noch zu können, es ist die Grundlage es auch zu tun! Nachher können wir schweigen, besonnen mundtot sein, wenn man vielleicht mal nicht mehr sagen, schreiben, denken darf, was einem beliebt. Aber auch dann finden sich besonders schlaue Gemüter, die dann gen Sudan oder nach Burundi deuten und feststellen, dass es denen da noch viel schlechter geht, weswegen man bloß nicht murren, ja gar nicht erst ans Murren denken soll. Es sei immer noch ein Segen in diesem Lande leben zu dürfen, werden auch dann noch einige behaupten...


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