Warum muss ich das nehmen?

Bei uns stand neulich ein  Präparat auf dem Abholbrett. Tagelang. Wochenlang. Nicht, dass wir da nicht ein Auge drauf haben und (wenn möglich), den Kunden anrufen, um ihn zu erinnern. Manchmal kommt der Kunde dann umgehend – es kommt eben doch mal vor, dass man vergisst, das man in der Apotheke ein Medikament bestellt hat. Kommt zum Beispiel vor bei regelmäßig eingenommenen Medikamenten, aber auch schon mal bei einem Antibiotikum. Wobei gerade bei Antibiotikas unser Augenmerk darauf liegt, den Kunden möglichst sofort zu versorgen – aber es gibt durchaus Fälle, wo er es nicht sofort braucht. Zum Beispiel, wenn es vom Arzt “auf Reserve” verordnet wird… was durchaus schon mal vorkommt. Und wenn es dem Kunden dann wieder gut geht – wird an das  bestellte Medikament in der Apotheke einfach nicht mehr gedacht.

Zurück zum Thema: Dieser Kunde kam einfach nicht – irgendwann nach etwa zwei Wochen dann aber endlich doch. Und erinnerte sich, dass er da doch mal vor Wochen ein Rezept abgegeben habe, bei dem ihm noch etwas fehle…

Bei dem Präparat handelte es sich um Folsäure. Und der Kunde bekam seit einigen Wochen Methotrexat im Rahmen der Rheumatherapie. Methotrexat ist ein Mittel, dass im menschlichen Organismus die Produktion von Folsäure (Vitamin B9) verhindert, in dem es das dafür verantwortliche Enzym Dihydrofolat-Reduktase (DHFR) hemmt. Folsäure wiederum wird für die Zellteilung und im Aminosäurenstoffwechsel gebraucht. Sinn der Hemmung ist die Unterdrückung der Zellteilung – somit werden sich schnell teilende Zellen, unter anderem die des Immunsystems, nicht mehr vermehren. Und da einige Formen des Rheumas Autoimmunerkrankungen sind, also Erkrankungen, bei denen das Immunsystem fälschlicherweise gegen körpereigene Zellen ins Feld zieht, sorgt eine Schwächung des Immunsystems für ein Abklingen der rheumatoiden Entzündungen.

Soweit, so gut. Aber natürlich werden durch das Medikament nicht nur speziell diese Zellen an der Vermehrung gehindert, sondern grundsätzlich alle. Und das Immunsystem darf auch nicht zu sehr geschwächt werden – also gibt man zeitversetzt zum Methotrexat wieder Folsäure dazu. Geschähe das nicht, wären Schleimhautentzündungen, Wundheilungsstörungen, Lungenentzündung,… unter anderem die (noch “harmloseren”) möglichen Folgen. Darüber sollte ein Patient vor Beginn der Therapie vom Arzt genau aufgeklärt werden.

“Warum muss ich das nehmen” war aber dann die Frage des Kunden – laut seiner Auskunft hat er bei Beginn der Therapie  vom Arzt keine Aufklärung über das Warum der Folsäuretabletten erhalten… und wenn dann noch Folsäuretabletten und Methotrexat auf zwei verschiedenen Rezepten eingereicht werden,  und das zu unterschiedlichen Zeitpunkten (und womöglich noch in zwei verschiedenen Apotheken)… dann kann das ganz schön schief gehen. Ist es aber (diesmal) glücklicherweise nicht – die Folsäuretabletten kamen noch rechtzeitig.