Warum man nicht unbedingt einen Lehrer braucht und was das überhaupt ist

Muho hat auf der Antaiji-Seite gerade das Thema des unperfekten Lehrers aufgegriffen ("My teacher's house"). Anlass ist der Text eines Schülers, der ihn u.a. zu seinen eigenen Lehrern interviewte. Es ist interessant, dass Muho wie selbstverständlich, um seine These zu untermauern, dabei Dôgen zitiert, auch dieser habe einen Lehrer auf dem Zen-Weg für unabdingbar gehalten. Aus meiner Sicht stellt es sich wiederum so dar: Dôgen irrte sich häufig genug, womit er prinzipiell nicht für alles als Ratgeber dienen kann. Wahrscheinlich kann man zumindest davon ausgehen, dass für den einen gut sein mag, was für den anderen entbehrlich ist. Dôgen selbst brauchte zunächst Lehrer, hat sie aber nach meiner Ansicht und der einiger Akademiker teilweise entstellt und dann doch sein eigenes Ding gemacht (dazu in zwei Wochen nochmal ein Nachschlag).   Der von Muho mehrfach erwähnte Watanabe, der offenbar von sich meint, er erst habe Sawakis Dharma-Nachfolger Uchiyama zu dem gemacht, was er in den Augen anderer wurde, ist tatsächlich aus hiesiger Sicht viel weniger präsent als Uchiyama selbst. Sicher wird in vielen Fällen umgekehrt eher ein Schuh draus - es ist dann der Lehrer, der den Schüler stärker braucht als umgekehrt.   Betrachten wir uns die japanische Tradition im Besonderen, in die das Zen eingebettet ist, so ist ein Meister-Schüler-Verhältnis in vielen Bereichen das A und O der Weitergabe vor allem qualitativ hochwertigen und verlässlichen Handwerkes. Ähnliches erwarten auch wir von denen, die mit "Meisterbriefen" in Deutschland ausgestattet sind. Solange sie ihr Fachwissen adäquat vermitteln, dürften etwaige Charakterschwächen wie Alkoholismus, Faulheit usf. nicht entscheidend ins Gewicht fallen. Auch bei unseren Schullehrern, von denen wir die sichere Wissensvermittlung erwarten dürfen, werden diese nur am Rande diskutiert - so lange die Lehrer ihre Stunden pünktlich und inhaltlich verlässlich abliefern, geht uns ihr Privatleben nicht viel an.   Nun erkennen wir bereits, dass es sich bei der Diskussion um die Macken auch von Muhos Lehrer (und den anderen aus dem Umfeld Antaijis) anders verhält. Offensichtlich sind ausgedehntes morgendliches Zeitunglesen, Faulenzen, Partyfeiern, Saufen etc. hier ein größeres moralisches Problem, denn man lebt hier ja dauerhaft auf engerem Raum zusammen, und stillschweigend stellt sich die Frage nach einer weiteren Vorbildfunktion des Lehrers, nämlich der des "Meisters" gar der sinnlichen Gelüste. Im Grunde ist es also die Frage danach, ob auch der Zen-Meister den Ansprüchen der Theravadin genügt und wirklich seine Sinne befriedet hat. Was man offensichtlich regelmäßig in diesem Umfeld nicht erwarten darf (womit ich nicht behaupten will, dass man es im Theravada tun sollte). Außerdem spricht Muho die Erwartungshaltung der Schüler/innen an, die bereits mit der Vorstellung ankommen, der Lehrer habe so und so zu sein.   Es ist nun auffällig und war auch hier im Blog schon ein paar Mal Thema, welche Deutungsversuche unternommen werden, um die Funktion eines solchen Lehrers zu retten. Denn nur selten fällt ja mit der Person des Zen-Meisters auch der Gelehrte zusammen, der als Akademiker jene aufschlussreichen Gedanken verfasst hat, wie sie etwa in den vergangenen Monaten Gegenstand dieses Blogs waren - Buddhologen und beliebte Rôshis sind also meist nicht eins. Will man was über Buddhismus lernen, geht man also in der Regel zu anderen Lehrern oder an die Uni.   Was will man also dann von Zen-Lehrern lernen? Die Meditation selbst ist im Sôtô zumindest eher ein Klacks, die Form ist nach einem Wochenende eingeübt, wenn man in der Lage ist, sich einigermaßen selbst zu verbessern. Selbst bei der Kôan-Schulung könnten Sarkastiker anmerken, dass diejenigen, die die Handbücher besitzen, in denen die klassischen Antworten stehen, auch nicht mehr viel tun müssten, es sei denn - ja, es sei denn, sie träfen auf einen der "Meister", die tatsächlich in der Lage sind zu erkennen, ob einer blufft oder wahre Erkenntnis gewonnen hat (also nach D.T. Suzuki einer von wohl nur einer Handvoll). Ich meine hier also nicht den Weg, den einer zu gehen hat, sondern das, was einer tatsächlich "zu lernen" hat - das ist in der Tat nicht viel, wenn man aufs Zeremoniell verzichtet.   Nach Muho läuft es m.E. auf Reibung in der Gemeinschaft und am hierarchisch übergeordneten Lehrer hinaus, die zu einer Selbsterkenntnis führt, die nicht nur die Bereitschaft zur oberflächlichen Aufgabe von eigenen Marotten auslöst, sondern auch noch ein darunterliegendes widerstandsfähiges Ego "knackt" (mein Ausdruck). Ich habe einen ähnlichen Bedarf nach ---- (ich weiß nicht, wie ich es nennen soll) schon einmal vor Jahren bei Muho herausgehört, ohne dass dieser im Folgenden präzisiert wurde. Ich erlaube mir darum, mal meine Idee davon zu formulieren: Es kann bestenfalls darum gehen, etwas zu ändern, was man selbst als Missstand oder mit Missbehagen empfindet. Sonst käme man nicht auf die Idee, dass jemand, der sich selbst nicht im Griff hat (also z.B. Alkoholiker ist), einem Wesentliches darüber beibringen kann, wie man auch noch die letzten Täuschungen des Ego überwindet. Würde man das nämlich durch reines Beobachten der Selbsttäuschungen anderer tun können, dann bräuchte man keinen dieser Zen-Meister aufzusuchen - die Welt ist voll davon. Und das war schon lange meine These, und sie ist nicht neu, sie wird von vielen Mystikern diverser Schulen geteilt - man sei eben bereit, alles überall zu seinem Lehrer zu machen.   Ich will nun mal etwas deutlicher sagen, ja quasi verraten, denn womöglich ist es nie klar geworden. Als ich vor langer Zeit sagte, dass Antaiji ein wichtiger Ort sei, da meinte ich etwas anderes als einer der Streithähne, der dann dort öfter hinging und sich auf eine sehr neurotische Art über Jahre in Foren mit mir auseinandersetzte. Eines Tages sagte er aufgebracht zu mir, ich solle doch endlich mal dort hinkommen. Das beschrieb das ganze Dilemma. Er hatte nicht begriffen, dass es nicht nötig ist, an einen bestimmten Ort oder zu einer bestimmten Person zu gehen, um Zen zu verwirklichen oder zu lernen oder auch nur "einen Lehrer zu haben". Tatsächlich ist Antaiji nicht stark, weil es in der Dôgen-Tradition steht (das ist vielmehr seine ideologische Schwäche und Limitierung), sondern ganz einfach, weil die Adepten gezwungen sind, Ackerbau zu betreiben und sich selbst zu versorgen; immer dann, wenn sie nur Sesshin machen, wird ihr Zen schwächer. So jedenfalls sehe ich es. Denn dann dreht es sich nur um sich selbst.   Es gibt jedoch eine andere Ebene, auf der wir wieder über das Gleiche sprechen. Ich weiß, es ist vermessen von mir. Natürlich lehne ich mich als einer, der meist keinen persönlichen Umgang mit einem Lehrer brauchte (ich nehme schlichtweg viele meiner Marotten an, was ich als Single mir auch leisten kann), da weit hinaus, aber wenn Muho meint, ein Lehrer wählt gerne den Schüler als Nachfolger, der ihn in seiner Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit, mit all seinen Macken sieht, und nicht den, der ihn verherrlicht, dann hat er genau den Moment beschrieben, in dem ich entschieden habe, die Nachfolge von Joshu Sasaki zu akzeptieren. Was zum Teufel hatte ihn bewegt, im Sterben in meinen Traum zu drängen, hatte ich mich lange gefragt (nehmen wir einfach mal für einen Moment zu meinen Ungunsten an, das war so)? Und da fiel mir ein, dass ich auf dem Höhepunkt der Anschuldigungen gegen ihn und einer Pause dieses Blogs mal eine Weile einen englischsprachigen betrieb, auf dem ich einen Beitrag mit dem Titel verfasste: "Why not give the old man a handjob?" Und den kleinen Drecksack in all seiner Übergriffigkeit angenommen hatte. Und auch wenn ich mich mich so nicht als Mann der Tat erweisen konnte -   Ich bleibe dabei: Ich musste deshalb nie in seiner Nähe sein. Es hätte wohl ein paar Männer und vielleicht auch die ein oder andere Frau in der Geschichte des Chan und Zen gegeben, denen ich gern persönlich begegnet wäre (Ikkyû z.B. und Wuzhi). Und wenn ich der Überlieferung glauben darf, dann hätten einige die Fähigkeit besessen, etwas in mir auszulösen oder gar zu beschleunigen (Chao-chou und Ma-tzu z.B.), etwas in mir anzurühren, und das wäre ganz und gar nicht ihrer Unfähigkeit oder Mangelhaftigkeit, sondern ihrem Können geschuldet gewesen. Ich glaube, so sollte das sein, und nicht anders. Wenn wir das nicht mehr erwarten können, sollten wir klarer sagen, was wir da eigentlich in der Gemeinschaft mit anderen, die wir als Sangha begreifen, loswerden wollen (müssen), jedoch in jeder anderen Form menschlichen Zusammenseins, der wir uns nicht entziehen können, nicht loszuwerden meinen. Ich habe jahrzehntelang immer wieder mantraartig vernommen, man bräuchte dafür das Sitzen in der Gemeinschaft und den Lehrer, aber nie eine gescheite Antwort darauf gehört. Eins ist jedenfalls klar: Jeder findet sich auf seinem Weg bestätigt.

[Der eine nennt es kasina, der andere Migräne mit Aura ...]

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