Warum ich keine Gute Mutter mehr sein will.

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Vor ein einigen Jahren fragte mich eine studierende Mutter, ob sie einige Sätze aus meinem Blog zitieren dürfe. Sie schreibe über das Thema „Der Mythos der `Guten Mutter´ – Aggressive Gefühle von Müttern als Tabuthema“. Das fand ich prima, hatte ich selbst doch schon vergeblich nach einem gut lesbaren Buch zu diesem verschwiegenen Bereich der Mutterschaft gesucht. Freundlicherweise darf ich aus der Bachelor-Arbeit von Anne Boigk zitieren, denn dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Die Hervorhebungen stammen von mir und sollen einzig den Text ein wenig untergliedern.

Vielleicht überfällt die eine oder andere Mutter beim Lesen ja eine Art Erkenntnis: Es geht nicht nur mir so.

Heute zitiere ich aus dem Kapitel: „Der Erziehungsalltag“


Das Erleben von Müttern unterscheidet sich in vielen Punkten vom vorgegebenen
Mutterideal.
Schon die Mutterliebe ist keineswegs so rein, selbstlos und gleichbleibend, wie es die
Idealvorstellung der „Guten Mutter“ glauben machen möchte. Allein der Wunsch, ein
Kind zu bekommen, wird von vielen – bewussten und unbewussten – Motiven
beeinflusst, z.B. Kompensation der eigenen Kindheit, Rettung der Partnerschaft, das
Bedürfnis danach, bedingungslos geliebt zu werden, die Möglichkeit, eine Art
„Statussymbol“ zu besitzen etc.

Schon vor oder in der Schwangerschaft haben werdende Mütter ambivalente Gefühle gegenüber ihrem Kind, selbst wenn es lang ersehnt wurde

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Raphael-Leff erarbeitete das Modell von „facilitator“ und „regulator“.

Diese zwei Extrempositionen stellen zwei Typen von Müttern dar, wobei wenige Frauen einem
dieser Typen komplett entsprechen, sondern dazwischen anzusiedeln sind, aber eher in
eine Richtung tendieren.

Facilitator bauen schon in der Schwangerschaft eine Beziehung zum Kind auf, stellen sich vor, wie es aussieht und was es gerade tut, sprechen mit ihm etc. Sie betonen die Natürlichkeit von Schwangerschaft, Geburt und Kinderpflege, wollen nach der Geburt selbstverständlich stillen und sich nach den Bedürfnissen des Babys richten.

Sie haben Vertrauen darin, dass sie diese intuitiv erkennen. Sie genießen also die Schwangerschaft und haben eine positive Erwartung an Geburt und Kinderpflege. Andererseits gibt es auch die regulator, Frauen, die in der Schwangerschaft versuchen, möglichst normal weiterzuleben, nicht zu viel an das Kind zu denken, so wenig wie möglich Gefühle zuzulassen oder die das Kind vielleicht auch als Bedrohung erleben. Sie empfinden die Hilflosigkeit und Abhängigkeit eines Babys .. als beängstigend, fühlen sich an das Kind gebunden und fürchten um ihre Eigenständigkeit.

Daher wünschen sie auch, ihr Kind möglichst viel von anderen Personen betreuen zu lassen und z.B. möglichst frühzeitig wieder zu arbeiten. Sie fürchten auch den Kontrollverlust, der durch das Richten nach den Bedürfnissen des Babys entsteht. Diese Einstellungen werden von Vorerfahrungen geprägt, so wie auch die eigene Bindungs- und Beziehungsfähigkeit und die Erwartungen an Beziehungen zu einem großen Teil ein Produkt der frühen Kindheit sind

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Beide Einstellungen können – im Extrem ausgelebt – negative Folgen haben.

Die Schwangere, die Kinder haben als höchstes Glück ansieht und die Natürlichkeit des Mutterseins betont, steht in der Gefahr, überhöhte Erwartungen an Geburt, Kinderpflege und das Kind an sich zu haben, die – natürlich – enttäuscht werden und die Frau frustriert, verzweifelt oder verdrängend zurücklassen.


Eine eher negative Einstellung zur Mutterschaft kann dazu führen, dass es der Mutter
sehr schwer fällt, eine Beziehung zum Kind aufzubauen und dessen Bedürfnisse zu
erkennen …


Auch „Liebe auf den ersten Blick“ ist nicht die allumfassende Reaktion von frisch
entbundenen Müttern auf ihr Kind.

Das Aussehen eines Neugeborenen entspricht meist nicht der Vorstellung, die in der Schwangerschaft von ihm entstanden ist: es ist zerknautscht, schrumpelig, meist dünn. So verwundert es nicht, dass in einer Studie in einem Londoner Krankenhaus 40% von 120 befragten Müttern angaben, dass das vorherrschende Gefühl beim ersten Halten ihres Kindes Indifferenz war. Am Ende der ersten Woche berichteten die meisten dieser Mütter, dass sie auch positive Emotionen empfanden …

Die Liebe der Mutter ist also nicht auf einmal vorhanden – manchmal ist dies der Fall, manchmal muss sie aber erst langsam wachsen …

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Wie sich die Beziehung der Mutter zum Kind entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab.

Pränatal können z.B. die Motive für die Schwangerschaft, die Tatsache, ob es eine
geplante oder ungeplante bzw. auch ungewollte Schwangerschaft ist, die Angst vor
einer Fehlgeburt oder Komplikationen während der Schwangerschaft die Einstellung der
Mutter beeinflussen. Auch das Eingehen der Mutter auf ein Neugeborenes oder ein
älteres Kind kann durch viele Faktoren beeinträchtigt werden, z.B. eine schwierige ..
Geburt, psychische Belastungen der Mutter, soziale Notlagen, körperliche Krankheiten
sowohl der Mutter als auch des Kindes, materielle Unsicherheit, ein schwieriges
Temperament des Kindes, nicht vorhandene oder unzureichende Unterstützung der
Mutter usw. …


Diese Ausführungen verdeutlichen, dass es DIE Mutterliebe nicht gibt.

Es gibt in der Gefühlsqualität und -ausprägung ganz verschiedene Mutter-Kind-Beziehungen, so wie jede Frau und jedes Kind unterschiedlich sind. Auch das Maß der Liebe zum Kind kann
sich verändern und sich zwischen verschiedenen Kindern unterschiedlich gestalteten

Die Ausgestaltungen der Beziehung der Mutter zum Kind hängt von der Persönlichkeit der Mutter, vom Kind und von äußeren Einflüssen ab. Genau so wenig, wie Mutterliebe immer gleichbleibend ist, stellen Mütter ihre Interessen und Bedürfnisse immer freudig zurück. Natürlich beinhaltet Muttersein auch das Aufgeben eigener Interessen und eine Einstellung auf das Kind, oft wird das auch dem Kind zu Liebe getan, aber nicht immer gern.

Frauen sind auch traurig darüber, enttäuscht, dass sie manches aufgeben müssen oder erschöpft und wütend, weil ihren Bedürfnissen nicht Rechnung getragen wird. Es kommt durchaus auch vor, dass einer Mutter andere Menschen oder auch andere Beschäftigungen manchmal wichtiger sind
als ihr Kind …

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Auch die Abwesenheit von ambivalenten oder ablehnenden Gefühlen entspricht nicht der Realität.


Auch die Versorgung der Kinder, die Erfüllung ihrer körperlichen Bedürfnisse, die
Beantwortung ihrer Fragen, das Schlichten ihres Streits, die Auseinandersetzung mit
ihnen etc. geschieht nicht immer mühelos.

Es kann enorme Anstrengung bedeuten. Ein Fazit, dass eine Mutter in ihrem Blog zieht, ist:

mütter können einfach alles.
[...]
das habe ich früher gedacht. mütter sind stark, geduldig, haben ihr leben im griff und
managen souverän auch eine fünfköpfige familie. und haben keinerlei bedenken, mit ihrer
kinderschar alleine klarzukommen. außerdem haben sie nerven wie stahl, ertragen
problemlos das wutgeheul eines dreijährigen und gleichzeitig das jammern eines
überreizten babies.
pustekuchen.
entweder bin ich …
A keine mutter oder
B ich habe mich geirrt.
da A nicht zutrifft, muss B zutreffen.
(Andersen)


Im Zusammenhang mit der Meinung, dass eine Mutter immer geduldig und
ausgeglichen ist und alles mühelos schafft, steht der Glaube, dass es – immer –
wunderschön ist, Kinder zu haben.

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Es ist nicht möglich, sich zu wünschen, dass das Kind oder die Kinder nicht da wären.

Die negativen Seiten der Mutterschaft werden verdrängt oder verleugnet. Die anstrengenden Aspekte der Elternschaft werden ausgeblendet werden bzw. wird außer acht gelassen, dass Elternschaft manchmal überwiegend anstrengend sein kann.

Wer aber den dritten Wutanfall am Tag erlebt, alle zehn Minuten Streit zwischen Geschwistern schlichten muss, permanent gefordert ist, kindgerechte Erklärungen für alle Phänomene des Alltags anzubieten und diese zu wiederholen, bis sie wirklich verstanden wurden, Reaktionen auf Fehlverhalten konsequent durchziehen muss usw. wünscht sich manchmal, keine Kinder zu haben

So fanden es die meisten der von mir befragten
Mütter (vgl. Abschnitt 2.4.1) zwar sehr schön Mutter zu sein .. , gaben aber zum Großteil
auch an, dass dies auch anstrengend ist .. .


Die Diskrepanz zwischen dem kulturell verankerten Mutterbild und der Realität wird gut
zusammengefasst durch eine Aussage von Gschwend:


„Die öffentliche Darstellung der Mutterschaft, unterstützt durch Medien und Werbung,
vermittelt ein verzerrtes Bild von Mutterschaft als reinem Glück und permanenter Erfüllung.
[…] Die Fernseh-Mutter ist stets gepflegt, gelassen, liebevoll und einfühlsam. Im Einklang
mit sich selbst hat sie das Familienglück aller voll unter Kontrolle. Unvorstellbar, dass sie
einmal die Nerven verliert, weint, schreit, tobt. […] Was die Bilder der Medien nicht zeigen,
sind die Monotonie, die Einsamkeit und die gnadenlose Häuslichkeit, die mit der
Kindererziehung einhergehen. Sie zeigen nicht, wie anstrengend es ist, ständig anwesend
zu sein, sich an feste Zeiten zu halten, zu nähren, zu pflegen, zu trösten, zu beschäftigen,
hinterher zu räumen, jede Menge undankbarer, monotoner Arbeiten auf sich zu nehmen
und andere glücklich zu machen. […] Sie sprechen nicht von den Momenten der
Erschöpfung, der Frustration, der geistigen und seelischen Depression und vom Zorn von
Müttern.“ (Gschwend 2009, S. 41)


Fasst man die Ausführungen zusammen,

zeigt sich, dass das Mutterbild und die Realität von Müttern weit auseinanderklaffen.

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