Von Tuten und Blasen: Tröten, die töten

Von Tuten und Blasen: Tröten, die töten

Es ist ein ohrenbetäubender Orkan aus Tuten und Blasen, ein Tinnitusgeräusch aus trötenden Tieffrequenzen, die Lebenslust Afrikas als Dauerton aus zehn-, zwanzig- oder fünfzigtausend Nebelhörnern. Die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika droht, an Nebengeräuschen zu ersticken: Kommentatoren klagen, dass sie nichts und niemand sie versteht, Fans stehen mit Gehörschutz im Stadion, Fernsehzuschauer diskutieren nicht Finten, Tricks und tolle Tore, sondern beinahe ausschließlich den lähmenden Lärm der im Ausrichterland der WM zur "Fankultur" erklärten "Vuvuzela"-Trompeten.
"Wo die Fahne weht, verschwindet der Geist in der Trompete", weiß ein Sprichwort aus Osteuropa, wo es auf Fußballrängen traditionell auch nicht leise zugeht. Doch gegen die Hummelschwärme des südafrikanischen Vuvuzela-Trötens ist ein Düsentriebwerk eine stille Mönchszelle. Spätestens seit dem letzten Afrika-Cup wusste die Welt, wie auf dem schwarzen Kontinent Lebensfreude und Fußballbegeisterung simuliert wird: Rasseln, Trommeln, Tuten, am liebsten ohne jeden Zusammenhang mit dem jeweiligen Spielgeschehen. Rasseln und Trommeln ist jetzt weggefallen, weil im Dauerorgeln der Plastikposaunen von Johannesburg nicht einmal mehr zu erahnen. Geblieben ist das ohne Einatmungspause tosende Tröten, ein wie maschinell erzeugtes Kollektiv-Tuten, das alles erstickt, was am Fußball sonst die Atmosphäre macht.
Fifa-Chef Sepp Blatter selbst machte sich dennoch stark für die südafrikanische Art, den Marsch zu blasen: Die Vuvuzela zu spielen sei landestypische Fußball-Kultur, sie zu unterdrückten und die üblichen Schlacht- und Fangesänge auf den Rängen damit wieder hörbar zu machen, sei ein westlicher Angriff auf afrikanische Errungenschaften, der kein Verständnis für die Eigenarten und Besonderheiten der südafrikanischen Kultur zeige. Man müsse die Andersartigkeit afrikanischer Fans würdigen und dem endlosen, nervtötenden Fäpen einfach mal bereitwillig sein Ohr leihen, hieß es bei WM-Veranstalter.
Doch Europa kommt nicht auf den Geschmack, das intolerante Deutschland verweigert sich der multikulturellen Geste. Zwei Tage kollektives Leiden am WM-Lärm haben gereicht, Südafrikas Ruf als nette Gastgebernation zu ruinieren, obwohl quäckenden Plastikröhren gar nicht südafrikanischen Ursprungs sind, sondern aus China kommen. "Jetzt ist völlig klar, warum die Kriminalitätsrate in Südafrika so hoch ist", mutmaßt ein Foreneintrag, "wer das 90 Minuten lang ertragen hat, muss einfach zum Mörder werden."
Oder sich wehren: Durchs Netz fegt ein Proteststurm, ARD und ZDF werden mit empörten Zuschauermails bombardiert, hier und da denken Fans sogar schon über einen nach. Die zentrale Protestseite ist vuvuzela.org inzwischen permanent überlastet. Auch unter Antivuvuzela.org wird versucht, mit Hilfe einer Fan-Petition für ein Ende des infernalischen Getutes zu sorgen.
Da sind dann nach Meinung der Fankulturfachzeitschrift Spiegel Rassisten und Fremdenfeinde unter sich: "Der weiße mann fühlt sich gestört", plädiert das multikulturelle Leitmagazin für eine radikale Lösung des Plastikposaunen-Problems: "Wahrscheinlich hilft da nur eins: Man kauft sich selber so ein Ding und trötet mit. Denn Krach, den man selber macht, ist bekanntlich nur halb so schlimm."
Poesie zum apokalyptischen Posaunenklang
Torärmste WM aller Zeiten: Die Welt zu Gast bei NervensägenWir sprechen zwar verschiedene Sprachen. Meinen aber etwas völlig anderes.