Von Dankbarkeit und Gleichgültigkeit

Von Dankbarkeit und GleichgültigkeitSchönheit liegt im Auge des Betrachters, sagt man.

Schönheit zu erkennen hingegen, ist eine Sache, zu der gar nicht jeder fähig ist.

In schweren depressiven Phasen bin ich gar nicht dazu in der Lage Schönheit wahrzunehmen, ich erkenne sie gar nicht als solche und selbst wenn ich es erkennen sollte, kann ich es nicht als solche empfinden.

Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich nicht genug anstrenge. Auch nicht damit, dass ich keinen Sinn für sowas habe.

Aber jeder depressive Mensch kann das bestätigen, weil er es selber immer und immer wieder erlebt.

Und dabei geht es nicht mal nur um Schönheit, sondern auch um andere Dinge, die Freude schenken sollten.
Andere empfinden es als Affront, dass man sich über ein Geschenk oder eine Geste nicht richtig freut. Und wisst Ihr, was das Schlimmste daran ist? Man weiss, dass man sich freuen müsste, aber man freut sich nicht.
Nicht, weil man den anderen nicht wertschätzt oder weil die Geste nicht anerkannt wird...es ist nichts in einem, kein Gefühl ausser Gleichgültigkeit. Egal wie sehr man in sich sucht, wie sehr man sich selber zwingen möchte, weil man weiss, dass es angebracht wäre, es geht nicht. Da ist wortwörtlich NICHTS.

Es ist ja nicht so, dass ich das, was man mir zuteil werden lässt, nicht wertvoll finde. Wenn es mir besser geht und ich Worte nochmals lese oder ein Geschenk dann in Händen halte, überrollt mich die Dankbarkeit und eine verhaltene Freude meistens regelrecht. Aber wie soll das jemand verstehen, der es nicht selber erlebt hat?

Oft wird man dann abgestempelt. Als gefühllos, eiskalt, undankbar, als alles "als selbstverständlich hinnehmend" etc. ... Wie weh solche Unterstellungen tun, kann ich gar nicht beschreiben. 

Solche Worte hinterlassen tiefe Spuren, die noch viel tiefer in Depressionen stürzen, als es eh schon der Fall ist.

Die meisten Depressiven haben deswegen auch gelernt, zu schauspielern. Ich bin da auch ganz toll drin. Freude vorspielen, weil es so sein muss. Und innerlich fühle ich rein gar nichts. 

Das bringt dann das nächste Problem mit sich. Das schlechte Gewissen. Die Anklage gegen sich selber. Die Hilflosigkeit. Die Fragen. Das Beschimpfen des eigenen "Ichs".

Und die Abwärts-Spirale dreht sich immer schneller.   

Man funktioniert nicht so, wie man soll. Man fragt sich, was mit einem nicht stimmt und wie lange das noch so weitergehen soll.

Die Erkenntnis, dass ich für meine Krankheit nichts kann, hilft in solchen Momenten auch nicht weiter. Und ich kann auch keine dauernde Rücksichtnahme oder Verständnis von anderen Menschen erwarten. Der Konflikt der sich dadurch ergibt, für den habe ich noch keine Lösung gefunden.

Aber ein Schritt ist bestimmt meine eigene Akzeptanz der Dinge und Situation. 

Wenn ich nichts fühle, kann ich es auch nicht erzwingen. Und das macht mich nicht zu einem schlechten Menschen.
Die Umsetzung ist allerdings schwierig. Auszuhalten, dass Menschen, die mir etwas Gutes tun wollen, keine Freude als "Lohn" erhalten, ist gar nicht einfach.

Es stellt sich natürlich die Frage, inwiefern Menschen ein "Recht" auf eine bestimmte Reaktion haben, aber bringt man nicht schon Kleinkindern bei, dass sie brav "Danke" sagen müssen und sich dann gefälligst zu freuen haben? 

Und unter normalen Umständen ist das ja auch das Selbstverständlichste der Welt! Man empfindet ja schliesslich auch Dankbarkeit und Freude, wenn man ein Geschenk erhält oder einem eine freundliche Geste entgegengebracht wird.

Ich habe verstanden, dass es umso wertvoller für mich ist, wenn ich diese Dinge empfinden kann. Mit jedem Mal, dass ich aufrichtig "danke" sagen kann und Freude empfinde, wächst in mir ein Stückchen "Ich bin okay, so wie ich bin." und das ist wichtig für mich. Sehr wichtig.

Und genau so geht es mir mit all den schönen Dingen um mich herum. Die Natur ist so atemberaubend schön. Und trotzdem passiert es von einem Tag auf den anderen, dass ich das nicht mehr wahrnehmen kann. 

Also habe ich etwas wichtiges gelernt und zwar in den Phasen, in denen ich es kann, die Schönheit in mich aufzusaugen.

Ich schaue nach links und rechts, sehe das, was am Wegesrand oft unbeachtet bleibt und dabei hilft mir das Fotografieren sehr. Ich zelebriere regelrecht das, was meine Seele wärmt und erfreut.
Denn ich weiss mittlerweile, dass die Phasen in denen alles um mich herum in Grautönen erscheint, lang und hart sein können und mein Sinn für Freude und Schönheit dann nicht existiert.

Und dem möchte ich etwas entgegensetzen, wenn ich dazu in der Lage bin.