Vom Schulzwang

Als Gott die Empathie verteilte, hat der Schwimmlehrer des Sohnes gerade Arschbomben geübt.

„Ich würde meinen Sohn schon zwingen“, erklärte er mir mit schnarrender Stimme am Telefon, nachdem ich ihm erklärte, dass das Kind sich hartnäckig weigere, am Schwimmunterricht teilzunehmen, und ich mich melden würde, weil ich nicht wisse, wie jetzt zu verfahren sei, „es ist Ihre Aufgabe als Mutter, ihn dazu zu bringen.“

„Aha“, erklärte ich überirdisch gelassen, „und wie soll ich das tun? Soll ich ihn vom Beckenrand stoßen?“

Doch vielleicht fange ich von vorne an. Vor zwei Wochen eröffnete mir der Sohn, dass er nicht mitschwimmen werde. Das ganze Schulschwimmen sei ein einziger Horror. Niemals würde er mit den ganzen Kindern in ein Becken steigen, vom Umziehen mal ganz zu schweigen.

Im Erziehung-nach-Bedürfnis-Spektrum liege ich vermutlich eher so in der Mitte. Bestimmte Dinge müssen einfach sein, finde ich. Aber hier, so spürte ich, lag eine Grenze. Der Sohn war zu allem entschlossen. Und bei näherer Betrachtung schien mir seine Haltung auch nachvollziehbar. Er hasste schon im Kindergarten Gruppen. Er meldet sich quasi nie im Unterricht. Er hasst es, im Mittelpunkt zu stehen. Seine Stimme wird klein und leise, wenn er vor Menschen sprechen soll. In der vierten Klasse war er ein Mobbing-Opfer. Er wehrte sich nicht. Er ist dann wie erstarrt. Nicht umsonst steht er auf der Warteliste für eine psychofunktionielle Ergotherapie, die ihm helfen soll, mit Gruppensituationen besser umzugehen, mit seiner Angst besser umzugehen.

„Es gibt eine Schulpflicht“, erklärte ich, „die schließt die Schwimmpflicht mit ein. Wenn du nicht mitschwimmst, ist das eine Leistungsverweigerung und du bekommst eine 6. Vielleicht bekommst du auch disziplinarische Maßnahmen.“

„Das ist mir alles egal“, erklärte er, „im Notfall werde ich eben weglaufen.“

„Hmhm“, sagte ich, händeringend nach Argumenten suchend, „nungut, ich sehe, es ist schwer für dich, ABER ich finde, man muss sich im Leben auch den Herausforderungen stellen. Und wenn du dich deiner Angst stellst und dich überwindest, dann wirst du hinterher stolz sein und denken: ‚Ja, ich habe es geschafft!'“

Der Sohn schaute mich mit hängenden Lidern an und erwiderte: „Mama, mal im Ernst, ich werde mir ganz bestimmt keinen Job aussuchen, bei dem ich mit meinen Kollegen zusammen schwimmen gehe! Und meine Herausforderungen suche ich mir lieber selber aus!“

Wir versuchten alles. Wir gingen in den Badehosenladen und suchten die beste Badehose der Welt (er konnte sich nicht entscheiden), wir bestachen ihn mit Lieblingsessen. Eine Woche lang Döner! Ich meine: Döner! Ich war bereit, Opfer zu bringen. Ich redete mit Engelszungen und zeigte gleichzeitig Entschlossenheit, der Sohn allerdings auch.

„Okay“, versuchte ich es, „was hältst du davon, dir das Schwimmen beim ersten Mal einfach anzusehen. Dann siehst du auch, dass es ganz normaler Schwimmunterricht ist und nichts Schlimmes.“

Ich schrieb die erste Mail an den Schwimmlehrer und bat um Rückruf. Er rief zurück. Er war entgegenkommend. Der Sohn solle die Badehose schon mal unterziehen, dann wäre das Umziehen schonmal leichter. Wenn dies gar nicht ginge, wäre auch die Sporthose ok. Wenn es weitere Probleme gäbe, solle ich mich noch einmal melden. Ich gab alle Tipps an den Sohn weiter. Er saß die erste Stunde auf der Bank, schaute zu und wurde noch entschlossener.

„Niemals. Lieber eine 6 und tausend Tadel. Wir müssen uns mit noch einer fremden Klasse gleichzeitig in einer Kabine umziehen! Ich ziehe mich doch nicht vor 40 Kindern um!“

Ich schrieb die zweite Mail an den Schwimmlehrer. Er rief nicht zurück.

Der Elternsprechtag nahte und der Sohn erklärte dem Klassenlehrer das Problem, der sich seine Gründe anhörte, ihm dasselbe sagte wie ich auch und erklärte, wir sollten mit dem Schwimmlehrer reden.

„Er ruft nicht zurück“, erklärte ich, „morgen ist Schwimmen, was soll ich tun?“

Ich solle einen Brief schreiben, in welchem ich erkläre, warum der Sohn nicht mitschwimmen möchte.

Ich schrieb diesen Brief, gab ihm den Sohn mit und bat erneut um Rückruf.

Der Schwimmlehrer rief an.

„Ich würde meinen Sohn schon zwingen“, erklärte er mir mit schnarrender Stimme am Telefon, nachdem ich ihm erklärte, dass das Kind sich hartnäckig weigere, am Schwimmunterricht teilzunehmen, und ich mich melden würde, weil ich nicht wisse, wie jetzt zu verfahren sei, „es ist Ihre Aufgabe als Mutter, ihn dazu zu bringen.“

„Aha“, erklärte ich überirdisch gelassen, „und wie soll ich das tun? Soll ich ihn vom Beckenrand stoßen?“

„Ich würde meinen Sohn schon dazu bringen.“

Ein Schauer lief über meinen Körper. „Das ist traurig“, sagte ich ernst, „und schrecklich.“

„Ihre Meinung finde ich auch nicht optimal. Er muss mitschwimmen. Es gibt eine Schulpflicht. Da könnte ja jeder kommen. Ich habe schon mit der Schulleitung gesprochen, entweder er schwimmt mit oder er braucht ein Attest. Und beim nächsten Mal soll er die Badehose mitbringen.“

„Das bringt nichts“, erklärte ich seufzend, „er zieht sie nicht an. Er hat ein Problem mit Gruppen, das ist ja der Grund, weshalb er bei Ihnen auf der Schule ist. Weil er in einer kleinen …“

„Attest oder er schwimmt mit. Geben Sie ihm eine Badehose mit. Ich sorge dann schon dafür, dass er sie anzieht. Noch was?“

Sage ich ja: Als Gott die Empathie verteilte, hat der Schwimmlehrer des Sohnes gerade Arschbomben geübt.

P.S. Unsere psychologisch ausgebildete Lerntherapeutin riet uns, mit der psychologischen Fachkraft der Schule zu reden. Leider hat die Schule keine.


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