Vom Guten und vom Bösen

Quasi zum Aufwärmen vor der neuen Theatersaison wurde das Stück „Winnie & Adi“ von Ludwig Peter Ochs in den letzten Urlaubstagen im TAG angesetzt. Der Zeitpunkt verspricht für gewöhnlich nicht gerade viel Publikum, was oft schade ist. Bei der vorliegenden Produktion, bei der Hubsi Kramar nicht nur die Person Hitlers verkörperte, sondern auch die Regiearbeit erledigte, hält sich der Gram über etwaige Besucherfehlzahlen aber in Grenzen.

Schon vor dem Sommer angekündigt, durfte man gespannt auf Hubsi Kramars Interpretation des GröFaZ sein. Umso mehr als die Idee, seine Aussagen jenen seines politischen Kontrahenten Winston Churchill in England gegenüberzustellen, tatsächlich eine außerordentlich Gelungene war. C.C. Weinberger, der in die Rolle Churchills schlüpfte, verkörpert darin einen stark reflexiven Charakter, der mit seiner nüchternen Sicht auf den Krieg und der unabdingbaren Liebe zu seinem Land Parallelen zu seinem deutschen Widersacher aufzeigte.

Der Text, der eine Collage von Originalaussagen der beiden Kriegsgegner darstellt, ist gekonnt ausgewählt. Mit ihm ließ Ochs nicht nur einen chronologischen Ablauf der beiden Viten zu und gab dabei in Kurzform einen Einblick in die Gesinnung der beiden Männer. Interessant daran war auch, dass man – und daran waren Kramar und Weinberger maßgeblich beteiligt – Hitler und Churchill als Menschen in Fleisch und Blut wahrnehmen konnte. Besonders jene Stelle, an der Hitler darüber räsoniert, wie er von seinem Hund beim Essen beobachtet wurde, und Churchill Schweine als die menschenähnlichsten Tiere postuliert war dazu bestimmt, menschliche Gefühlsregungen beim Diktator einerseits sowie jenen Humor bei Churchill wahrzunehmen, der dem englischen Politiker eigen war. Was an einer Stelle gut funktionierte, verwandelte sich an anderen jedoch leider in eher beinahe peinliche Lacher. Hitler, der als Anti-Kaffe-Trinker über das Kaffee-Embargo nachdenkt, kippt in Kramars Interpretation in eine Lächerlichkeit, die Gefahr läuft, die ganze Person als eine solche anzusehen, was sie in der Wahrnehmung seiner Zeitgenossen ganz und gar nicht war.

Hannah Arendts Feststellung von der Banalität des Bösen liegt viel näher an einer realen Charakterbeschreibung der Nazi-Größen, die imstande waren, die Bevölkerung völlig zu blenden, als ein auf der Bühne in der Lächerlichkeit agierender Hitler. Auch Kramars zum Teil beinahe amikal angelegte Ansprachen, die Hitlers Generälen galten, ließen nicht wirklich erkennen, worin die Anziehungskraft dieses Menschen lag. Optisch und durch seine perfekt einstudierte Gestik geht Kramar als perfektes Hitler-Double durch, sprachlich, trotz aller Anstrengung, aber vor allem durch das Fehlen jener brutalen Überheblichkeit, die Hitler in vielen seiner Ansprachen kennzeichneten, steht er weit abseits von jenem Mann, der ohne Skrupel auch noch in seinem Testament die Anweisung gab, das europäische Judentum zu vernichten. Kramars persönlicher Charakter, mit dem er über Jahrzehnte hinweg immer wieder gegen jeden politischen Rechtsruck in Österreich auftrat, ist der eines feinsinnigen Intellektuellen. Zu zart besaitet, zu reflektiert und zu gegenwärtig, als dass der Dämon Hitler von ihm auf der Bühne voll Besitz ergreifen könnte.

Dazu kommt, dass er sich die Latte mit der Figur Hitlers in seiner komprimierten Inszenierung sehr hoch legte. Was sich in einem anderen Surrounding wie z.B. im Film noch gut kaschieren lässt – jene Abweichungen zu einer historischen Person, die ein Schauspieler zwangsläufig mit seinem eigenen Habitus mitbringt, war in seiner Regieführung schier unmöglich. Reduziert auf das Allernotwendigste, eingestellt in einen Black-Cube, ausgestattet nur mit Sitz- und Schreibmöblage, unter völligem Verzicht auf jegliche weitere visuelle Beigabe, konzentrierte sich das Geschehen komplett auf die beiden Darsteller. Dabei gibt gerade die Fülle an Bildmaterial aus jener Zeit einen gigantischen Fundus ab, der gut dazu eingesetzt werden hätte können, die Szenerie zusätzlich zu beleben. So stellt „Winnie und Adi“ ein konzentriertes psychologisches Kammerspiel dar, das zeitweise Gefahr läuft, die Aufmerksamkeit des Publikums überzustrapazieren. Der Gute – Winston Churchill und der Böse – Adolf Hitler – wandern, jeder auf seine eigene Bühnenhälfte konzentriert, zwischen Fauteuil und Schreibtisch kontinuierlich dem bekannten Ende zu.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich mit den beiden Männern, die sich persönlich nie kennenlernten, ein europäisches Schicksal ereignete, das nicht nur Millionen Menschen das Leben kostete. Vielmehr – und darin ist die Inszenierung gelungen – kann nachvollzogen werden, wie sich die unterschiedlichen politischen Weltanschauungsmodelle in beiden Persönlichkeiten verdichteten. Sowohl Hitler als auch Churchill agierten als starke Führungspersönlichkeiten, deren Entscheidungen unbedingt Folge geleistet werden musste. Ein Umstand, der demokratisch Gesinnten vor allem heute zu denken geben sollte. Insbesondere in wirtschaftlich instabilen Zeiten, in denen der Ruf nach starken „Männern“ leider noch immer nicht verstummt ist.


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